Warschau - Innenstadt - 1937

Mitteleuropa - Transformation und EU-Integration

978-3-14-100803-6 | Seite 112 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 50.000
Warschau | Innenstadt | Mitteleuropa - Transformation und EU-Integration | Karte 112/1

Stadtgeschichte bis 1937

Die am Rand einer Terrasse an der Weichsel planmäßig angelegte Altstadt mit dem rechteckigen Markt (Rynek) als Zentrum bildet den historischen Kern von Warschau. Diesem zuzurechnen sind auch die regelmäßig angelegte Neustadt aus dem frühen 15. Jahrhundert und das Königliche Schloss. Der polnische König Sigismund III. hatte im späten 16. Jahrhundert seinen Hof von Krakau nach Warschau verlegt und der Stadt dadurch einen Entwicklungsschub gegeben.

Mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte die Stadt ihren Einfluss sogar erweitern. Weil die Befestigungsanlagen 1916geschliffen wurden, wuchs das Stadtgebiet von 33 auf 115 Quadratkilometer. Nach der Erklärung der staatlichen Unabhängigkeit im Oktober 1918 wurde Warschau Hauptstadt der Republik Polen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Innenstadt und die daran angrenzenden Vororte durch Hinterhöfe und sechsgeschossige Häuser hoch verdichtet, die Bevölkerungsdichte lag in einigen Stadtgebieten bei bis zu 21 000 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das Handels- und Geschäftszentrum von Warschau befand sich in der Umgebung der Sächsischen Gärten und in den Straßenzügen südlich davon. In den Vororten dominierte eine Mischung von Industrie-, Gewerbe- und Wohngebieten.

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Neuaufbau nach 1945

Auf der Karte 2015 überlagern sich die Ergebnisse zweier ganz unterschiedlicher Stadtentwicklungsphasen. Die erste Phase dauert von 1945bis 1989. Sie ist im Kartenbild u. a. am erfolgreichen Wiederaufbau zu erkennen, der 1947 mit der originalgetreuen Rekonstruktion der Alt- und Neustadt begann und 1958 weitgehend beendet war; Schloss und Schlossplatz erstanden zwischen 1971 und 1977 neu. In den übrigen Stadtteilen verfolgte man beim Wiederaufbau die beiden Prinzipien Auflockerung durch Grünflächen und Funktionstrennung (Verlagerung der Industriebetriebe an weiter außerhalb gelegene Standorte).

Die Grundsätze des sozialistischen Städtebaus der Stalin-Ära wurden in den 1950er-Jahren im Gebiet südlich des Sächsischen Gartens angewendet. Die Hauptgeschäftsstraße Marzalkowska wurde zur Magistrale, die sich nach Westen in einen breit angelegten Platz mit dem dominierenden, 234 Meter hohen Kulturpalast öffnet. Diese Nord-Süd-Achse wird von einer Ost-West-Achse, der Aleje Jerozolimskie, geschnitten. Im südlichen Teil der Innenstadt entstand in 1950er-Jahren das Marszalkowska-Wohnviertel (6300 Wohnungen, 22 000 Einwohner). Um einen zentralen Platz um den Kulturpalast anlegen zu können, wurde der Zentralbahnhof gegenüber 1937 nach Westen verschoben (Neueröffnung 1975). Das im Süden gelegene ehemalige Flughafengelände wurde in einen Park umgewandelt und teilweise mit Sportanlagen bebaut.

Die zweite Phase begann 1989 und dauert bis heute an; sie ist durch einen raschen, tief greifenden und sehr dynamischen Wandel gekennzeichnet. Im Zentrum lässt sich eine Citybildung nach westeuropäischem Muster erkennen, das Handels- und Geschäftszentrum um den zentralen Platz weitet sich stark aus. In das ehemalige Haus der Kommunistischen Partei zog 1991 die Warschauer Börse ein. Dieser Wechsel steht symbolisch für den Aufstieg Warschaus zum Finanzzentrum Ostmitteleuropas. In der Innenstadt und im Stadtteil Wola entstanden zahlreiche moderne Bürohochhäuser. Sie bestimmen heute die Skyline der Stadt und das Erscheinungsbild der südlichen Innenstadt.

Das ab 2005 neu errichtete Einkaufszentrum Zlote Tarasy ist eines der größten seiner Art in Osteuropa. Neben Bürohochhäusern entstanden auch neue öffentliche Gebäude, zum Beispiel die Universitätsbibliothek. Die Herausbildung funktionaler Stadtviertel lässt sich am Regierungs- und Diplomatenviertel nördlich des Lazienski-Parks erkennen. Der öffentliche Nahverkehr wird durch den Bau eines U-Bahn-Netzes verbessert. Das neue Nationalstadion am rechten Weichselufer wurde für das Großereignis Fußball-EM 2012 gebaut.

Wie in vielen europäischen Großstädten lassen sich im Warschau der Gegenwart massive Verdrängungs- und Gentrifizierungprozesse beobachten. Sie betreffen zum Beispiel die lange vernachlässigten Wohngebiete auf dem rechten Weichselufer (Praga).

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Errichtung von Ghettos und Zerstörung Warschaus

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 gingen die Deutschen brutal gegen polnische Juden vor. Bereits in den ersten Monaten liquidierten die von Reinhard Heydrich organisierten Sonderkommandos der SS mindestens 60 000 Menschen. Juden stellten zu diesem Zeitpunkt etwa ein Drittel der Warschauer Bevölkerung, die meisten von ihnen lebten im Stadtteil Muranów.

Als die Deutschen begannen, durch die Abriegelung jüdischer Wohnviertel Ghettos zu errichten, wurde Muranów zum größten davon. Phasenweise drängten sich 500 000 Menschen auf engstem Raum, die Lebensbedingungen waren unmenschlich, die Versorgung katastrophal, die Sterberate entsprechend hoch. Als im Sommer 1942 die Massentransporte in die Vernichtungslager begannen, bildeten sich im Ghetto jüdische Widerstandsgruppen, die im April 1943 trotz unzulänglicher Bewaffnung einen Aufstand wagten. Bei der blutigen Niederschlagung dieser Erhebung durch die Panzer der SS wurde das Warschauer Ghetto in Schutt und Asche gelegt. Bis 1945 zerstörten die Deutschen 85 Prozent der bebauten Gebiete Warschaus auf dem linken Weichselufer. Hatte die Stadt 1918 bereits 730 000 Einwohner gezählt, waren es bei Kriegsende gerade noch 162 000.

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Bevölkerungsentwicklung

Die Zuwanderung in den Nachkriegsjahren – bedingt durch Hauptstadtfunktion und die zahlreichen Industriebetriebe – führte zwischen 1954 bis 1983 zu einer weitgehenden Zuzugssperre. Trotzdem stieg die Bevölkerungszahl bis Ende der 1980er-Jahre auf 1,67 Mio. Einwohner an. Nach 1990 war ein leichter Bevölkerungsrückgang festzustellen, der Suburbanisierungstendenzen zeigt. 2007 wurde die Einwohnerzahl von Ende der 1980er-Jahre mit 1,70 Mio. Einwohnern leicht überschritten, 2014 lag sie bei 1,73 Mio.

Warschau weist heute zwar eine negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, aber einen deutlich positiven Wanderungssaldo auf. Deshalb fallen die demographischen Probleme nicht so stark aus wie in anderen Teilen Polens, die stark unter einer selektiven Abwanderung zum Beispiel nach West- undMitteleuropa zu leiden haben. Innerhalb Polens ist Warschau wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Stellung das wichtigste Ziel der Binnenwanderung.

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