Erde - Sprachen

Erde - Religionen und Sprachen

978-3-14-100803-6 | Seite 278 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 140.000.000
Erde | Sprachen | Erde - Religionen und Sprachen | Karte 278/2

Überblick

Die Karte der Sprachstämme und Sprachfamilien zeigt eine Klassifizierung der Sprachen vorwiegend nach genetischen Gesichtspunkten. Es werden also nicht einzelne Sprachgruppen im Sinne einer Sprachtypologie nach ihrer gegenwärtigen grammatischen Struktur zusammengefasst, sondern es werden Sprachfamilien dargestellt, deren Einzelsprachen von einer gemeinsamen, oft hypothetischen Grundsprache wie dem Indogermanischen oder Hamitosemitischen abstammen. Dabei sind die dargestellten Sprachfamiliengrenzen lediglich als Näherungswerte anzusehen. Zum einen ist für genaue Aussagen der Forschungsstand in vielen Teilen der Welt noch nicht ausreichend, zum anderen werden die Grenzen auch heute noch durch Migrationen immer wieder verschoben, wie es beispielsweise im Amazonasgebiet und in Sibirien geschieht. Trotz dieser Unsicherheiten gibt eine Darstellung der Sprachfamilien interessante Hinweise auf historisch erfolgte Migrationen und Herrschaftsvorgänge.

Ausbreitung durch Akkulturation

Besonders deutlich wird dies am Beispiel Südamerikas: Im gesamten Küstenbereich sowie in weiten Gebieten im Süden und Osten des Kontinents herrschen die romanischen Sprachen Spanisch, Portugiesisch und Französisch vor. Im Landesinnern dagegen dominieren die Indiosprachen, mit Ausnahme des Amazonas und seiner Nebenflüsse. Aus dieser Verteilung wird der Verlauf der Kolonialisierung deutlich. Die Konquista erfolgte von den Küsten aus. Hand in Hand mit der militärischen und wirtschaftlichen Eroberung ging auch die kulturelle Beherrschung. Es erfolgte die Akkulturation der einheimischen Bevölkerung, die Anpassung an die Sprech-, Denk- und Lebensweise der Konquistadoren.

Dieser Prozess vollzog sich natürlich schneller in den vom Naturraum her leicht zugänglichen Küstenregionen und den wirtschaftlich interessanten Gebieten im Südosten Brasiliens. Schwer zugängliche Regionen wie die Anden und das Amazonastiefland blieben hingegen weitgehend unberührt.

Erst später erfolgte eine zunächst individuelle, dann auch staatlich gelenkte Besiedlung der weithin wirtschaftlich noch unerschlossenen Amazonasregion. Dabei folgten die portugiesisch und spanisch sprechenden Siedler den natürlichen Verkehrskorridoren, den Flüssen.

So spiegeln sich in der Verbreitung der Sprachfamilien häufig auch naturräumliche Gegebenheiten, die Siedlungsbewegungen erschwerten und damit „natürliche“ Sprachgrenzen schufen oder wenigstens begünstigten. Dadurch können wieder Rückschlüsse auf den Ablauf der Besiedlung oder Eroberung gezogen werden.

Eine präzisere Bestimmung der historischen Prozesse, die zur Ausbreitung der romanischen Sprachfamilie in Lateinamerika führten, ermöglichen die aufgeführten Einzelsprachen. So ist die Teilung Südamerikas in einen spanisch und einen portugiesisch sprechenden Teil auf den 1494 geschlossenen Vertrag von Tordesillas zurückzuführen, in dem sich die Kolonialmächte Spanien und Portugal nach einem päpstlichen Schiedsspruch über ihre künftigen Einflusssphären einigten. Die niederländischen und französischen Sprachinseln im Nordosten des Kontinents sind ebenso Relikte der europäischen Kolonialgeschichte wie die Verbreitung des Englischen und Französischen in den USA und Kanada.

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Sprachverwandtschaft und Sprachenvielfalt

Vergleicht man das Verbreitungsgebiet der Sprachfamilien mit den Landesgrenzen, so wird deutlich, dass sie nur selten, etwa im Falle Schwedens, übereinstimmen. Häufiger stoßen unterschiedliche Sprachfamilien und Kulturen innerhalb eines Landes aufeinander. Wie unter anderem die Beispiele Kanada, Brasilien, Südafrika, Belgien und Türkei zeigen, können sich Konfliktpotenziale ergeben, die mitunter zu politischen Auseinandersetzungen führen.

Von den Einzelsprachen ist das Chinesische die am weitesten verbreitete Sprache. Es folgen das Englische, das Spanische und das Hindi. Die indogermanische Sprachfamilie ist am besten erforscht.

Nicht immer aus der Karte zu ersehen ist die Sprachenvielfalt innerhalb der einzelnen Räume. So gibt es allein in Indien neben den Staats- bzw. Amtssprachen Hindi und Englisch 39 weitere selbstständige Sprachen und über 720 Dialekte und Stammessprachen. Aus dieser Konstellation können sich gravierende Konflikte ergeben. Denn wenn mehrere einheimische Sprachen offiziell als Amtssprachen anerkannt sind, nur eine jedoch im politischen und wirtschaftlichen Leben vorherrscht, kann es sein, dass ein großer Teil der Bevölkerung von der aktiven Teilnahme am politischen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen wird. Diese Problematik gibt es nicht nur in Indien, sondern auch in Peru, Bolivien und den Ländern des südlichen Afrika.

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