Emscher Landschaftspark - Landschaft des Strukturwandels

Deutschland - Raumordnung und Nachhaltigkeit

978-3-14-100803-6 | Seite 73 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 300.000
Emscher Landschaftspark | Landschaft des Strukturwandels | Deutschland - Raumordnung und Nachhaltigkeit | Karte 73/4

Überblick

Der Emscher Landschaftspark, der sich von Duisburg bis Kamen über den Kernraum des Ruhrgebietes erstreckt, gilt heute als Beispiel für eine postindustrielle Kulturlandschaft, die gleichermaßen durch die traditionelle Industriekultur und die moderne Landschaftsentwicklung geprägt wurde. An Letzterer waren in den vergangenen zwei Jahrzenten außer dem Land Nordrhein-Westfalen, der Emschergenossenschaft und dem Regionalverband Ruhr 20 Städte und zwei Kreise des Ruhrgebiets beteiligt. 2007 ging der Emscher Landschaftspark offiziell in die Trägerschaft des Regionalverbands Ruhr über, der seitdem auf der Grundlage des Masterplans „Emscher Landschaftspark 2010“ sowie mit finanzieller Unterstützung der EU und des Landes Nordrhein-Westfalen den weiteren Umbau koordiniert. Gut 200 Projekte sind bereits realisiert, weitere 250 geplant; bis 2020 soll der Landschaftspark vollendet sein.

Ein Fluss wurde zur Industriekloake

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die knapp 100 Kilometer lange, in der Nähe von Dortmund entspringende Emscher noch ein artenreicher Nebenfluss des Rheins. Dies änderte sich abrupt mit Beginn der Industrialisierung. Mit dem Boom des Bergbaus und der Montanindustrie schossen zahlreiche Städte aus dem Boden. Die rasant anwachsende Bevölkerung deckte ihren Trinkwasserbedarf primär aus der Ruhr und ihren Nebenflüssen, während das Abwasser sowohl der Städte als auch der Zechen, Kokereien, Eisen-, Stahl- und Chemiebetriebe in die Emscher gelangte. Binnen weniger Jahrzehnte wurde der Fluss zum zentralen Abwassersammler der Region, zur „Cloaca maxima“ des Ruhrgebiets. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Emscher somit einer der schmutzigsten Industrieflüsse Europas und im ökologischen Sinne tot.

Integrierte Strategie der Stadterneuerung

Wichtige Entwicklungsziele des „Emscher Landschaftsparks 2010“ waren eine neue urbane Lebensqualität und eine gesteigerte Standortattraktivität. Die Zukunft gehört heute zweifellos innovativen Unternehmen aus dem IT-, Logistik- und Dienstleistungssektor. Unter dem Motto „Arbeiten im Park“ wurden oder werden deshalb an 22 Standorten ehemalige Industriebrachen in neue Gewerbe- und Dienstleistungsparks umgewandelt. Kennzeichnend für diese neuen Gründer- und Technologiezentren sind die hohen Ansprüche an die architektonische Umsetzung und ein mindestens 50-prozentiger Grünflächenanteil. Intergraler Bestandteil des Landschaftsentwicklungskonzepts war aber auch die Erhaltung bedeutender Zeugnisse der Industriegeschichte. Alte Fördertürme, Hochöfen, Zechen und Produktionshallen wurden teils in Büro- und Gewerberäume umgebaut, teils aber auch, wie im Fall der „Jahrhunderthalle“ in Bochum, für Kunst und Kultur geöffnet.</p>
<p>Um diese Zeugnisse auch touristisch zu erschließen, wurde die „Route der Industriekultur“ ins Leben gerufen, die heute mehr als 50 Standorte mit industriekultureller Vergangenheit, darunter Museen, Siedlungen, Kunstprojekte und Aussichtspunkte, verbindet und in der Region über fünf Besucherzentren verfügt. Neues Herzstück im Wegesystem des Emscher Landschaftsparks ist der etwa 230 Kilometer lange Emscher Park-Radweg, der meist über stillgelegte Bahntrassen führt. Das Kanalsystem ermöglicht Fahrgastschifffahrt zwischen Duisburg im Westen und Dortmund im Osten.

Wiedergewinnung von Landschaft

Erst der Niedergang des Bergbaus und Teilen der Montanindustrie leitete ein Umdenken ein. In den 1990er-Jahren fiel der Startschuss für den Umbau des Emschersystems und die landschaftsplanerische Umgestaltung des Neuen Emschertals. Ein mächtiger, parallel zum Fluss verlaufender Kanal soll das Abwasser unterirdisch zwei hochmodernen Kläranlagen in Bottrop und Dortmund zuführen. Parallel wurden erste Abschnitte der Emscher mit großem Aufwand renaturiert; der natürliche Wasserhaushalt in der hoch versiegelten Region wurde durch eine gezielte Ausweitung der Versickerungsflächen gestärkt. In naher Zukunft soll der Fluss nur noch Quellwasser, Regenwasser und gereinigtes Abwasser führen. Nach der Konzeption des Masterplans „Emscher Landschaftspark 2010“ soll der Fluss bis 2030 durch den Bau eines neuen Flussbetts wieder zu einem ökologisch intakten Fließgewässer werden und zugleich zum Herzstück einer rund 85 Kilometer langen, urbanen Parklandschaft, die zahlreiche Stadtteile und Städte verbindet und die unterschiedlichsten Bedürfnisse von Erholung, Arbeit und Wohnen integriert.

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Von der Krise zum Wandel

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