Die Welt um 1914

Geschichte - Imperialismus und Erster Weltkrieg

978-3-14-100391-8 | Seite 212 | Abb. 1
 | Die Welt um 1914 | Geschichte - Imperialismus und Erster Weltkrieg | Karte 212/1

Überblick

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges herrschten eine Handvoll europäischer Staaten über gewaltige Gebiete auf anderen Kontinenten, wobei ihre Überseebesitzungen die heimischen Territorien oft um ein Vielfaches übertrafen; besonders gravierend zeigt sich dieses Phänomen am Beispiel des Britischen Empire.

Vom Kolonialismus zum Imperialismus

Der Kolonialismus begann mit den europäischen Entdeckungsreisen ab 1492. Charakteristisch für ihn war, dass er sich bis weit ins 19. Jahrhundert in der Regel auf die Anlage von Handelsstützpunkten an den Küsten beschränkte. Diese wurden meist militärisch befestigt, aber eine großflächige Okkupation – wie die der Spanier in Lateinamerika ab dem 16. Jahrhundert – war eher die Ausnahme. Zwar wurde auch schon das Hinterland der Küsten ausgebeutet, etwa durch den Sklavenhandel, aber es gab noch keine dauerhafte, institutionell und militärisch verankerte Fremdherrschaft. Hauptkolonialmächte dieser Phase waren zunächst Portugal und Spanien, dann auch Frankreich, Großbritannien und die Niederlande. Der Charakter des Kolonialismus änderte sich mit dem Aufkommen des Imperialismus. Als Imperialismus bezeichnet man den Versuch, andere Länder und Völker mit militärischen, politischen und ökonomischen Mitteln direkt oder indirekt zu beherrschen, um sie abhängig zu machen und zu eigenen Zwecken auszubeuten. Wichtigste Ziele einer imperialistischen Politik sind die Eroberung von Absatz- und Kapitalmärkten sowie Rohstoffvorkommen und die Erzielung geostrategischer Vorteile. Die europäischen Rivalitäten um den Besitz ausländischer Territorien verschärften sich mit dem Aufkommen des Imperialismus massiv. Erst jetzt kam es zur fast vollständigen Okkupation des afrikanischen Kontinents.

Die koloniale Aufteilung Afrikas

Als die Franzosen 1881 Tunesien und die Briten 1882 Ägypten eroberten, war das Innere Afrikas noch weitgehend unerforscht. Der imperiale Vorstoß wirkte wie ein Zeichen. In dem nun einsetzenden Wettlauf um afrikanische Kolonien kam es schon bald zu Konflikten zwischen den europäischen Staaten. Zur Beilegung der Streitigkeiten wurde im November 1884 in Berlin die Kongokonferenz einberufen. Dort einigte man sich darauf, dass Kolonialbesitz durch die Besetzung eines Landes begründet würde – wodurch sich der Wettstreit um unerschlossene Territorien noch verschärfte. Ziel der forcierten britischen Kolonialpolitik war eine Nord-Süd-Verbindung zwischen Ägypten und Südafrika. In wenigen Jahren gliederten die Briten ihrem Empire, dem bereits Gambia und Goldküste angehörten, unter anderem Sudan, Kenia, Rhodesien und Betschuanaland ein. Frankreich erwarb unterdessen riesige Gebiete in Nord- und Westafrika. Bis 1900 hatten die Europäer den Kontinent, abgesehen von Äthiopien und Liberia, fast vollständig unter sich aufgeteilt. (1919 kam es zur Aufteilung der ehemals deutschen Kolonien unter Frankreich, Großbritannien und Belgien.)

Die Herrschaftsformen im British Empire

Die mit Abstand bedeutendste Imperialmacht um 1914 war Großbritannien. Den Grundstein für den Aufstieg zur Weltmacht hatte das Land im 17. Jahrhundert mit der Gründung von Handelsstützpunkten und Kolonien in Amerika, Afrika und Asien gelegt. 1788 begann die Besiedlung Australiens und die Expansion im südpazifischen Raum, 1800 eroberten die Briten Malta, 1806 die Kapkolonie, 1858 wurde Britisch-Indien zur Kronkolonie. Im British Empire gab es ein Mosaik unterschiedlicher Herrschaftsformen. Kronkolonien waren dem Londoner Kolonialministerium direkt unterstellt und wurden von einem Gouverneur regiert. Es handelte sich dabei im Wesentlichen um kleinere, leicht zu kontrollierende Gebiete in der Karibik, um Hongkong und Ceylon (heute Sri Lanka) und um Länder wie Sierra Leone und Goldküste (Ghana). Ebenfalls direkt, aber nicht in demselben Ausmaß wurden die Protektorate regiert (z. B. Kenia). In kolonial beherrschten Gebieten wurden die Hoheitsfunktionen durch eine Kolonialverwaltung ausgeübt, der ein Gouverneur vorstand. Frühere Machthaber und alte politische Strukturen wurden meist vollständig ersetzt. Herrschaft wurde aber auch indirekt ausgeübt („indirect rule“). In Indien beispielsweise wurde die Regierungsgewalt über kleinere Territorien oft an lokale Machthaber (Fürsten, Stammesälteste o. Ä.) delegiert. Ihre Macht war allerdings auf die Innenpolitik beschränkt und stark reglementiert. In Britisch-Indien gab es über 500 solcher Zwergstaaten, zumeist in wirtschaftlich wenig ergiebigen Regionen (Gebirge, Halbwüsten, Landesinneres). Mancherorts gab es einen britischen Beraterstab (z. B. in Sansibar), der die Politik einer einheimischen Marionettenregierung bestimmte. Dominions waren staatsähnliche Gebilde, die ab 1839 (beginnend mit Kanada) durch schrittweise Transformation aus Kolonien entstanden. In ihnen übte die weiße Schicht der Siedler die Macht aus, gleichwohl waren sie noch eng mit dem Mutterland verknüpft. Das gilt auch für Neuseeland, Australien und die Südafrikanische Union. Das Modell der Dominions wurde nach dem Ersten Weltkrieg auch in Teilen Afrikas eingeführt. Zu diesen Besitztümern und Kolonien kamen Einflussgebiete in China, Thailand und Westasien hinzu, in denen Großbritannien eine Öffnung der Märkte für die eigene Wirtschaft erzwungen hatte. Hier nahmen Konsulate und Berater informell Einfluss auf die örtlichen Regierungen, eine direkte Herrschaftsausübung gab es aber nicht.

Die anderen Imperialmächte

Länder wie Belgien und Italien, die verspätet in den imperialen Wettlauf eingestiegen waren, errangen erst im Zuge der Aufteilung Afrikas eigene Kolonien. Sie wurden aber, ähnlich wie die Niederlande und Dänemark, nie Imperialmächte mit weltpolitischen Ambitionen. Darin unterschieden sie sich vom Deutschen Reich, das durch seine wachsende Wirtschaftskraft und sein rasch aufgebautes militärisches Potenzial in Konkurrenz vor allem zu Großbritannien trat. Auch Japan und die USA verfolgten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts imperiale Ziele. Japan hatte seine Ansprüche im Fernen Osten mit kriegerischen Mitteln gegen das Russische Reich durchgesetzt, Taiwan und Korea zu stark ausgebeuteten und repressiv regierten Kolonien gemacht und sich in China mithilfe einer Marionettenregierung weitgehenden Einfluss gesichert. Die USA hatten 1867 von Russland die Alëuten, Alaska und einige Inseln in der Beringstraße erworben. 1898 eroberten sie im Krieg gegen Spanien unter anderem Puerto Rico, Guam und die Philippinen, überdies annektierten sie Hawaii. Zu den Einflussgebieten der neuen Großmacht zählten große Teile Mittelamerikas und der Karibik.

Lebendige Karte

#
1914 – der Erste Weltkrieg
aufrufen

Lebendige Karte

#
1919 – der Vertrag von Versailles
aufrufen