Wolfsburg - Geplante Industriestadt - nach 1945

Industrieraum Braunschweig-Wolfsburg

978-3-14-100803-6 | Seite 37 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 100.000
Wolfsburg | Geplante Industriestadt | Industrieraum Braunschweig-Wolfsburg | Karte 37/4

Überblick

Diese Karte zeigt die Entwicklung von Wolfsburg zur Zeit der Gründung 1930/1938 (Phase 1), die Karte Wolfsburg - Geplante Iindustriestadt - nach 1945 gibt einen Überblick über die Jahre zwischen 1945 und 2012 (Phase 2). Deutlich erkennbar ist die zentrale Stellung des Volkswagenwerks, das auf einem ehemaligen Wiesen- und Waldgelände errichtet wurde. Es erstreckt sich nördlich des Mittellandkanals, eingefasst von Allerkanal und Autobahn.

Die Entwicklung von Wolfsburg

Wolfsburg als Stadtgründung ist innerhalb Deutschlands ein Sonderfall. Im Dritten Reich wurde für das Volkswagenwerk (VW-Werk) ein Standort an der Reichsbahnlinie Essen – Hannover – Berlin sowie an den neu erbauten Verkehrswegen Mittellandkanal und West-Ost-Autobahn (A2) gesucht. Die Entscheidung fiel zugunsten eines Standorts nördlich des Mittellandkanals in unmittelbarer Nachbarschaft von Alt-Wolfsburg. Adolf Hitler legte am 26.5.1938 den Grundstein für eine riesige Autofabrik, die schon 18 Monate später fertiggestellt war. Parallel zum Werksbau wurde mit dem Bau einer Industriestadt begonnen. Dazu wurden am 1. Juli 1938 die insgesamt 857 Einwohner fassenden Dörfer Alt-Wolfsburg, Heßlingen, Rothenfelde und Rothehof zur „Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagens“ bei Fallersleben zusammengeschlossen.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Autoproduktion zugunsten der Rüstungsproduktion eingestellt. Bei Luftangriffen wurden zwei Drittel der Stadt zerstört, sodass Wolfsburg 1945 nur noch aus einer zerbombten Fabrik, einer Restsiedlung und vielen Baracken bestand. Der Wiederaufbau der Stadt erfolgte autogerecht nach amerikanischem Vorbild.

Mit der Teilung Deutschlands war der ursprüngliche Lagevorteil dahin; bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze nur wenige Kilometer vom Stadtgebiet entfernt. Die West-Ost verlaufenden Fernverkehrslinien waren oft nur noch als Transitwege nutzbar. Aufgrund der innerdeutschen Grenze rekrutierten sich die Arbeitskräfte allein aus dem niedersächsischen Raum. In den 1960er-Jahren kamen immer mehr Gastarbeiter, vor allem aus Italien, die sich bei Alt-Wolfsburg in unmittelbarer Nähe des VW-Werkes ansiedelten.

In den 1950er-Jahren vollzog sich die Siedlungsentwicklung zunächst südlich des VW-Werkes zwischen Klieversberg und Mittellandkanal, wo zwischen 1951 und 1960 neue Stadtteile entstanden. Anfang der 1960er-Jahre entstanden mit den Siedlungen Tiergartenbreite und Teichbreite die ersten Stadtteile nördlich des Mittellandkanals. Sie waren durch Grün- und Waldflächen vom bestehenden Siedlungskörper getrennt. In den späten 1960er-Jahren war der Wohnungsbau in der Kernstadt zum einen durch die großen Siedlungsprojekte Detmerode und Westhagen mit mehr als 10 000 Einwohnern im Süden und zum anderen durch das reine Einfamilienhausgebiet Kreuzheide im Norden gekennzeichnet. Wegen des begrenzt verfügbaren Baulandes wurde entschieden, in Westhagen die Baufläche durch zwölfgeschossigen Wohnungsbau auszuschöpfen.

Das Wolfsburg-Gesetz ermöglichte 1972 die Eingemeindung von 18 Ortschaften, wodurch das Gemarkungsgebiet der kreisfreien Stadt Wolfsburg von 34 auf 204 Quadratkilometer erweitert wurde. Damit konnte die Stadt weitere Grundstücke für Einfamilienhäuser ausweisen. Viele Wolfsburger errichteten Eigenheime auf preiswertem Baugrund im Stadtumland. Nach dem großzügigen Ausbau der K114 zogen Beschäftigte mit ihren Familien auch in westlicher Richtung ins weitere Umland bis Gifhorn.

Nach Abschluss der Wohnungsbauphase verlagerte sich der Schwerpunkt auf den weiteren Ausbau der Infrastruktur. 1970 wurde der Allersee freigegeben und 1977 das Badeland eröffnet. Wolfsburg erhielt 1976 einen Innenstadtring, woraufhin die 40 Meter breite Hauptverkehrsstraße (Porschestraße) westlich des Großen Schillerteiches zur Fußgängerzone umgebaut wurde. Sie bildet heute den Mittelpunkt der City. Die A39 zwischen Wolfsburg und dem Autobahnkreuz Königslutter (A2) wurde 1982 freigegeben. Dadurch wurde vor allem die Ortsdurchfahrt Lehre (s. Karte 33.2) entlastet. Die Fertigstellung des direkten Autobahnanschlusses nach Salzgitter erfolgte 2009. Um das kulturelle Leben in der einstigen Werkssiedlung zu stärken und Besucher von außerhalb anzuziehen, wurden u.a. das Theater, das Kunstmuseum, der Kongresspark, das Planetarium, die Autostadt Wolfsburg und das Phaeno errichtet. Damit erlebte Wolfsburg einen Wandel von einer Werkssiedlung zu einer Stadt mit wachsender Atmosphäre und kultureller Vielfalt. Gegenwärtig ist Wolfsburg mit rund 122 000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt Niedersachsens.

Mehr anzeigen

Der Wandel im Umland

Ein Kartenvergleich zeigt den Zuwachs der Wohngebiete nicht nur in der Stadt Wolfsburg selbst, sondern in den eingemeindeten Dörfern. Deren Einwohnerzahl stieg, nachdem die Kapazitäten für neue Siedlungen im Stadtbereich ausgeschöpft waren und keine größeren Flächen an Bauland mehr ausgewiesen werden konnten. Der bei der Gründung vorgesehene Planungsrahmen für Siedlungs- und Industrieflächen war bis etwa 1964 ausgeschöpft. Für die Siedlungserweiterungen wurden in fast allen Ortsteilen selbst hochwertige Agrarflächen in Bauland umgewandelt.

Die sehr guten Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten im VW-Werk haben zur Verdrängung landwirtschaftlicher und handwerklicher Betriebe im Umland beigetragen. Dadurch veränderte sich der ländliche Charakter der eingemeindeten Dörfer allmählich, ging allerdings nicht vollständig verloren. Die Verkehrsstruktur wurde dem Wandel der Dörfer zu Pendlerwohngemeinden angepasst.

Mehr anzeigen