Vielvölkerstaat Jugoslawien - Auflösung durch Kriege - 2004 (nach dem Kosovo-Krieg)

Geschichte - Europa nach dem Kalten Krieg

978-3-14-100382-6 | Seite 221 | Abb. 5
Vielvölkerstaat Jugoslawien | Auflösung durch Kriege | Geschichte - Europa nach dem Kalten Krieg | Karte 221/5

Der Zerfall Jugoslawiens

Der Zerfall Jugoslawiens wurde durch eine Reihe von Faktoren ausgelöst bzw. begünstigt. Von entscheidender Bedeutung war zweifellos die Auflösungskrise des Kommunismus, die zu erheblichen staatlichen Organisationsproblemen und im Januar 1990 zum Zusammenbruch der Kommunistischen Partei des Landes führte. Darüber hinaus gab es innerhalb des Staates erhebliche soziale, kulturelle und zivilisatorische Disparitäten, regionale Konflikte und nicht zuletzt skrupellose Führer auf allen Seiten, die mit nationalistischen Stereotypen große Menschenmassen in eine nicht selten fanatisierte Gefolgschaft verwandelten. Der Separatismus in Jugoslawien hatte 1990 bereits eine lange Vorgeschichte. 1967 hatten kroatische Intellektuelle ein Memorandum veröffentlicht, das dem Nationalismus einen starken Auftrieb verschaffte, vier Jahre später gingen von den Universitäten Kroatiens Unruhen aus, die auf Bosnien übergriffen. Als sich nach Titos Tod 1980 die Wirtschaftslage dramatisch verschlechterte und eine Inflationsrate von 40 Prozent den Lebensstandard deutlich senkte, flammten erneut separatistische Bestrebungen auf, die im Kosovo zu gewaltsamen Unruhen führten. Einer der Hauptstreitpunkte schon damals war die Verteilung des jugoslawischen Bruttosozialprodukts. In den Verlautbarungen der Anführer aller beteiligten Parteien ging es im Kampf gegen das „Völkergefängnis“ Jugoslawien um die Zurückgewinnung kultureller Traditionen und Identitäten, um ein – vorwiegend ethnisch begründetes – „Recht auf Selbstbestimmung“. So häufig dieser Grund genannt wurde, so sehr darf sein realer Gehalt bezweifelt werden. De facto hatten die Angehörigen diverser Ethnien in Jugoslawien über Jahrzehnte nahezu überall in friedlicher Koexistenz gelebt. Realistischer ist deshalb die Vermutung, dass die reichen Regionen des Nordens den verarmten, ökonomisch abhängigen Süden loswerden wollten und sich zur Durchsetzung dieses Vorhabens populärer Schlagwörter bedienten, die dann allerdings ein Eigenleben begannen. Bezeichnenderweise gab es im vergleichsweise reichen, industrialisierten Slowenien, dessen Unabhängigkeitserklärung 1991 den Anfang vom Ende des jugoslawischen Staates markierte, praktisch überhaupt keine ethnischen Konflikte.

Die Nachfolgestaaten

Mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der einzelnen Teilrepubliken zerfiel der Vielvölkerstaat Jugoslawien in den Jahren 1991 und 1992 in die fünf selbstständigen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, die Bundesrepublik Jugoslawien und Mazedonien. Die Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens am 25. Juni 1991 machten den Anfang. In beiden Ländern hatte es zuvor Volksabstimmungen gegeben, in denen sich eine eindeutige Mehrheit für die Unabhängigkeit ausgesprochen hatte. Beide Länder wurden noch im Dezember von Deutschland, wenig später auch von den übrigen EG-Staaten anerkannt. Im Oktober 1991 erklärten die Muslime und Kroaten Bosnien-Herzegowinas die Souveränität und Unteilbarkeit des Landes, woraufhin die Serben ein eigenes Parlament bildeten. Der Konflikt eskalierte im Laufe der folgenden Monate; ab April 1992 kam es zu schweren Kämpfen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Seit dem Dayton-Abkommen von 1995 ist das Land in die Bosniakisch-kroatische Föderation (ca. 51 Prozent des Territoriums) und eine Serbische Republik (ca. 49 Prozent des Territoriums) geteilt. Die Republik Mazedonien erhielt zunächst nur die diplomatische Anerkennung der Türkei und Bulgariens, wurde jedoch 1993 in die UNO und 1995 in den Europarat aufgenommen. Der Vorstoß einer selbst ernannten Kroatischen Nationalversammlung in Mostar, die in einer Resolution vom November 2000 die Umwandlung der Republik Bosnien-Herzegowina in einen Bundesstaat mit je einem Teilstaat für Serben, Muslime und Kroaten verlangte, wurde von der Internationalen Staatengemeinschaft mehrheitlich verurteilt. Serbien einschließlich des Kosovo und der Vojvodina gründete im April 1992 gemeinsam mit Montenegro die Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ). Die Mitwirkung Milosevics an dem Friedensabkommen von Dayton 1995 führte zu einer begrenzten Etablierung der Bundesrepublik als international anerkanntem Staat. 1996 folgte ihre diplomatische Anerkennung, nachdem sich Jugoslawien mit Mazedonien über eine gegenseitige völkerrechtliche Anerkennung geeinigt hatte. Der Kosovo war ein mehrheitlich von albanischer Bevölkerung bewohntes Gebiet, das zur Provinz Serbien innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien gehörte. Vom 28. Februar1998 bis zum 10. Juni 1999 kämpfte der Kosovo um die Unabhängigkeit von Serbien. Um serbische Übergriffe auf die dortige Bevölkerung und Vertreibungen zu beenden, flog die NATO vom 24. März 1999 bis zum 9. Juni 1999 Luftangriffe. Bei formeller Wahrung der Zugehörigkeit zu Jugoslawien wurde der Kosovo nach dem Krieg im Jahr 1999 unter die Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen gestellt. 2003 wurde die Bundesrepublik Jugoslawien in den Staatenbund Serbien und Montenegro überführt, der sich 2006 mit der Unabhängigkeitserklärung Montenegros auflöste. Seitdem sind Serbien und Montenegro unabhängige Republiken. Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament des Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien. 111 der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen erkennen die Republik Kosovo mittlerweile als unabhängig an.