Ciudad Guayana - Entwicklungspol

Kolumbien, Venezuela - Räumliche Disparitäten

978-3-14-100803-6 | Seite 229 | Abb. 8 | Maßstab 1 : 250.000
Ciudad Guayana | Entwicklungspol | Kolumbien, Venezuela - Räumliche Disparitäten | Karte 229/8

Überblick

Die bedeutendste Stadt im Norden des Berglands von Guayana war bis vor wenigen Jahrzehnten das zu Kolonialzeiten gegründete Ciudad Bolívar, die heutige Hauptstadt des venezolanischen Bundesstaates Bolívar. Das änderte sich nach der Gründung von Ciudad Guayana im Jahre 1961, weil sich die als Entwicklungspol im dünn besiedelten Osten des Landes geplante Stadt durch Ansiedlung verschiedener Industrien, Zuzug und den Ausbau der Verkehrsverbindungen im Laufe weniger Dekaden zum wirtschaftlichen Schwerpunkt des Bundesstaats Bolivar und zum Zentrum der Stahlindustrie Venezuelas entwickelte.

Standortwahl und Stadtentstehung

Wichtige Gründe für die Ansiedlung des Entwicklungspols an der Mündung des Caroni in den Orinoco waren zum einen der 790 Meter hohe „Eisenerzberg“ Cerro Bolívar und die Nähe zu weiteren Eisenerzlagerstätten, zum anderen die Sicherstellung der Energieversorgung für die Eisen-, Stahl- und Aluminiumindustrie. Diese Energie lieferte zunächst das 1962 eröffnete Wasserkraftwerk kurz vor der Caroni-Mündung und dann das Großkraftwerk am Guri-Stausee (s. 232/233), das 1968 mit der ersten Stufe in Betrieb genommen wurde und heute mit einer Leistung von 8850 Megawatt zu den größten Wasserkraftwerken der Welt zählt.

Treibende Kraft bei der Gründung des Entwicklungspols war die Corporación Venezolana de Guayana (CVG), die als staatliche Entwicklungsbehörde über weitreichende Vollmachten in den Bereichen Industrialisierung, Hydroenergiegewinnung, infrastrukturelle Erschließung und städtebauliche Planung verfügte. Um ein urbanes Zentrum für den neuen Standort zu schaffen, erarbeitete die CVG zusammen mit Fachleuten vom Massachusetts Institute of Technology ein Planungskonzept für eine Großstadt. Vor allem der Stadtteil Puerto Ordaz im Süden der Caroni-Mündung, gegenüber der bereits existierenden Siedlung San Félix, liefert ein eindrucksvolles Beispiel für eine geplante, moderne lateinamerikanische Stadt. Die alte und die neue Siedlung wurden 1961 zusammen mit dem Matanzas-Industriekomplex unter dem Namen Santo Tomé de la Guayana administrativ vereinigt und heißen seit 1979 auch amtlich nur noch Ciudad Guayana.

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Infrastruktur und Entwicklung

Während der Export von Stahl, Stahlerzeugnissen und Aluminium kein Problem darstellte, weil der Orinoco bis Ciudad Guayana auch von großen Frachtschiffen gut befahren werden kann, erfolgen Transporte in den Norden des Landes bis heute per Schwergut-Lkw. Noch Ende der 1990er-Jahre verließen täglich rund 200 Lkw allein die SIDOR-Produktionsstätten, um über dieser Brücke den Fluss zu überqueren und nach Norden zu fahren. Durch die Eröffnung einer zweiten, sehr viel näher gelegenen Orinoco-Brücke im November 2006 wurde die Anbindung deutlich verbessert. Doch noch immer ist Ciudad Guayana auf die Schwerguttransporte angewiesen. Die Pläne für eine Eisenbahnverbindung zwischen der Stadt und den Wirtschaftszentren im Norden sind alle gescheitert, nicht zuletzt aufgrund der Lobbyarbeit der Transportunternehmen.

Ciudad Guayana zählte 1961 bereits 40 000 Einwohner, fünf Jahre später war ihr Zahl auf 100 000 angewachsen, bei der letzten Zählung im Jahre 2011 wurden bereits 850 000 Einwohner registriert. Ciudad Guayana ist damit nicht nur fünftgrößte Stadt des Landes, sondern vor allem der bedeutendste Standort der venezolanischen Schwerindustrie. Die Eisen-, Stahl- und Aluminiumerzeugung ist nach der Erdölindustrie (s. 229.7) der zweitwichtigste Wirtschaftszweig des Landes, auch wenn sie nur einen – im Vergleich zum Erdöl bescheidenen – Anteil von unter fünf Prozent an den Exporten hat (Stand 2012).

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Die Entstehung des Entwicklungspols

Etwas älter als die Geschichte der Stadt ist die des Industriestandorts. Sie begann schon 1952 mit dem Bau von Erzaufbereitungsanlagen und eines Erzhafens westlich der Caroni-Mündung durch die Orinoco Mining Company. Gleichzeitig entstand eine erste Werksiedlung. In Matanzas nahm das Staatsunternehmen Siderúrgica del Orinoco (SIDOR) 1962 die Eisenproduktion auf, und ab 1974 begann der Ausbau zu einem integrierten Stahlwerk für die Herstellung von Profilstahl, Röhren, Drähten und anderen Walzprodukten. Im Jahr 1990 stellte SIDOR rund 90 Prozent der Stahlprodukte Venezuelas her.

Weitere Werke entstanden als Joint-Venture-Unternehmen zwischen der CVG und ausländischen Gesellschaften, darunter 1974 eine Fabrik zur Herstellung von Eisenbriketts, 1978 ein Werk zur Produktion von Pellets – beide stark auf den Export ausgerichtet – und 1979 eine Anlage, die aus Stückerz und Pellets Eisenschwamm für die Stahlproduktion erzeugt. Zu einer wichtigen Industriebranche entwickelte sich auch die Aluminiumproduktion. 1967 und 1978 entstanden mit US-amerikanischer bzw. japanischer Kapitalbeteiligung zwei Aluminiumwerke, die über eigene Häfen verfügen. Sie mussten zunächst auf importiertes Bauxit zurückgreifen, konnten den Rohstoff aber bald aus den nahe gelegenen Lagerstätten (s. 229.7) beziehen. Heute ist Venezuela mit rund 6 Mio. Tonnen pro Jahr der achtgrößte Bauxitförderer der Erde.

Andere Industrien, darunter ein Zementwerk, hatten für den Arbeitsmarkt keine so große Bedeutung. Hingegen werden in den weitläufigen Industriezonen für Gewerbebetriebe und die Leichtindustrie viele Arbeitskräfte beschäftigt, überwiegend in Kleinbetrieben.

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