Alpen - Sommer- und Wintertourismus

Alpen - Tourismus und Umwelt

978-3-14-100380-2 | Seite 54 | Abb. 1
Alpen | Sommer- und Wintertourismus | Alpen - Tourismus und Umwelt | Karte 54/1

Überblick

Die Hochburgen des Wintertourismus liegen in der Regel im Inneren der Alpen, während an den Alpenrändern der Sommertourismus dominiert. Auf französischer Seite gibt es viele Wintersportzentren, die ohne Rücksicht auf die historische Siedlungsentwicklung errichtet wurden. Im Unterschied dazu hat sich der Sommertourismus in Bayern, Österreich und Südtirol überwiegend auf der Grundlage alter bergbäuerlicher Dörfer entwickelt. In den Südalpen konzentriert sich der Tourismus auf die alpinen Seen, Südtirol und die Dolomiten. Daneben gibt es im Alpenraum viele kunst- und kulturhistorisch bedeutsame Destinationen für den Städtetourismus, im Norden etwa München, Zürich, Luzern, im Süden Turin, Mailand, Verona oder Venedig.

Die sechs Phasen des Alpentourismus

Vor 1880 besuchten nur wenige Touristen die Alpen. Ein Aufenthalt im Hochgebirge wurde damals noch eher als Abenteuer denn als Erholung angesehen. Die touristische Infrastruktur war bescheiden und auf wenige Orte wie Chamonix, Zermatt oder Grindelwald konzentriert. Einen ersten Aufschwung erlebte der Tourismus zwischen 1880 und 1914 durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz. Die Zahl der Übernachtungen blieb bescheiden, aber die Gäste waren zahlungskräftig. Zu ersten großen Veränderungen im Siedlungsbild der Orte kam es durch den Bau großzügiger Palasthotels. Überdies wurden erste Schmalspur- und Zahnradbahnen angelegt. Touristische Zentren dieser Phase waren das Berner Oberland, das Wallis und Graubünden. In der Zwischenkriegszeit (1918–1939) erlebte der Alpentourismus aufgrund der wirtschaftlichen Rezession einen schweren Einbruch, viele Hotels mussten schließen. Wichtige Weichenstellung waren die Errichtung erster Luftseilbahnen (ab 1927) und Skilifte (ab 1934) für den Wintertourismus. Der Massentourismus im Sommer setzte ab Mitte der 1950er-Jahre ein. Weite Teile der Alpen wurden nun touristisch erschlossen. Es entstanden Pensionen, kleine Hotels und Luftseilbahnen, die auf Aussichtsgipfel führten. Die Ausweitung der touristisch genutzten Fläche betraf etwa die Hälfte des Alpenraumes. Nach einer langen Boomphase (1955–1975) stagnierten vielerorts die Übernachtungszahlen, ab Anfang der 1980er-Jahre gingen sie in vielen kleineren Gemeinden mit dem Schwerpunkt Sommertourismus sogar zurück. Der Massentourismus im Winter, der erst Mitte der 1960er-Jahre begonnen hatte, wies dagegen bis Mitte der 1980er-Jahre starke Zuwächse auf. Zahlreiche Gemeinden entwickelten sich zu Zwei-Saison-Orten mit touristischer Monostruktur. Leitbilder waren mittelgroße Hotels für gehobene Ansprüche, Skilifte wurden über Täler hinweg zu sogenannten Skizirkussen verbunden. Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den mittelgroßen und großen Touristenzentren, da kleine Gemeinden die teure Infrastruktur nicht finanzieren konnten. Durch den Ausbau der touristischen Einrichtungen entstanden Überkapazitäten, als der Boom Mitte der 1980er-Jahre endete. Schneearme Winter von 1987 bis 1990 verschärften die Konkurrenz. Erste Regionen begannen, sich mit Beschneiungsanlagen vom Wetter unabhängiger zu machen und die Wintersaison künstlich zu verlängern. In der jüngsten Phase haben verschiedene Regionen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, was zu einer Ausdifferenzierung des Angebots führte. Aufgrund zunehmender ökologischer Probleme durch den Massentourismus setzen viele Gemeinden verstärkt auf einen nachhaltigen Tourismus, insbesondere in Nationalparkregionen. Andere Orte bemühen sich, die Konzentration auf die Winter- oder Sommersaison durch ganzjährige Angebote im Sport-, Gesundheits-, Wellness- oder Outdoorbereich abzumildern. Beschneiungsanlagen gehören inzwischen in allen Wintersportorten, auch den kleineren, zum Standard.

Tourismus in den Nachbarländern

Frankreich: Die französischen Alpen wurden, abgesehen von bescheidenen Anfängen in der Belle Epoque, ab den 1930er-Jahren für den modernen Tourismus erschlossen, wobei der Schwerpunkt immer auf der Wintersaison lag. Nach dem Vorbild der Retortenstationen aus Italien entstanden Anlagen, meist von der öffentlichen Hand getragen, die fast die ganzen Westalpen prägen. Auf Val d‘lsère und Alpe d‘Huez folgten Wintersportzentren in Courchevel und Les Deux Alpes, später auch „integrierte Stationen“, die nach einer Ski-Eignungsanalyse geplant wurden (zum Beispiel La Plagne, Tignes, Isola). Architektonisch prägend waren platzsparende Hochhausbauten, die Skipisten enden vor der Haustür. Italien: Im italienischen Alpenraum entstanden während der Belle Epoque große Tourismuszentren wie Cortina d‘Ampezzo. In den Cottischen Alpen wurde 1930 das 2000 Meter hoch gelegene Sestrière eröffnet, ein Prototyp für spätere Retortenwintersportorte. Unter Mussolini wurde auf der Südseite des Matterhorns Cervinia errichtet, das heute mit Zermatt zu einem Skizirkus verbunden ist. Charakteristisch für diese Touristenzentren ist, dass sie ökonomisch und kulturell Fremdkörper sind, ohne Anbindung an das Umfeld. Nur in Südtirol entstanden kleinteilige Tourismusstrukturen mit familiengeführten Hotels und Ferienwohnungen. Schweiz: Die Schweiz war im 19. und frühen 20. Jahrhundert touristisch führend im Alpenraum und blieb es bis in die Nachkriegszeit. Zu den Hotels aus der Belle Epoque kamen ab den 1960er-Jahren private Ferienhäuser und Apartments. Parallel dazu verlief ein Funktionswandel von Höhenkurorten zu Wintersportzentren mit Sporthotels (zum Beispiel Arosa oder Davos). Die Dichte von Tourismusorten, die 200 000 und mehr Übernachtungen aufweisen, ist in der Schweiz relativ gering, nicht zuletzt aufgrund des hohen Preisniveaus. Österreich: Österreich hat die moderne touristische Entwicklung aktiv vorangetrieben, etwa durch Förderung der Privatzimmervermietung. Dadurch entstand ein dezentrales und kleinbetrieblich strukturiertes Angebot für den Sommertourismus, das weitgehend von Einheimischen aufgebaut und betreut wurde, wie in vielen Tälern Tirols und Vorarlbergs. Mit dem Übergang zum Massentourismus in der Wintersaison entstanden Probleme, weil nur ein Teil der Anbieter in der erforderlichen Größenordnung wachsen wollte. Infolgedessen wurden vor allem in den westlichen Landesteilen viele Klein- und Mittelbetriebe verdrängt (z. B. Lech, St. Anton, Ischgl, Sölden). In den letzten Jahren hat sich auf der Basis des reichlich vorkommenden Thermalwassers eine neue Tourismusregion gebildet, das südoststeirisch-burgenländische Bäderdreieck. Thermen und Hotelanlagen haben dem eher strukturschwachen, landwirtschaftlich geprägten Raum starke wirtschaftliche Impulse gegeben. Slowenien: Der Tourismus in Slowenien hat von dem EU-Beitritt 2004 enorm profitiert. Neben typischen Wintersportzentren wie Kranjska Gora gibt es Sommerziele wie Bohinj und Kurorte wie Bled, am Alpenrand auch einige Thermenstandorte. Die Flüsse der Region sind ein beliebtes Ziel für Wassersportler.

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