Zentralbenin - Binnenmigration und Landnahmekonflikte

Afrika - Landwirtschaft/Desertifikation

978-3-14-100700-8 | Seite 134 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 50.000
Zentralbenin | Binnenmigration und Landnahmekonflikte | Afrika - Landwirtschaft/Desertifikation | Karte 134/2

Informationen

Die Karte zeigt am Beispiel eines Migrantendorfes die Konflikte, die bei der Landnahme im Zuge der ungelenkten Agrarkolonisation im Zentralteil der westafrikanischen Republik Benin auftreten, der bis weit in die 1990er-Jahre hinein noch relativ unbesiedelt war. Die Konflikte treten sowohl zwischen unterschiedlichen bäuerlichen Migrantengruppen als auch zwischen diesen Bauern und zugewanderten Viehhaltern auf und sind eine direkte Folge der von einer Vielfalt an parallel zueinander bestehenden Regeln und Normen geprägten lokalen politischen Praxis. Datengrundlage der Karte sind eigene Erhebungen. Die Ergebnisse aus Interviews, Fragebögen, Beobachtungen und Kartierungen wurden durch die Auswertung eines Satellitenbildes ergänzt.

Bevölkerungsentwicklung und Binnenmigration
Das jährliche Bevölkerungswachstum in Benin lag zwischen 1992 und 2002 bei durchschnittlich 3,25 Prozent. Die Bevölkerungszahl Benins wird sich bis spätestens 2030 von derzeit knapp 7 Mio. auf 14 Mio. Einwohner verdoppeln. Sowohl die Wachstumsraten als auch die Verteilung der Einwohner Benins, das eine Bevölkerungsdichte von 60 Einwohnern pro Quadratkilometer hat, zeigen ausgeprägte räumliche Unterschiede, die sich auch im Muster der ländlichen Binnenwanderungen widerspiegeln. Im südlichen Landesteil mit der Wirtschaftsmetropole Cotonou und der administrativen Hauptstadt Porto Novo leben fast zwei Drittel der Bevölkerung auf einem Sechstel des Staatsgebietes. Weiter nach Norden nehmen die Werte ab und liegen meist weit unter dem nationalen Durchschnitt. Lediglich die nordwestlichen, an Togo angrenzenden Gebiete zeigen wieder überdurchschnittlich hohe Bevölkerungsdichten, während der Zentralteil sehr dünn besiedelt ist.
Dieses Besiedlungsmuster hat vor allem historische Gründe. Die Zentralregion war vor der Kolonialzeit eine Art militärische Pufferzone zwischen verschiedenen Herrschaftssystemen im Norden und Süden; überdies kam es hier im Verlaufe des 18. und 19. Jahrhunderts regelmäßig zu Sklavenrazzien. Nicht zuletzt wurde eine dichtere Besiedlung in den Gebieten entlang des verzweigten Flusssystems in Zentralbenin durch regionaltypische Krankheiten wie die Flussblindheit und die Schlafkrankheit unterbunden.
Das starke demographische Wachstum in Zentralbenin gehört zu den markantesten aktuellen bevölkerungsgeographischen Prozessen in Benin und speist sich vor allem aus den Binnenwanderungen von Kleinbauern aus Süd- und Nordwestbenin. Dieses Mobilitätsmuster kann in gewissem Sinne als Ausgleichsbewegung hinsichtlich der ungleichen Bevölkerungsverteilung und den damit verbundenen Disparitäten bei der Verfügbarkeit landwirtschaftlicher Nutzfläche verstanden werden.

Landkonflikte im Zuwanderungsraum
Bei den Rodungen südlich des Dorfes Kpawa haben die Bauern ihre Felder mit einer Breite von 100 Metern angelegt, um sie dann entlang einer verbindlichen Achse weiter auszudehnen. Alle Beteiligten suchen dabei nach einer Position in der Rodungswelle, die es ihnen mittelfristig gestattet, jährlich neue Felder anzulegen und so eine möglichst große zusammenhängende Anbaufläche zu akkumulieren ohne durch andere Migranten blockiert zu werden. Die kontinuierliche Ausweitung der eigenen Felder zielt auch auf die Schaffung einer Reserve von Bracheflächen, die gegebenenfalls den im Zuge von Kettenmigrationen nachrückenden Verwandten und Bekannten für den sofortigen Nahrungsmittelanbau überlassen werden können, um ihnen dadurch die Ansiedlung zu erleichtern.
In dem Kontext der instabilen lokalen Machtverhältnisse kommt es bei diesem Rodungswettrennen zu vielfältigen Regelverletzungen, sowohl durch Einzelpersonen als auch durch die ethnisch oder sprachlich verschiedenen Migrantengruppen (Lokpa/Lama und Yom). Das Spektrum des Verbotenen reicht von der Eröffnung neuer unautorisierter Rodungswellen in Zonen, die für die Landnahme verboten sind, über gegenseitige Blockaden durch Abweichen von der vorgegebenen Rodungsrichtung bis hin zum Überspringen der Rodungsfront durch die vorgelagerte Anlage neuer Felder. Der Richtungswechsel innerhalb der Rodungswellen ist eine Strategie, um als erster ein als fruchtbarer bewertetes Areal zu erreichen, welches bei Einhaltung der Regeln einer anderen Person zufallen würde. Rodungsfronten werden übersprungen, um das in der Rodungswelle unmittelbar vor ihrer Feldfläche liegende Areal vorab zu sichern und auf diese Weise Blockaden der anderen im Vorfeld zu begegnen. In diesem Fall bildet das ungerodete Gebiet zwischen Rodungsfront und neuen Feldfläche eine Landreserve, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann. Falls die Bewirtschafter dieser Schneisen nicht identisch sind mit denjenigen der dahinter liegenden Flächen in den Rodungswellen, führt das Überspringen zu Blockaden und auch damit zu Konflikten. Je weiter die Felder nach Südosten vorrücken, desto öfter kommt es auch zu Landnutzungskonflikten der Bauern mit den Fulbe-Tierhaltern, die ihre Anbau- und siedlungsnahen Weideflächen von der Landnahme bedroht sehen.
M. Doevenspeck

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Migration und Landnahmekonflikte in Benin. - HIntergrundtext zur Diercke Karte auf S. 134.2

Autor: M. Doevenspeck, Bayreuth
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Graphiken

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Siedlungsverdichtung durch Dorfgründungen und Landnahme in Zentral-Benin (Modell)

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Mobile Tierhaltung in Benin 1970 und nach 1990 (Modell)

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Traditionelles und heutiges Verbreitungsgebiet der Fulbe

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Wechselwirkungen zwischen Biospäre und Atmosphäre

"Durch Brandrohdung werden im Amazonasgebiet extrem hohe Mengen an Aerosolen, mikroskopisch kleinen Teilen, freigesetzt. Sie können Sonnenlicht absorbieren und streuen, wodurch sie zu einer Abkühlung der Erdoberfläche beitragen. Durch die große Menge freigesetzter Aerosole können sich die Wolken, durch deren geringere Albedo, auflösen, ohne dass es regnet; oder sie steigen in größere Höhen auf, wo das Wasser gefriert."
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von Rindern verursachte Feldschäden

Häufiger Auslöser von Konflikten zwischen Bauern und Tierhaltern in Zentralbenin Foto: M. Doevenspeck, Bayreuth
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Brandrodung um Kpawa, Zentralbenin

Foto: M. Doevenspeck, Bayreuth
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Bewaffneter Kleinbauer an der Rodungsfront

Foto: M. Doevenspeck, Bayreuth
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Hausbau von Neuankömmlingen in Kpawa, Zentralbenin

Foto: M. Doevenspeck, Bayreuth
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Ankunft neuer Zuwanderer im Migrantendorf Kpawa

Foto: M. Doevenspeck, Bayreuth
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