Warschau 1937 / 2007

Polen

978-3-14-100700-8 | Seite 97 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 50.000
Warschau 1937 / 2007 |  | Polen | Karte 97/1

Informationen

Die gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf dem Terrassenrand der Weichsel planmäßig angelegte Altstadt mit dem rechteckigen Markt (Rynek) als Zentrum und dem angrenzenden Schloss bildet den historischen Kern von Warschau. Diesem zuzurechnen ist die ebenfalls regelmäßige Neustadt aus dem frühen 15. Jahrhundert.

Stadtgeschichte bis 1937
Die Stadtwerdung Warschaus durch die Verleihung des Kulmer Stadtrechts 1413 ging einher mit der Verlegung der Burg der Herzöge von Masowien vom rechten auf das linke Weichselufer. Einen weiteren Bedeutungsschub erlebte die Stadt, als König Sigismund III. Wasa im späten 16. Jahrhundert seinen Hof von Krakau nach Warschau verlegte. Trotz der drei polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795, die vorübergehend zur völligen Auflösung der polnischen Staates führten, behielt Warschau seine Vormachtstellung bei. Durch die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte es sogar seinen Einfluss erweitern. Durch das Schleifen der Befestigungsanlagen 1916 dehnte sich das Stadtgebiet von 33 km² auf 115 km² aus. Nach der Erklärung der staatlichen Unabhängigkeit im Oktober 1918 wurde Warschau zur Hauptstadt der Republik Polen.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Innenstadt und die daran angrenzenden Vororte durch Hinterhöfe und sechsgeschossige Häuser hoch verdichtet, die Bevölkerungsdichte lag in einigen Stadtgebieten bei bis zu 21 000 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das Handels- und Geschäftszentrum von Warschau befand sich im Bereich der Sächsischen Gärten und in den Straßenzügen in deren Süden, wohin es bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts verlagert worden war. In den Vororten dominierte eine Mischung von Industrie-, Gewerbe- und Wohngebieten.

Kriegszerstörungen
Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 gingen die Deutschen brutal gegen polnische Juden vor. Bereits in den ersten Monaten liquidierten die von Reinhard Heydrich organisierten Sonderkommandos der SS mindestens 60 000 Menschen. Juden stellten zu diesem Zeitpunkt etwa ein Drittel der Warschauer Bevölkerung, die meisten von ihnen lebten im Stadtteil Muranów.
Als die Deutschen begannen, im eroberten "Generalgouvernement" durch die Abriegelung jüdischer Wohnviertel Ghettos zu errichten, wurde Muranów zum größten davon. Phasenweise drängten sich 500 000 Menschen auf engstem Raum, die Lebensbedingungen waren unmenschlich, die Versorgung katastrophal, die Sterberate entsprechend hoch. Als im Sommer 1942 die Massentransporte in die Vernichtungslager begannen, bildeten sich im Ghetto jüdische Widerstandsgruppen, die im April 1943 trotz unzulänglicher Bewaffnung einen Aufstand wagten. Bei der blutigen Niederschlagung dieser Erhebung durch die Panzer der SS wurde das Warschauer Ghetto in Schutt und Asche gelegt. Die bebauten Gebiete auf dem linken Weichselufer waren 1945 von den Deutschen zu 85 Prozent zerstört. Hatte die Stadt 1918 bereits 730 000 Einwohner gezählt, waren es bei Kriegsende gerade noch 162 000.

Neuaufbau
Auf der Karte von heute zeigt sich das Ergebnis des erfolgreichen Wiederaufbaus, der 1947 mit der historisch getreuen Rekonstruktion der Alt- und Neustadt begann und 1958 weitgehend beendet war; Schloss und Schlossplatz entstanden zwischen 1971 und 1977. In den übrigen Stadtteilen verfolgte man beim Wiederaufbau die beiden Prinzipien der Auflockerung durch Grünflächen und der Funktionstrennung durch die Auslagerung der Produktionsbetriebe in weiter außerhalb gelegene Industriegebiete.
Die Grundsätze des sozialistischen Städtebaus der Stalin-Ära wurden in den 1950er-Jahren im Handels- und Geschäftszentrum verwirklicht. Die Hauptgeschäftsstraße Marzalkowska wurde zur Magistrale, die sich nach Westen in einen breit angelegten Platz mit dem dominierenden, 234 Meter hohen Kulturpalast öffnet. Diese Nord-Süd-Achse wird von einer Ost-West-Achse, der Aleje Jerozolimskie, geschnitten. Hervorzuheben ist die starke Wohnnutzung in Form von Hochbauten. Durch die Anlage des "zentralen Platzes" wurde der 1975 eröffnete Zentralbahnhof gegenüber 1937 nach Westen verschoben.
Der Wanderungszustrom der Nachkriegsjahre — bedingt durch Hauptstadtfunktion und hohe industrielle Ausstattung — führte von 1954 bis 1983 zu einer weitgehenden Zuzugssperre. Trotzdem stieg die Bevölkerungszahl bis Ende der 1980er-Jahre auf 1,67 Mio. Einwohner an. Nach 1990 war ein leichter Bevölkerungsrückgang festzustellen, der eine beginnende Suburbanisierung andeutete. 2007 wurde die Einwohnerzahl von Ende der 1980er-Jahre mit 1,70 Mio. Einwohnern leicht überschritten. Warschau weist heute zwar eine negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, aber einen deutlich positiven Wanderungssaldo auf. Deshalb fallen die demographischen Probleme nicht so stark aus wie in anderen Teilen Polens, die stark unter einer selektiven Abwanderung z B. nach West- und Mitteleuropa zu leiden haben. Innerhalb Polens ist Warschau wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Stellung das wichtigste Ziel der Binnenwanderung.
Im Umland von Warschau leben heute über 500 000 Einwohner. Im Zentrum lässt sich eine Citybildung nach westeuropäischem Muster erkennen. Die Geschäftscity um den zentralen Platz weitet sich aus. Eine Herausbildung funktionaler Stadtviertel lässt sich am Regierungs- und Diplomatenviertel nördlich des Lazienski-Parks erkennen.
H.-J. Kolb

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