West- und Mitteleuropa - Wirtschaft

West- und Mitteleuropa – Wirtschaft

978-3-14-100782-4 | Seite 70 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 6.000.000
West- und Mitteleuropa | Wirtschaft | West- und Mitteleuropa – Wirtschaft | Karte 70/1

Informationen

Das industrieräumliche Standortgefüge ist, neben einem grundsätzlichen Zentrum-Peripherie-Gefälle im Gesamt-raum, gekennzeichnet durch Hauptindustrieachsen, die mit Unterbrechungen von Mittelengland über London, das nordfranzösisch-belgische-niederländische Industrierevier, das Rheinisch-Westfälische Industriegebiet, den Rhein-Main-Raum, den Mittleren-Neckar-Raum bis in die Region Basel verlaufen. Neben diesen wichtigen industriellen Ballungsgebieten treten die großstädtischen Agglomerationsräume (z. B. Paris, München) in den Vordergrund.
Umfang und Ausprägung der Wirtschaftsstruktur und ihrer Veränderung sind zunächst an den Produktions- und Beschäftigungsdaten des primären, sekundären und tertiären Sektors abzulesen (vgl. 86.1). Im sekundären Sektor haben alle führenden Industrienationen seit 1965 durch sektoralen Strukturwandel (Tertiärisierung) und Rationalisierung den Anteil der Erwerbstätigen reduziert. Das gilt auch für ostmitteleuropäische Staaten, in denen die Zahl an Industriebeschäftigten seit Beginn des politisch-ökonomischen Transformationsprozesses z. T. erheblich geschrumpft ist. Die Nutzung der vergleichsweise günstigen Standortfaktoren, der Aufbau neuer Märkte außerhalb des ehemaligen RGW, die Neuansiedlung von Produktionsstandorten etwa des Fahrzeugbaus und die Integration in den gemeinsamen Wirtschaftsraum der EU zeigen dort Erfolge, wenn auch regional sehr unterschiedlich.

Bergbau
Unter den in der Karte verzeichneten Bergbaustandorten von Kohle und Erzen sind nach internationalem Maßstab nur wenige konkurrenzfähig, auch wenn einige von ihnen (z. B. Steinkohle, Eisenerz) ehemals die Voraussetzung für die Entstehung ganzer Industriereviere bildeten und dort z. T. heute noch gefördert wird. Sie stehen für ein Rückzugsstadium. Die Förderung von Erdöl und Erdgas aus der Nordsee steht dagegen wegen der hohen Nachfrage im Gegensatz zur Kohleförderung. Neben dem Einsatz als Energieträger werden sie als ein wichtiger Rohstoff für die Chemische Industrie genutzt.

"Medium- und High-Technology"-Industrien
"Medium-Technology" (z. B. Kraftfahrzeugindustrie, Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau) und "High-Technology" (z. B. Luft- und Raumfahrttechnik, Elektronik, Biotechnologie) werden als "Wachstumsindustrien" zusammengefasst.
Trotz der individuellen Standortunterschiede, die die forschungs- und entwicklungsintensiven Wachstumsindustrien kennzeichnen, gilt doch die Bevorzugung der Zentralregionen mit Agglomerationsvorteilen. Im Zuge der globalen Orientierung der meisten Unternehmen werden Produkte dieser Branchen aber z. T. auch an Standorten im Ausland hergestellt.
Flugzeugbau, Elektronik, Photonik und Biotechnologie als "High-Tech"-Branchen besitzen ihre wichtigsten Standorte in Verdichtungsrämen wie München und in diversifizierten Industriegebieten mit hochqualifizierter Unternehmer- und Facharbeiterschaft mit langer Tradition (z. B. Baden-Württemberg, Region South-East in England). Standorte multinationaler Konzerne prägen ganze Regionen (z. B. Eindhoven). Neben den engen Beziehungen zu Universitäten und Forschungsinstituten (Fachkräfte, Forschung und Entwicklung) ist das Angebot an Dienstleistungen ein weiterer Standortvorteil der Agglomerationen. Cluster und Industrieparks miteinander verflochtener hochspezialisierter Teilbranchen sind ein verbreitetes Organisationsmodell geworden (vgl. 111.3), das auch in der regionalen Wirtschaftsförderung eine Rolle spielt. Eine Besonderheit stellt der Flugzeugbau dar. Die Standorte des Airbuskonzerns wurden entsprechend dem Charakter als europäischem Kooperationsprojekt auf die teilnehmenden Staaten verteilt. Standorte wie St-Nazaire oder Bantes in Frankreich zeigen, dass bei der Standortwahl auch raumordnerische Argumente eine Rolle spielten.
Trotz hocheffizienter Fertigungstechnologie besitzt der Kraftfahrzeugbau eine beachtliche direkte und eine noch weit bedeutendere indirekte Beschäftigungswirkung für manche Staaten. Während Deutschland und Frankreich ihre Produktion steigern konnten bzw. Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei wichtige Montagestandorte ausländischer Konzerne wurden, nahm die Bedeutung der britischen Autoindustrie stark ab.

Dienstleistungen
Innerhalb Europas hat sich eine differenziertes Netz spezialisierter Dienstleistungsstandorte herausgebildet. London, Frankfurt/Main, Brüssel und Rotterdam sind Beispiele für bedeutende Dienstleistungsstandorte in den Agglomerationen. Während in Brüssel Medien und Verwaltung dominieren, sind Frankfurt/Main und London Finanzstandorte. Rotterdam als Hafenstandort ist auf Logistik spezialisiert. In einigen der peripheren Regionen dominiert der Tourismus als Leitbranche, z. B. an der französischen Atlantikküste und in den Alpen.
M. Schrader