Wien - Innere Stadt

Österreich

978-3-14-100782-4 | Seite 43 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 12.500
Wien | Innere Stadt | Österreich | Karte 43/3

Informationen

Die Wiener Altstadt ist der historische Kern der Stadt und ein Abbild der gesamten Stadtgeschichte, die an baulichen Denkmälern, Grundrissstrukturen des Straßennetzes sowie an tradierten Nutzungsformen abgelesen werden kann.
Im Vergleich zu vielen anderen Städten, besonders in Deutschland und Ostmitteleuropa, wurde der Charakter der Wiener Innenstadt weder durch massive Kriegszerstörungen noch durch großflächige bauliche Veränderungen grundsätzlich verändert, sie wurde aber auch nicht zu einer „musealen Kulisse“ degradiert. Das weitgehend geschlossene Ensemble der Wiener Altstadt wurde von der UNESCO als „Weltkulturerbe“ ausgezeichnet.
Die Altstadt ist sowohl der kulturelle Mittelpunkt der Stadt als auch das Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Macht. Hier sind die zentralen Verwaltungseinrichtungen wie der Amtssitz des Bundespräsidenten, das Bundeskanzleramt und wichtige Ministerien zu finden. Ebenso haben die Zentralen ausgewählter Banken hier ihren Sitz. In der Altstadt gibt es eine hohe Konzentration von Theatern, die Oper, die Universität und viele exklusive Geschäfte. Mithilfe öffentlicher Verkehrsmittel (U-Bahnen, Straßenbahnen) ist die Innenstadt leicht erreichbar und daher sowohl für Touristen als auch für die einheimische Bevölkerung eine feste Größe im aktionsräumlichen Verhalten. Kärntner Straße und Graben sind attraktive Einkaufsstraßen. Historische Baudenkmäler wie der Stephansdom oder die Hofburg sind zentrale Fixpunkte im touristischen Besuchsprogramm. Täglich kommen fast 100 000 Berufstätige zu ihren Arbeitsplätzen in den zahlreichen Büros, Geschäften oder Lokalen der Wiener City. Die hohe bauliche Qualität und die gute Erreichbarkeit waren Voraussetzungen dafür, dass die Altstadt noch immer die soziale und funktionelle Mitte der Stadt ist.
Die Altstadt Wiens wird oft mit dem 1. Bezirk gleichgesetzt. Als Altstadt gilt aber nur der Teil des 1. Bezirks, der von der Stadtmauer umgeben war und heute innerhalb der Ringstraße liegt. Deutlich jünger ist die außerhalb der ehemaligen Befestigungen liegende und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbaute Randzone. Die bauliche Zweiteilung der Innenstadt in eine historische Altstadt und eine gründerzeitliche Verbauung am Rande ist noch heute am Straßenmuster und an den Ensembles der Gebäude zu erkennen. Zur City zählen auch noch die Erweiterungsgebiete der City in den angrenzenden Bezirken.
Die Wiener City ist durch die Verdrängung der Wohnfunktion gekennzeichnet – ein Prozess der bereits in der Gründerzeit einsetzte. Wohnungen wurden durch Büros und Einzelhandelsbetriebe ersetzt. Die Wohnfunktion konnte sich hier nur in den oberen Stockwerken halten und wurde auf randliche Bereiche der Innenstadt, auf Seitengassen und weniger attraktive Teile zurückgedrängt. Lebten in der Frühgründerzeit noch 65 000 Menschen in der Innenstadt, so waren es 2007 nur mehr rund 17 200.
Der Citybildungsprozess vollzog sich in zwei Etappen, wobei die erste Phase gegen Ende des 19. Jahrhunderts und in der Ersten Republik ablief, während die zweite Etappe zwischen 1960 und 1980 mit dem neuerlichen wirtschaftlichen Strukturwandel und seinem hohen Bedarf an Geschäfts- und Büroflächen zusammenhängt. Gleichzeitig wanderten viele Menschen in die neu errichteten Wohnquartiere am Stadtrand ab. Seit 1980 ist der Trend etwas gebrochen, denn ein Wohnen in der Innenstadt gilt für neue Lebensstilgruppen wieder als erstrebenswert.

Die innere Differenzierung der City
Die Innere Stadt stellt kein homogenes Ganzes dar, denn sie ist historisch gewachsen und weist Wachstumsringe auf, die den Phasen der Stadtentwicklung entsprechen. Überlagert wird diese Entwicklung durch eine Viertelbildung.
Die Geschichte des 1. Bezirkes wird am deutlichsten anhand des Baualters der heute noch bestehenden Gebäude sichtbar. Mehr als ein Drittel der Wohnungen stammen aus der Zeit vor 1880. Die ältesten Gebäude mit Wohnfunktion finden sich im nordöstlichen Bereich der Altstadt, da die Rückseite der City durch den gründerzeitlichen Umbau am wenigsten betroffen war (Bereich Bäckerstraße, Sonnenfelsgasse).
In der Gründerzeit erfuhr die Innere Stadt eine bedeutsame Überformung – ein Drittel aller Wohnungen stammt aus der Zeit zwischen 1880 und 1918. In dieser Phase wurden zentrale Plätze und Straßen vergrößert und verbreitert.

Funktionale Gliederung der City
Neben einer Differenzierung nach Entwicklungsperioden ist auch eine funktionale Gliederung der City festzustellen. Hier lassen sich klare und großräumige Einheiten erkennen. Zwischen den einzelnen Sektoren bestehen Überschneidungsbereiche, in denen sich die Ausläufer der jeweils dominanten Funktionen mischen.

  • Hauptgeschäftsviertel: Entlang der Ausfallstraßen in Richtung Norden und Süden sowie im Nahbereich der alten Markt- und Handelsplätze haben sich in der Gründerzeit Einkaufsstraßen etabliert. Sie bilden als funktionale Einheit das Hauptgeschäftsviertel, das Kärntner Straße, Graben, Kohlmarkt, Tuchlauben, Rothenturmstraße und Wollzeile umfasst. Hier konzentrieren sich Geschäfte mit einem eher auf den gehobenen Bedarf ausgerichteten Sortiment. Die Filialisierung und Internationalisierung des Einzelhandels ist auch in den zentralen Einkaufsstraßen der Innenstadt festzustellen. Die Umstrukturierung der Hauptgeschäftsstraßen geht dabei Hand in Hand mit den Hauptachsen der Fußgängerströme in der City. Seit 1970 wurden die Haupteinkaufsstraßen sukzessive in Fußgängerzonen umgewandelt. Da sie auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt miteinander verbinden, werden diese auch von Touristen stark frequentiert. Das Angebot der Einkaufsstraßen hat sich in den letzen Jahren immer mehr an die touristische Nachfrage angepasst. Zahlreiche Straßencafes und Souveniergeschäfte durchbrechen das traditionell exklusive Angebot. Um das Aktionshaus Dorotheum hat sich ein Antiquitätenviertel etabliert, das auf eine längere Tradition zurückblicken kann. Die Wiener Ringstraße bildet ein weiteres Ergänzungsgebiet der Einzelhandelscity. Dominiert wird die Geschäftsstruktur der Ringstraße durch Niederlassungen der Reisebranche durchmischt mit Betreibern des Gastgewerbes. Der Kernbereich liegt dabei am Opern- und Kärntner Ring. Die jüngste Dynamik an der Ringstraße ist vor allem im Bereich des Hotelgewerbes festzustellen, da in den letzten Jahrzehnten neben den traditionellen Luxushotels zahlreiche internationale Ketten repräsentative Hotels errichtet haben, die dank des ständig wachsenden Besucherstromes nach Wien der Altstadt eine weitere Funktion verleihen.
  • Regierungsviertel: Die Hofburg und die anschließenden barocken Palastbauten bilden als historisches Erbe den Kern des Regierungsviertels, das den Bereich zwischen Freyung, Herrengasse und Ringstraße umfasst. Zentrum ist der Ballhausplatz mit dem Amtssitz des Bundespräsidenten und dem Bundeskanzleramt. Die ehemaligen Stadtpalais des Hochadels dienen heute als Sitz von Bundesministerien. Im Zuge des Ausbaues der Ringstraße erfolgte die Errichtung des Parlamentsgebäudes, des Justizpalastes und des neuen Rathauses, was zu einer Erweiterung des Regierungsviertels über die Altstadt hinaus führte. Die Regierungscity umfasst etwa ein Viertel der Fläche der Inneren Stadt. Im Nordosten der Inneren Stadt befindet sich das Erweiterungsgebiet der Regierungscity – ausgehend vom Gebäude des ehemaligen Kriegsministeriums greift es in den 3. Bezirk über.
  • Finanzviertel: Im Bereich der Freyung schließt sich nördlich an die Regierungscity – im Stadtbild nicht unmittelbar erkennbar – das Finanzviertel an. Im gründerzeitlichen Baubestand sind die zentralen Verwaltungseinrichtungen und Headquarters großer Banken, Versicherungen und Energieunternehmen zu finden. Am gegenüberliegenden Ufer des im Nordosten angrenzenden Donaukanals befindet sich das Erweiterungsgebiet der Wirtschaftscity. In diesem Bereich des Citymantels haben sich vor allem Versicherungsunternehmen in meist neu erbauten Bürogebäuden angesiedelt.
  • Kulturviertel: Die Gebäude der Hofburg bilden nicht nur das Zentrum des Regierungsviertels, sondern sind auch Zentrum des Kulturviertels, welches in seinen Strukturen ebenfalls durch die spätgründerzeitliche Anlage der Ringstraße vorgezeichnet wurde. Die Neue Hofburg beherbergt nicht nur die Österreichische Nationalbibliothek, sondern auch zahlreiche Sammlungen. In östlicher Richtung setzt sich das Kulturviertel über die Kunstsammlung der Albertina bis zur Staatsoper fort und reicht über die Sezession bis zum Museum für angewandte Kunst. Im Westen geht das Kulturviertel beim Burgtheater in das Universitätsviertel über. Jenseits der Ringstraße liegen das Kunst- und das Naturhistorische Museum. Erweitert wurde das Kulturviertel durch das im Jahr 2001 eröffnete Museumsquartier in den Gebäuden der ehemaligen Hofstallungen. Der Südosten des Kulturviertels wird im gründerzeitlichen Erweiterungsgebiet der Altstadt von musikalischkulturellen Einrichtungen dominiert wie dem Gebäude des Musikvereins und dem Konzerthaus.
  • Universitätsviertel: Im Norden des Regierungsviertels, in unmittelbarer Nachbarschaft von Neuem Rathaus und Burgtheater bildet das Gebäude der Hauptuniversität das Zentrum des sich in Richtung 9. Bezirkes ausdehnenden Universitätsviertels. Entlang der Achse Unversitätsstraße – Alser Straße – Währinger Straße befinden sich zahlreiche weitere Universitätsgebäude. Die durch den Neubau des Allgemeinen Krankenhauses freigewordenen Gebäude werden als Universitätscampus genutzt. Im südöstlichen Erweiterungsgebiet der City am Karlsplatz liegt der Bereich der Technischen Universität.
  • Textilviertel: Rückzugsgebiet der City – im Nordwesten an der Rückseite der Altstadt und der Wirtschaftscity haben sich Reste eines Textilviertels mit Einzel- und Großhandelsunternehmen aus dem Bereich Textil und Konfektion erhalten.
  • Freizeitviertel: Die Wiener Innenstadt weist die größte Dichte an Gastronomiebetrieben auf. Damit ist ihre Funktion für Freizeit und Unterhaltung dokumentiert. Im ehemaligen Rückzugsgebiet der City im Nordosten hat sich eine Art Freizeitviertel entwickelt. Vom Schwedenplatz Richtung Juden- und Griechenviertel ist eine lebendige Lokalszene entstanden, die auch am Abend viel Leben in die Innenstadt bringt. Dieses Viertel – in Wien auch „Bermudadreieck“ genannt – profitiert von der guten Erreichbarkeit, der hohen Dichte an Arbeitsplätzen und den zahlreichen Touristen.
  • Durch das Ausgreifen der Cityfunktionen haben sich schon in der Gründerzeit entlang der zentralen Hauptgeschäftsstraßen – Mariahilfer Straße, Landstraße sowie im Bereich Taborstraße/Praterstraße – Subzentren der City herausgebildet.
F. Forster