Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte

Deutschland - Landwirtschaft

978-3-14-100700-8 | Seite 55 | Abb. 5 | Maßstab 1 : 6.000.000
Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte |  | Deutschland - Landwirtschaft | Karte 55/5

Informationen

In der Nahrungs- und Genussmittelindustrie spielt die Nähe der Verarbeitungsstandorte zu den Anbaugebieten eine wichtige, aber keine auschließliche Rolle. Bei den Getreidemühlen etwa ergaben sich in den letzten Jahrzehnten deutliche Verschiebungen in der Wettbewerbskraft einzelner Regionen. Früher war die Herstellung von Qualitätsmehlen noch in erheblichem Umfang auf Importe von Brotgetreide aus Übersee angewiesen. Die Getreidemühlen an großen Wasserstraßen hatten in dieser Zeit aufgrund kostengünstiger Bezugsmöglichkeiten einen Wettbewerbsvorteil. Seit es jedoch durch Züchtungsfortschritte gelungen ist, auch in Deutschland Brotgetreide mit hervorragenden Backeigenschaften anzubauen, haben Mühlenstandorte in den Produktionsgebieten von Getreide, etwa der Hildesheimer und der Magdeburger Börde, an Wettbewerbskraft gewonnen. Heute siedeln sich Getreidemühlen mit überregionalem Absatz bevorzugt in der Nähe von Verbrauchszentren oder Produktionsgebieten an.
Die Zuckerindustrie ist vorrangig in Gebieten mit fruchtbaren Böden angesiedelt, in denen Zuckerrüben angebaut werden. Ihr wirtschaftliches Umfeld wird in starkem Maße durch die Zuckermarktordnung der EU bestimmt. Erst hohe Subventionen machten bis 2006 die Produktion auf dem Binnen- und Weltmarkt wettbewerbsfähig. Der EU-Markt war zudem sowohl zwischen den Mitgliedesländern als auch regional aufgeteilt, so dass es kaum Wettbewerb gab. So dominierten die Südzucker AG in Mannheim, die Nordzucker AG in Braunschweig und Pfeifer & Langen ("Kölner Zucker") in Köln den deutschen Markt. Mit der nun bis 2015 laufenden Wettbewerbesordnung werden die Zuckerrübenpreise um 40 % und die Zuckerpreise um 36 % gesenkt sowie die Erzeugung im Rahmen eines Strukturfonds drastisch reduziert. Dies wird sich auch auf die Standorte der Zuckerfabriken auswirken.
Die Milch verarbeitende Industrie war viele Jahrzehnte durch erhebliche Überkapazitäten und Produktionsüberschüsse gekennzeichnet. Vor dem Hintergrund der in diesem Bereich seit 1984 bestehenden Quotenregelung wird ein Unternehmenswachstum vorrangig durch Fusionen und Übernahmen erzielt. Dadurch hat sich die Konzentration in diesem Sektor zuletzt deutlich beschleunigt. Dies gilt insbesondere bei einer Betrachtung auf Unternehmensebene, aber auch für die Betriebsstättenebene. Die Anzahl der Betriebsstätten ist deutlich zurückgegangen. Die Verarbeitungsstandorte in den Gebieten mit günstigen Bedingungen für die Rohmilchproduktion haben an Wettbewerbskraft gewonnen, während in marktfernen Gebieten mit Grenzstandorten der Milchproduktion — etwa in Mittelgebirgslagen mit kleinbetrieblicher Struktur — die Marktbehauptung für die Milchviehbetriebe zunehmend schwieriger wird. Die Nähe zu Verbrauchszentren hat als Standortfaktor an Bedeutung eingebüßt, da die Belieferung der Geschäfte kaum mehr durch molkereieigene Dienste erfolgt, sondern über die Zentrallager der Handelsunternehmen. Im Zusammenhang mit einer steigenden Nachfrage nach Milch und Milchprodukten auf dem Weltmarkt wurde 2007 bereits über eine Aufhebung der Milchquoten diskutiert, ein Anzeichen für verbesserte Rahmenbedingungen in der Milchindustrie. Kleinere Molkereistandorte können zudem auch durch die Erzeugung ökologischer Lebensmittel eine Perspektive gewinnen.
Im Bereich der Fleischverarbeitung ist eine Verlagerung in die Produktionsgebiete unverkennbar. Früher erfolgte die Schlachtung in den Verbrauchsgebieten, da der Transport von lebendem Vieh in die Verbrauchsgebiete unproblematischer war als der von Schlachthälften oder Teilstücken. Durch bessere Kühltechnik bereitet heute der Transport von Schlachthälften und Teilstücken kaum Probleme.
Betriebe der Obst- und Gemüseverarbeitung konzentrieren sich aufgrund der leichten Verderblichkeit von Obst und Feingemüse bei längeren Transporten in den Hauptanbaugebieten. Ein ähnlicher Trend lässt sich bei den Kartoffel verarbeitenden Betrieben erkennen, Grund ist hier weniger die Verderblichkeit als der hohe Transportpreis. Um die Rohstoffbasis zur Auslastung der Kapazitäten zu sichern, werden in diesen Sektoren häufig Verträge mit den liefernden Landwirten abgeschlossen (Vertragsanbau).
Die Fischverarbeitung erfolgt in Deutschland v. a. auf der Basis von Importen, die naturgemäß an der Küste angelandet werden; die deutschen Zentren sind Bremerhaven und Cuxhaven. Auch in diesem Sektor hat eine Konzentration stattgefunden.

Regionale Konzentration
Neben den sektoralen gibt es auch regionale Konzentrationsprozesse, wenn sich Unternehmen der verschiedenen Produktions- und Verarbeitungsstufen entlang der gesamten Produktionskette eines Nahrungsmittels auf vergleichsweise kleinem Raum ansiedeln. Neben der landwirtschaftlichen Primärproduktion zählen dazu auch die Wirtschaftsbereiche, die der Landwirtschaft die notwendigen Betriebsmittel bereitstellen, etwa Futtermittelhersteller, Hersteller von Anlagen, Geräten und Maschinen, Be- und Verarbeitungsunternehmen der landwirtschaftlichen Rohstoffe und Handelsunternehmen. Solche Konzentrationen gibt es im Bereich der tierischen Veredelungswirtschaft beispielsweise im Raum Vechta/Cloppenburg und dem nördlichen Westfalen, im europäischen Ausland in der Bretagne, in Flandern und in einigen Regionen der Poebene in Italien.
Der Grund für den ökonomischen Erfolg solcher Agglomerationen ist das kleinräumig für die gesamte Produktionskette verfügbare Knowhow, das im Verein mit günstigen Produktionsbedingungen erhebliche Kosteneinsparungen ermöglicht. Unter den Gesichtspunkten des Umwelt- und Verbraucherschutzes (z. B. hinsichtlich der drohenden Überdüngung durch einen sehr hohen Tierbesatz, des Seuchenrisikos oder der Lebensmittelsicherheit, die durch den erhöhten Einsatz von Zusatzstoffen in den Futtermitteln und Arzneimitteln potenziell gefährdet ist) wird der Erfolg solcher Agglomerationen in den letzten Jahren zunehmend kritisch hinterfragt.
H. Wendt

Google Maps

Zur Orientierung

Die Lage und Ausdehnung dieser Diercke Karte kannst Du Dir zur Orientierung als Kartenrahmen in Google Maps anzeigen lassen.

Jetzt orientieren