Mittelamerika - Wirtschaft

Wirtschaft

100849 | Seite 158 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 16.000.000
Mittelamerika | Wirtschaft | Wirtschaft | Karte 158/1

Überblick

Der Übergangsbereich zwischen den Festlandsmassen des amerikanischen Doppelkontinents wird von einem Mittelmeer eingenommen, das im Westen durch eine Landbrücke und im Osten durch Inselbögen begrenzt ist. Auf der indianisch und kolonialspanisch geprägten Landbrücke liegen Mexiko und sieben Kleinstaaten. Dieser Teil vermittelt nicht nur den Nord-Süd-Verkehr über die Carretera Interamericana, sondern hat auch Brückenfunktion zwischen dem Atlantischen und Pazifischen Ozean (u. a. mit dem 1914 in Betrieb genommenen Panama-Kanal, Eisenbahn-, Straßen- und Pipeline-Verbindungen). Mittelamerika liegt in der Tropen, lediglich der äußerste Norden Mexikos nahe der Grenze zu den USA ist den Subtropen zuzuordnen.

Die östliche Begrenzung Mittelamerikas bilden die Inselgruppen der Bahamas sowie die Großen und Kleinen Antillen. Es handelt sich um eine Vielzahl unterschiedlich strukturierter Klein- und Mikrostaaten, die durchweg ihre Unabhängigkeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten und teilweise noch keine volle Souveränität besitzen. Die ethnische und politische Vielfalt dieser Region resultiert aus der Kolonialzeit. Die Guayana-Länder im Südosten (teilweise außerhalb des Kartenausschnitts) sind aus soziokulturellen und ökonomischen Gründen ebenfalls dem karibischen Bereich zuzuordnen.

Die größeren Länder (Venezuela, Kolumbien und vor allem Mexiko) streben die Stellung lateinamerikanischer Mittelmächte an. Der Gesamtraum wird seit dem 19. Jahrhundert politisch und wirtschaftlich durch die Großmacht USA dominiert, die Mittelamerika als ihren „Hinterhof“ betrachtet und Mexiko als Mitglied der NAFTA bereits stark an sich gebunden hat.

Die natürlichen Gunsträume Mittelamerikas werden zugleich in hohem Maße durch Naturkatastrophen bedroht (s. 252/253). Neben den tropischen Wirbelstürmen (s. 252.3 ), die insbesondere in der Karibik auftreten, treten Vulkanausbrüche und Erdbeben auf und vernichten in unregelmäßigen Abständen Menschenleben und Sachwerte. Besonders betroffen ist der pazifische Teil der Landbrücke.

Wirtschaftliche Strukturen

Der mittelamerikanische Wirtschaftsraum wird heute stark durch die Landwirtschaft bestimmt. In den meisten Staaten dominieren ein bis zwei agrarische Exportprodukte, wodurch sich eine starke Abhängigkeit von den Weltmarkterlösen dieser Devisenbringer ergibt. In vielen Fällen hat die staatlich geförderte Exportproduktion in Großbetrieben die bäuerliche Landwirtschaft, die sich auf Selbstversorgung sowie lokale und regionale Märkte orientiert, verdrängt.

Ein raumprägendes Strukturmerkmal ist die Plantagenwirtschaft ausländischer Kapitalgesellschaften in agroindustriellen Großbetrieben. Man versteht hierunter nicht nur eine bestimmte Form der agrarischen Produktion, sondern zugleich ein soziales und politisches System, dessen Wurzeln bis in die Kolonialzeit zurückreichen und das seinen Höhepunkt um 1900 erreichte. Die wichtigsten Produkte sind Zuckerrohr, Bananen und Palmöl, außerdem werden Baumwolle, Kakao, Zitrusfrüchte und Ananas sowie in geringerem Maße Kaffee und Tabak in Plantagen angebaut. Kaffee wird überwiegend in bäuerlichen Betrieben, nicht in Plantagen erzeugt. Die Kaffeeerzeuger bilden vielerorts Genossenschaften, um den erzeugten Kaffee gemeinsam zu verarbeiten und zu vermarkten.

Mittelamerika ist reich an Energierohstoffen. Vor allem Erdöl und Erdgas werden in großem Umfang gefördert, teilweise im Offshorebereich, in Kolumbien und Venezuela kommt der Steinkohlenbergbau hinzu. Die genannten Energierohstoffe bilden eine Grundlage für die Stromerzeugung in Mittelamerika, hinzu kommen Wasserkraftwerke sowie in Mexiko und insbesondere in den USA auch Kernkraftwerke.

Darüber hinaus werden in großem Umfang Buntmetallerze (Mexiko), Stahlveredler (Kuba), Edelmetalle (Mexiko, Kolumbien, Honduras, Nicaragua) sowie Eisenerz (Venezuela) gefördert. Die Erze werden zum einen exportiert, sie bilden zum anderen auch die Grundlage für Verhüttungsstandorte (s. 229.8).

Im sekundären Wirtschaftssektor treten im Kartenbild die Schwerpunkte im Süden der USA, im östlichen und zentralen Mexiko und im nördlichen Südamerika hervor. Orientiert auf die Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie Pipelinestandorte, konzentrieren sich Großraffinerien und die chemische Industrie in wenigen Teilräumen, vor allem an den Küsten des Golfs von Mexiko bzw. des Karibischen Meers.

Moderne Wachstumsindustrien finden sich vor allem in den USA und im Norden Mexikos nahe der Grenze zu den USA. Standorte der Elektronik, Elektrotechnik und Luftfahrtindustrie befinden sich zum Beispiel in Tijuana, Ciudad Juárez, Chihuahua, Monterrey und Nuevo Laredo. Dort spielt die Maquiladora-Industrie eine quantitativ herausragende Rolle (s. 268.2). Größter Einzelstandort der Elektronikindustrie in Mexiko ist aber Guadalajara mit mehreren zehntausend Beschäftigten. Dort produzieren global agierende Unternehmen wie Intel, Hewlett-Packard und Flextronics (einer der größten Auftragsfertiger von Elektronikprodukten weltweit, u. a. für Microsoft, Sony und Apple).

Mexiko ist darüber hinaus ein Schwerpunkt des Kraftfahrzeugbaus und seiner Zulieferer, beispielsweise ist der Volkswagen-Konzern dort stark vertreten (s. 37.6).

Von wenigen Ausnahmen abgesehen (wie Mexiko-Stadt) überwiegt in den übrigen Teilen Lateinamerikas die Leichtindustrie (Textil-, Nahrungs- und Genussmittelbranche sowie Holzverarbeitung).

Als Dienstleistungsstandorte heben sich vor allem die Hauptstädte ab, in denen sich politisch-administrative Funktionen und Bildungseinrichtungen konzentrieren. Der Tourismus hat für die kleineren Karibik-Inseln und Standorte im Pazifischen Küstenbereich eine große Bedeutung erlangt (s. 272.1). Costa Rica, die Halbinsel Yucatan in Mexiko, die Bahamas, Kuba und die Dominikanische Republik sind die wichtigsten Ziele in der Region. Es dominiert der Bade- und Kreuzfahrttourismus.

Spezielle Dienstleistungen im internationalen Finanzgeschäft ließen u. a. auf den Bahamas, den Cayman-Inseln und in Panama punktuell größere Bankzentren entstehen, die als Steueroasen einzustufen sind und eine bedeutende, aber oft kritisch bewertete Rolle in der globalisierten Wirtschaft spielen.

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