Deutschland - Migrationsentwicklung

Deutschland

978-3-14-100870-8 | Seite 77 | Abb. 6
Deutschland | Migrationsentwicklung | Deutschland | Karte 77/6

Überblick

Deutschland weist seit Ende der 1950er-Jahre fast durchgängig einen Wanderungsüberschuss auf. Dies bedeutet, dass mehr Menschen nach Deutschland zuwandern als das Land verlassen. Nur für wenige Jahre sind geringe Wanderungsdefizite zu verzeichnen.

Die Zuzugsrate weist im Vergleich zur Fortzugsrate deutliche Schwankungen auf. Hintergrund sind unterschiedliche Zuwanderungsphasen.

Das Maximum in den 1960er- und 1970er-Jahren ist auf den Zuzug von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern aus Südeuropa zurückzuführen (Arbeitsmigration). Infolge der positiven wirtschaftlichen Entwicklung bestand in Deutschland ein großer Mangel an Arbeitskräften, der durch Anwerbung ausgeglichen wurde. Der erste Vertrag dazu wurde 1955 mit Italien geschlossen, es folgten 1960 Verträge mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien. Auch die DDR schloss später Verträge über sogenannte Vertragsarbeiter (unter anderem mit Vietnam, Mosambik, Angola, Kuba), allerdings war der Umfang deutlich geringer als in der BRD.

Ab dem Ende der 1970er-Jahre setzte ein starker Nachzug von Familienmitgliedern der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der vorigen Wanderungsphase ein. Hinzu kamen in den 1980er-Jahren zunehmend Spätaussiedler, vor allem aus der damaligen Sowjetunion und Rumänien. Deren Zuzug erlebte einen Höhepunkt nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Osteuropas, um anschließend endgültig abzuklingen. Nach 1990 kamen viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland.

Gegenwärtig hat die Zuwanderung nach Deutschland verschiedene Ursachen. Zum ersten gibt es das Recht der freien Wohnortwahl für EU-Bürger innerhalb der Staaten der Union. Zum zweiten wurden Einwanderungsverfahren für dringend benötigte hochqualifizierte Arbeitskräfte geschaffen. Zum dritten haben die Kriege und Krisen in Westasien, vor allem in Afghanistan, dem Irak und Syrien, zu hohen Flüchtlingszahlen geführt. Ein großer Teil der Menschen, die in die EU geflohen sind, wurde von Deutschland aufgenommen.

Die beschriebenen Zuwanderungsphasen äußern sich in der Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und in deren Herkunft (s. Diagramme). Menschen aus Europa und Russland (ohne Türkei) machten 2014 rund zwei Drittel dieser Bevölkerungsgruppe in Deutschland aus. Deutlich mehr als die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Ein zunehmender Anteil dieser Menschen ist in Deutschland geboren und hat keine eigenen Migra-tionserfahrungen mehr. Zwischen 1991 und 2014 hatte Deutschland einen Wanderungsüberschuss von rund 5,5 Mio. Menschen. Dies übt einen starken Einfluss auf die gegenwärtige demographische Entwicklung aus.