Deutschland - Industrie und Verkehr im 19. Jahrhundert

Deutschland - Industrialisierung

978-3-14-100870-8 | Seite 86 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 5.000.000
Deutschland | Industrie und Verkehr im 19. Jahrhundert | Deutschland - Industrialisierung | Karte 86/1

Überblick

Die bedeutendsten Gewerbelandschaften in Deutschland waren um 1800 vom Textilgewerbe oder der Montanindustrie (Bergbau, Verhüttung, Metallverarbeitung) geprägt. Bevorzugte Standorte des Textilgewerbes waren Mittelgebirge und ihr Vorland (Ausnahme: Textilregionen im heutigen Nordrhein-Westfalen). Die Entstehung der Textilindustrie wurde von verschiedenen Faktoren mit regional unterschiedlichem Gewicht beeinflusst. In den Mittelgebirgen war oft die Suche nach Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft ausschlaggebend. Überdies boten gefällereiche Bäche und Flüsse gute Voraussetzungen für die Anlage von Wasser- oder Walkmühlen. Teilweise gab es eine regionale Rohstoffbasis in Form von Wolle oder Leinen. Die Betriebsstrukturen waren bis 1840 überwiegend handwerklich und gewerblich bestimmt.

Die Montanindustrie war ausnahmslos an die Vorkommen von Kohle oder Erzen gebunden, die es in Mittelgebirgslandschaften oder ihren Vor- und Binnensenken gab. Überdies spielten bis ins 19. Jahrhundert Holzvorkommen für die Verhüttung eine entscheidende Rolle.

Neben diesen beiden Gewerbezweigen gewannen in der Frühphase der Industrialisierung das Glas- und Keramikgewerbe und die Papierherstellung an Bedeutung. Auch diese Industriezweige siedelten sich aufgrund ihres Bedarfs an Holz und Wassermühlen gern in den Tälern der Mittelgebirge an. Eine Blüte erlebte auch die Nahrungs- und Genussmittelindustrie.

Industrialisierung

Ein Schlüsselimpuls für die Industrialisierung in Deutschland war der staatlich forcierte Ausbau des Telegraphen- und Eisenbahnnetzes, der die Kapital- und Warenströme in einem zuvor nie gekannten Maße beschleunigte. In den 1840er-Jahren setzte eine erste Welle der Industrialisierung ein, die geprägt war vom Steinkohlebergbau, der Eisen- und Stahlerzeugung, der Metallverarbeitung (Maschinenbau) und dem Schienenfahrzeugbau. Wichtigster Standort in Deutschland war der Raum Rhein-Ruhr. Die Eisenbahn ermöglichte die Erschließung neuer Märkte, den effizienten Transport von Rohstoffen und die Verbindung zu den Häfen an der Nordseeküste (Bremen, Hamburg). Weitere wichtige Motoren der Industrialisierung waren die wissenschaftlich-technischen Fortschritte, die Zuwanderung von Arbeitskräften und der politische Wille zur Modernisierung. Neben dem Ruhrgebiet wurden Oberschlesien und das Saarland zu wichtigen Industrieregionen, die auf der Montanindustrie fußten.

Aus den Handwerksbetrieben der Textilbranche entwickelte sich parallel die moderne, auf Maschinenarbeit beruhende Textilindustrie. Eine beschleunigte Entwicklung erlebte auch die Glas-, Keramik- und Porzellanindustrie in Thüringen, Oberfranken und Sachsen (Meißen).

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Zwei Industrialisierungswellen

Die zweite Industrialisierungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt von den Entwicklungen der Elektrotechnik, Optik, Chemie und Gummiverarbeitung, später auch von der Kraftfahrzeugindustrie. Die neuen Industrien entwickelten sich oft an verkehrsgünstigen Standorten außerhalb der Montanregionen, etwa um Frankfurt/Main, in Mannheim und Berlin. Sie lagen am Rhein und anderen schiffbaren Flüssen und waren früh an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Diese Branchen waren weniger rohstoffabhängig, hatten aber Verbindungen zu Regionen, aus denen Vorprodukte geliefert wurden. Standorte der Gummiverarbeitung (Hamburg, Hannover) lagen an Einfuhrhäfen des Rohstoffs Kautschuk oder in verkehrsgünstiger Lage dazu. In den großen Häfen entwickelte sich der Schiffbau zu einer prägenden Branche.

Branchen wie die Chemie- und Elektroindustrie profitierten stark von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Epoche. Zur Steigerung des Innovationspotenzials wurden neuen staatliche Institutionen wie die Technischen Hochschulen oder die Physikalisch-Technische Reichsanstalt ins Leben gerufen. Einen starken Aufschwung erlebte die Bauindustrie durch das explosionsartige Wachstum der Städte und den sprunghaften Anstieg des Wohnraumbedarfs.

Durch die Industrialisierung bildeten sich in Deutschland zwei gegensätzliche Raumtypen heraus: verdichtete städtische Räume und ländliche Räume. Letztere blieben von der Landwirtschaft geprägt, waren durch Abwanderung gekennzeichnet und wurden von der Eisenbahn oft erst spät erschlossen. Weite Teile Norddeutschlands, insbesondere die preußischen Ostprovinzen und Mecklenburg sowie Teile der Mittelgebirge (zum Beispiel Eifel, Hessisches Bergland) zählten dazu. Die industriell geprägten städtischen Räume bildeten Zuwanderungsgebiete und wuchsen rasch. Mit der Frühindustrialisierung wurden so die Grundzüge der Bevölkerungs- und Siedlungsverteilung in Deutschland festgelegt.

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Staatlicher Ausbau der Infrastruktur

Flankiert wurde der Industrialisierungsprozess durch staatliche Infrastrukturmaßnahmen, vor allem den Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Anlage von Kanälen für die Binnenschifffahrt. Die Bahnlinien von 1850 verbanden bereits einige Altindustrieräume mit wichtigen Nordseehäfen und Berlin. Am fortschrittlichsten war das Bahnnetz in Preußen. Während hier ein Streckennetz mit durchgehender West-Ost-Verbindung von Aachen bis Kattowitz existierte, gab es in Süddeutschland vereinzelte Linien (zum Beispiel Mannheim-Basel, Ulm-Friedrichshafen), aber keine durchgehende Nord-Süd-Verbindung. Wie der Vergleich mit der Streckenführung 1871 zeigt, wurde der Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Jahrhundertmitte stark vorangetrieben (und nach der Reichsgründung 1871 noch forciert).

Der Ausbau der Kanäle belegt die damalige Bedeutung der Binnenschifffahrt. Hauptstrecken in Norddeutschland waren die großen nach Norden fließenden Flüsse, zu denen auch die neu gebauten oder ausgebauten Kanäle führten, zum Beispiel zwischen Oder, Spree und Elbe. In Süddeutschland hatten vor allem der Rhein (mit Verbindung zur Rhône), aber auch die Main-Donau-Verbindung Bedeutung.

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