Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet

Deutschland - Industrialisierung

978-3-14-100870-8 | Seite 86 | Abb. 2
 | Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet | Deutschland - Industrialisierung | Karte 86/2

Überblick

Die Ruhrkohle entstand im Karbon (carbo: Kohle), einer geologischen Periode, die vor etwa 345 Mio. Jahren begann und über 75 Mio. Jahre andauerte. Die enorme Biomasse tropischer Feuchtwälder in der häufig vom Meer überfluteten Saumtiefe nördlich des Variskischen Gebirges wurde unter Luftabschluss in einem durch Druck und Hitze verursachten Inkohlungsprozess über Torf und Braunkohle zu Steinkohle umgewandelt. Geologische Faltungen, Sedimente des Kreidemeeres und zahlreiche Sprünge und Verwerfungen erschwerten lange den Abbau der Kohle. In den 1830er-Jahren gelang es erstmals, die Deckschichten zu "durchteufen". Damit war die Förderung der verkokbaren Fettkohle (Koks s. u.) im Tiefbau möglich. Fortschritte in der Verhüttungstechnik und der Boom der Eisen- und Stahlindustrie waren entscheidende Voraussetzungen für den Aufstieg des Ruhrgebiets zum größten Industriegebiet des Kontinents (vgl. Karte 86.1).

Um 1850 hatte das Ruhrgebiet einen Anteil von nur 5 Prozent an der deutschen Roheisenerzeugung. Wie die Grafik zeigt, stiegen Förderungsleistung und Beschäftigtenzahl in den folgenden Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) kontinuierlich mit starken Zuwachsraten an. Dass die Anzahl der Schachtanlagen im selben Zeitraum sank, ist mit der Konzentration und Rationalisierung im Abbau sowie verbesserten Technologien zu erklären.

Die starken Schwankungen in der Förderungsleistung und der Beschäftigtenzahl nach dem ersten Höhepunkt 1914 zeichnen die politischen und gesellschaftlichen Einschnitte der folgenden Jahrzehnte nach: Inflation, Weltwirtschaftskrise, der Aufschwung durch die NS-Kriegsproduktion, der Abschwung 1945, der rasante Aufstieg mit dem deutschen "Wirtschaftswunder".

Um 1960 setzte der finale Niedergang des Steinkohlenbergbaus in Deutschland ein. Zu dieser Zeit zeigten sich die ersten Anzeichen der Kohlenkrise. Die Steinkohle aus dem Ruhrgebiet war immer weniger wettbewerbsfähig. Dies hatte mehrere Gründe:

• aufwendiger Abbau in großen Tiefen, der die Förderkosten steigen ließ;

• relativ dünne, geologisch gestörte Flöze, die sich negativ auf die Produktivität auswirkten;

• vergleichsweise hohes Lohnniveau;

• Verdrängung der Kohle vom Wärmemarkt durch billigeres Erdöl und Erdgas;

• sinkende Nachfrage (effizientere Technologien in Kraftwerken und der Stahlindustrie),

• Elektrifizierung der Eisenbahn.

Importkohle aus Übersee konnte in Deutschland deutlich billiger angeboten werden als Kohle aus dem Ruhrgebiet. Die Bergbaugesellschaften reagierten mit Rationalisierungsmaßnahmen, Unternehmensfusionen, Zechenschließungen und Massenentlassungen. Der Staat half, die Steinkohle als deutsche Energiereserve nicht gänzlich vom Markt verschwinden zu lassen. Die Kokskohlebeihilfe garantierte den Absatz einer festen Menge Koks in der Stahlindustrie. Mit dem "Kohlepfennig" stützten die Stromverbraucher den Kohleeinsatz in Kraftwerken. Beide Maßnahmen liefen 1995 aus. Bund, Länder, Unternehmen und Gewerkschaften schlossen in den Folgejahren einen Kompromiss, der den schrittweisen Ausstieg aus der staatlich subventionierten Förderung von Steinkohle bis 2018 beinhaltet.