Wolfsburg 1930/1938 und nach 1945

Industrieraum Braunschweig-Wolfsburg

100750 | Seite 28 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 100.000
Wolfsburg 1930/1938 und nach 1945 |  | Industrieraum Braunschweig-Wolfsburg | Karte 28/1

Informationen

Die Karte links zeigt die Entwicklung von Wolfsburg zur Zeit der Gründung 1930/1938 (Phase 1). Die Karte rechts gibt einen Überblick über die Jahrzehnte zwischen 1945 und 2006 (Phase 2). Der Kartenvergleich veranschaulicht den Zuwachs der Wohngebiete zum einen in der Stadt Wolfsburg selbst, zum anderen aber auch, vor allem in jüngerer Zeit, in den inzwischen teilweise nach Wolfsburg eingemeindeten Dörfern.
Deren Einwohnerzahl stieg, nachdem die Kapazität der Neusiedlungen im Stadtkernbereich erschöpft war und keine größeren Baulandflächen mehr ausgewiesen werden konnten. Der ursprüngliche Planungsrahmen für Siedlungs- und Industrieflächen von 1938 war bis etwa 1964 ausgeschöpft. Durch Neubauten in fast allen Ortsteilen wurden selbst hochwertige Agrarflächen zunehmend zu Siedlungsgebieten. Zwischen 1972 und 2001 wurden vor allem Gebiete beiderseits der A39 und in der Umgebung von Reislingen erschlossen, sodass nunmehr die Siedlungen zwischen Fallersleben im Westen und Reislingen im Osten zu einem west-östlich ausgerichteten Siedlungsband zusammengewachsen sind, das durch einen nord-südlich ausgerichteten Ausläufer zwischen Hagelberg und Detmerode ergänzt wird. Die Karten zeigen auch die zentrale Stellung des Volkswagenwerkes, das auf einem ehemaligen Wiesen- und Waldgelände errichtet wurde. Es erstreckt sich nördlich des Mittellandkanals, eingefasst von Allerkanal und Autobahn.

Die Entwicklung von Wolfsburg
Wolfsburg ist innerhalb der Bundesrepublik als Stadtgründung ein Sonderfall. Im Dritten Reich wurde für das Volkswagenwerk (VW-Werk) ein Standort an der Reichsbahnlinie Essen — Hannover — Berlin sowie an den neu erbauten Verkehrswegen Mittellandkanal und West-Ost-Autobahn (A2) gesucht. Die Entscheidung fiel zugunsten eines Standortes nördlich des Mittellandkanals in unmittelbarer Nachbarschaft von Alt-Wolfsburg (s. Karte). Adolf Hitler legte am 26.5.1938 den Grundstein für eine riesige Autofabrik, die schon 18 Monate später fertiggestellt war. Parallel zum Werksbau wurde mit dem Bau einer Industriestadt begonnen. Dazu wurden am 1. Juli 1938 die insgesamt 857 Einwohner fassenden Dörfer Alt-Wolfsburg, Heßlingen, Rothenfelde und Rothehof zur "Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagens" bei Fallersleben zusammengeschlossen.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Autoproduktion zugunsten der Rüstungsproduktion eingestellt. Luftangriffe zerstörten zwei Drittel der Stadt, sodass Wolfsburg 1945 nur noch aus einer zerstörten Fabrik, einer Restsiedlung und vielen Baracken bestand. Der Wiederaufbau erfolgte autogerecht nach amerikanischem Muster.
Mit der Teilung Deutschlands waren die ursprünglichen Standortvorteile dahin, bis 1990 lag das Stadtgebiet nur wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Die West-Ost verlaufenden Fernverkehrslinien waren oft nur noch als Transitwege nutzbar. Aufgrund der innerdeutschen Grenze rekrutierten sich die Arbeitskräfte allein aus dem niedersächsischen Raum. In den 1960er-Jahren kamen immer mehr Gastarbeiter, vor allem aus Italien, die sich nahe Alt-Wolfsburg in unmittelbarer Nähe des VW-Werkes konzentriert ansiedelten.
In den 1950er-Jahren vollzog sich die Siedlungsentwicklung zunächst südlich des VW-Werkes zwischen Klieversberg und Mittellandkanal, wo zwischen 1951 und 1960 neue Stadtteile entstanden. Anfang der 1960er-Jahre entstanden mit den Siedlungen Tiergartenbreite und Teichbreite die ersten Stadtteile nördlich des Mittellandkanals. Sie waren durch Grün- und Waldflächen vom bestehenden Siedlungskörper getrennt. In den späten 1960er-Jahren war der Wohnungsbau in der Kernstadt zum einen durch die großen Siedlungsprojekte Detmerode und Westhagen mit mehr als 10 000 Einwohnern im Süden und zum anderen durch das reine Einfamilienhausgebiet Kreuzheide im Norden gekennzeichnet. Wegen des begrenzt verfügbaren Baulandes wurde entschieden, in Westhagen die Baufläche durch zwölfgeschossigen Wohnungsbau maximal auszuschöpfen.
1972 wurde eine Gebietsreform durchgeführt. Damit konnte die Stadt weitere Grundstücke für den Eigenheimbau ausweisen. Wolfsburger zogen verstärkt ins Stadtumland, um auf preiswertem Baugrund ein Eigenheim zu errichten. Nach dem großzügigen Ausbau der K114 zogen viele Beschäftigte mit ihren Familien auch in westlicher Richtung ins weitere Umland bis hinein in den Gifhorner Raum. Das Wolfsburg-Gesetz umfasste schließlich die Eingemeindung von 18 Ortschaften, wodurch das Gemarkungsgebiet der kreisfreien Stadt Wolfsburg von 34 auf 204 Quadratkilometer erweitert wurde.
Nach Abschluss der Wohnungsbauphase verlagerte sich der Schwerpunkt auf den weiteren Ausbau der Infrastruktur. 1970 wurde der Allersee freigegeben und 1977 das Badeland eröffnet. Wolfsburg erhielt 1976 einen Innenstadtring, woraufhin die 40 Meter breite Hauptverkehrsstraße (Porschestraße) westlich des Großen Schillerteiches zur Fußgängerzone umgebaut wurde. Sie bildet heute den Mittelpunkt der City. Die A39 zwischen Wolfsburg und dem Autobahnkreuz Königslutter (A2) wurde 1982 freigegeben. Dadurch wurde vor allem die Ortsdurchfahrt Lehre (s. Karte 28.2) entlastet. Die Fertigstellung des direkten Autobahnanschlusses nach Salzgitter war für 2008 geplant. Die Forderung, die A39 bis zum Dreieck Salzgitter bzw. nach Norden fortzuführen, wurde noch nicht erfüllt, ist aber schon wegen der Zulieferung nach dem Just-in-time-Prinzip wichtig.
Um das kulturelle Leben in der einstigen Werkssiedlung zu stärken und Besucher von außerhalb anzuziehen, wurden u. a. das Theater, das Kunstmuseum, der Kongresspark, das Planetarium und — als jüngste Projekte — die Autostadt Wolfsburg und das Phaeno errichtet. Damit erlebte Wolfsburg einen Wandel von einer Werkssiedlung zu einer Stadt mit wachsender Atmosphäre und kultureller Vielfalt. Gegenwärtig ist Wolfsburg mit rund 120 000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt Niedersachsens.

Die Siedlungen im ländlichen Umland von Wolfsburg
Die sehr guten Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten im VW-Werk haben im Laufe der Zeit zum Wandel und teilweise sogar zur Stilllegung vieler landwirtschaftlicher und handwerklicher Betriebe im Umland beigetragen. Dadurch veränderte sich der ländliche Charakter der eingemeindeten Dörfer allmählich, ging allerdings nicht vollständig verloren.
Die Verkehrsstruktur wurde diesem Wandel zu Pendlerwohngemeinden angepasst ("Stechuhren des VW-Werkes bestimmen den Lebensrhythmus des Dorfes"). Der Zuzug von Städtern mit ihren andersgearteten Ansprüchen in die neuen Baugebiete der Dörfer manifestierte sich mitunter in urbanen Bauformen, die dem ehemals landwirtschaftlich geprägten Dorfbild vorher fremd waren. Der Strukturwandel führte zu einer Umwertung des Raumes und trug maßgeblich zum Ruf nach einer Dorferneuerung bei. In diesem Zusammenhang wurden mehrere Dörfer nach 1984 mit Maßnahmen gefördert.
H. Schöpke