Weltbild der Kulturerdteile nach A. Kolb und J. Newig

Erde - Kultur und Migration

978-3-14-100803-6 | Seite 279 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 140.000.000
 | Weltbild der Kulturerdteile nach A. Kolb und J. Newig | Erde - Kultur und Migration | Karte 279/3

Überblick

Die Karte zeigt die Verteilung der Haushaltstypen in den Ländern der Welt, wobei größere Kulturkreise zu Kulturerdteilen zusammengefasst werden. Neben den Namen der Kulturerdteile finden sich in einem schwarzen Kasten die durchschnittlichen Haushaltsgrößen. Zusätzlich wurde für einen Teil der Länder das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen in die Karte aufgenommen.

Individualsysteme

Hinter den nackten Daten der durchschnittlichen Haushaltsgrößen verbergen sich aufschlussreiche soziale und ökonomische Zusammenhänge. In Staaten mit kleinen Haushaltsgrößen, zum Beispiel in Europa, herrschen Individualsysteme vor, also soziokulturelle Systeme, in denen der einzelne Mensch, das Individuum, mit seinen jeweiligen Rechten und Pflichten die kleinste soziale Bezugsgröße ist. Für persönliche und berufliche Entscheidungen sind die eigenen Lebensumstände maßgeblich, nicht die Ansichten eines größeren Familienverbandes. Die staatliche Organisationsform der Individualsysteme ist zumeist die moderne Demokratie, in der der Staat viele Aufgaben übernimmt, die anderswo von der Familie getragen werden. Deutlich zeigt sich dies am Beispiel der Altersvorsorge, die auf einem ausgefeilten Rentensystem beruht.

In Individualsystemen herrscht überdies ein hohes Pro-Kopf-Einkommen, da kleine Wohnungen erheblich größere finanzielle Mittel erfordern. Einpersonenhaushalte können massenhaft nur in modernen Konsumgesellschaften existieren, in denen die materielle Orientierung im Vordergrund steht. Die Menschen besitzen eine hohe Flexibilität, wie sie der Arbeitsmarkt in marktorientierten Gesellschaften verlangt. So erwarten die Arbeitgeber die Bereitschaft und die Fähigkeit der Mitarbeiter, dorthin umzuziehen, wo sie beruflich gebraucht werden. Damit können auch Innovationen schneller umgesetzt werden. So weisen die Kulturerdteile mit extrem kleinen Haushalten von unter drei Personen oft eine hochintegrierte Wirtschaft auf. Religiöse und andere Wertorientierungen ordnen sich hier dem ökonomischen Geschehen unter. Die Jugend wird höher wertgeschätzt als das Alter, steckt in ihr doch das höhere Innovationspotenzial im Vergleich zum Erfahrungswissen der Älteren.

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Aussagewert von Haushaltsgrößen

Die Haushaltsgrößen wurden lange Zeit nur wenig beachtet, dabei sind sie soziologisch und ökonomisch von größter Bedeutung. Der Haushalt ist in jeder nationalen Statistik mit Recht die kleinste soziale Einheit. Der Begriff beinhaltet in der Regel eine räumlich-geographische und eine soziale Komponente: die Wohnung und den Sozialverband, zumeist die Familie. Ohne funktionierende Haushalte gibt es keinen funktionierenden Staat.

Bei der Interpretation der vorliegenden Daten muss darauf hingewiesen werden, dass die Statistiken mancher Länder nicht zuverlässig sind, weil die Erfassung – vor allem auf dem Lande, wo die Haushaltsgrößen überdurchschnittlich sind – mitunter zu wünschen übrig lässt. So sind die Werte in Afrika südlich der Sahara vermutlich allgemein etwas zu niedrig angesetzt. Auch die Statistiken über das Heiratsalter entsprechen oft nicht der Realität. So dürfte das Heiratsalter der Frauen insbesondere in manchen Staaten des Orients und in Südasien in Wirklichkeit niedriger sein, als es die Zahlen ausweisen.

Als übergeordnete räumliche Bezugseinheit wurden die Kulturerdteile (nach Kolb und Newig) verwendet, um zu zeigen, dass Haushaltsgrößen nicht zufällig schwanken, sondern soziokulturelle Eigenheiten und Entwicklungsprozesse widerspiegeln. Dabei spielen Religionen (s. 278.1) eine nicht geringe Rolle. Selbst konfessionelle Unterschiede schlagen sich in den Daten nieder. Neben der Religion nehmen auch andere kulturelle Traditionen Einfluss auf die Haushaltgröße. So wirkt in China der Konfuzianismus fort, der das Verhältnis der Generationen regelt. Dort leben – trotz der staatlich kontrollierten geringen Geburtenrate – oft die Großeltern noch in derselben Wohnung wie die Kinder und Enkel, wodurch die Haushaltsgröße vergleichsweise hoch ist.

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Verwandtschafts- und Mischsysteme

Große Haushalte beruhen zumeist auf einem stärkeren Familienzusammenhang. In Staaten mit vorherrschenden Verwandtschaftssystemen werden grundlegende Entscheidungen für das Leben des Einzelnen im Familienrat gefällt, dem in der Regel ein männliches oder weibliches Familienoberhaupt vorsteht, das durch Alter oder Autorität als letzte Instanz im privaten Bereich fungiert.

Ungeschriebene Gesetze des Familienclans präzisieren, ergänzen und ersetzen zum Teil sogar das staatliche Recht. Die Familie orientiert sich an der Tradition, kümmert sich um jedes einzelne ihrer Mitglieder, trägt die Versorgung im Alter, organisiert das soziale Zusammenleben und achtet auf die Einhaltung der Sitten und Bräuche. Da Gemeinschaften dieser Art auf ein lebenslanges Zusammenleben ausgerichtet sind, verlangen sie vom einzelnen Mitglied ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft. Dafür werden im Geschäftsleben und im öffentlichen Dienst bevorzugt Familienmitglieder berücksichtigt („Vetternwirtschaft“). Unstimmigkeiten werden durch familieninterne Schiedsgerichte ausgeräumt. Familienfeste mit großer Beteiligung sorgen dafür, dass die einzelnen Mitglieder sich immer wieder ihrer Rolle innerhalb der Gruppe bewusst werden. Verwandtschaftssysteme dieser Art herrschen vor allem im Orient, in Schwarzafrika und Südasien vor.

Bei mittleren Haushaltsgrößen sind Elemente beider Systeme miteinander verwoben. Sie werden deshalb als Mischsysteme bezeichnet. Hierzu zählen die Kulturerdteile Russland, Ostasien und Australien. Relativ stark zum Verwandtschaftssystem tendieren Lateinamerika und Südostasien mit durchschnittlich vier Personen pro Haushalt. Australien stellt weltweit eine gewisse Ausnahme dar, weil die Pioniersituation hier einerseits relativ große Haushalte begünstigt, andererseits eine traditionelle Wertorientierung aufgrund der noch geringen Konsolidation wenig ausgeprägt ist, weshalb die Affinität zum Individualsystem an der Haushaltsgröße nicht ganz so stark sichtbar wird.

Was das Heiratsalter der Frauen betrifft, so korrelieren im Allgemeinen große Haushaltsgrößen und junges Heiratsalter. Umgekehrt verzeichnen Länder mit kleinen Haushalten ein höheres Heiratsalter.

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