Venezuela - Entwicklung

Kolumbien, Venezuela - Räumliche Disparitäten

978-3-14-100803-6 | Seite 229 | Abb. 7 | Maßstab 1 : 12.000.000
Venezuela | Entwicklung | Kolumbien, Venezuela - Räumliche Disparitäten | Karte 229/7

Überblick

Seit dem Regierungsantritt des umstrittenen Präsidenten Hugo Chávez 1999 und der Annahme der neuen „bolivarischen“ Verfassung von 2000, die die Basis für den Aufbau des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in der „Bolivarischen Republik Venezuela“ bildete, hat sich die ökonomische Lage des südamerikanischen Landes stark gewandelt. Den neuen wirtschaftspolitischen Kurs hat Nicolás Maduro, seit 2013 Amtsnachfolger des verstorbenen Chávez, im Wesentlichen fortgesetzt.

Wirtschaftsmotor Erdöl

Grundlage der venezolanischen Wirtschaft ist bereits seit den 1920er-Jahren die Erdölgewinnung und -verarbeitung, die bereits in den 1980er-Jahren mehr als 90 Prozent aller Exporterlöse ausmachte. Ein Kernstück der „bolivarischen Revolution“ unter Chávez war die Umverteilung der Erdöleinnahmen durch Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. Die Förderung und Verarbeitung von Erdöl bestimmt die venezolanische Wirtschaft bis heute. Venezuela verfügt mit rund knapp 300 Mrd. Barrel gemeinsam mit Saudi-Arabien über die nach derzeitigem Kenntnisstand größten Erdölreserven der Welt.

Die Fördermenge des Landes schwankt zwischen 2,4 Mio. und 3,1 Mio. Barrel (Millionen Fass) pro Tag. Dass Venezuela heute nicht mehr an das frühere Förderniveau anknüpfen kann, ist auf ein ineffizientes Management der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA und auf – durch hohe Staatsabgaben bedingte – unzureichende Investitionen zurückzuführen. Wichtigste Abnehmer des Rohöls sind China und vor allem die USA, wo die PDVSA über das Tochterunternehmen Citgo Petroleum Corporation eine Reihe von Raffinerien und eine große Tankstellenkette betreibt.

In Venezuela stammen derzeit rund 95 Prozent der Exporterlöse aus der Erdölausfuhr (s. Grafik in der Karte). Die Erdölwirtschaft macht mehr als ein Viertel des Bruttosozialproduktes aus und trägt deutlich über 50 Prozent zu den Staatseinnahmen bei. Diese Abhängigkeit der Wirtschaft – und des öffentlichen Sektors – von der Erdölindustrie ist ein großes strukturelles Problem. Andere Wirtschaftsbereiche wie die Stahlindustrie, der Tourismus, der Dienstleistungsbereich und die Landwirtschaft sind nur wenig entwickelt. Venezuela importiert beispielsweise bis heute einen Großteil seiner Lebensmittel und viele wichtige Fertigwaren. Infolge der mangelnden Diversifizierung seiner Wirtschaft hat das Land unter der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise stark gelitten. Längere Phasen der Rezession und eine hohe Inflationsrate weisen auf strukturelle wirtschaftliche Probleme und einseitige Wirtschaftsschwerpunkte hin.

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Errungenschaften und Defizite

Auch wenn es innerhalb Venezuelas deutliche Entwicklungsunterschiede gibt, die sich im unterschiedlichen Stand der menschlichen Entwicklung manifestieren, zählt es heute zu den Ländern Südamerikas, in denen die Ungleichheit der Einkommensverteilung nach dem Gini-Index am niedrigsten ist. In dieser Hinsicht ist Venezuela seinem Nachbarland Kolumbien weit voraus (vgl. 229.5). Auch ist es den Regierenden gelungen, den Anteil der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Bevölkerung von 48,6 Prozent bei Amtsantritt von Hugo Chavez 1999 auf 29,5 Prozent im Jahr 2011 zu senken.

Dennoch ist die venezolanische Gesellschaft stark gespalten. Zu den Kehrseiten des Aufschwungs zählt zum einen die prekäre Menschenrechtssituation. In der von „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlichten „Rangliste der Pressefreiheit“ von 2012 belegte Venezuela nur den 117 von 179 Plätzen. Anfang 2014 kam es zu gewaltsamen Protesten gegen die Regierung, ausgelöst vor allem durch die hohe Inflationsrate von weit über 20 Prozent, aber auch durch die verbreitete Korruption und die extrem hohe Kriminalität im Land. Caracas gilt als eine der gefährlichsten Großstädte der Welt.

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Regionale Entwicklung und Disparitäten

Aufgrund der Standortvorteile der Küstenregion, insbesondere im Hinblick auf Verkehrslage und Absatzmärkte, ist es im Norden des Landes, namentlich in der Region um die Hauptstadt Caracas (5,8 Mio. Einwohner) und das unweit gelegene Valencia (1,2 Mio. Einwohner) zu einer starken Verdichtung der Bevölkerung und der Wirtschaft gekommen. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch gezielte Infrastrukturmaßnahmen, die unter Chávez beispielsweise im Straßenbau und im Gesundheits- und Bildungssektor unternommen wurden. Gut zwei Drittel aller Industriebeschäftigten des Landes konzentrieren sich heute im Raum Caracas-Valencia, der zugleich, gemessen am Human Development Index der Vereinten Nationen, die am besten entwickelte Region mit dem höchsten Lebensstandard ist.

Ein weiterer küstennaher Standort mit vergleichsweise hoher Wirtschaftsleistung und starker Bevölkerungskonzentration ist – vor allem durch Erdölvorkommen und Petrochemie – die Region um Maracaibo im Westen des Landes. Mit zwei Millionen Einwohnern ist Maracaibo zweitgrößte Stadt des Landes und ein Zentrum des venezolanischen Ölhandels. In der Summe leben etwa 85 Prozent der insgesamt 28,8 Mio. Einwohner des Landes in dem vergleichsweise stark urbanisierten Küstengebiet im Norden, während die weiten Gebiete südlich des Orinoco, die fast die Hälfte der Landesfläche ausmachen, nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung beherbergen. Diese dünn besiedelte Region ist die Heimat verschiedener indigener Stämme, die noch immer eine traditionelle Lebensweise pflegen. Die geringste Besiedlungsdichte weisen die Bundesstaaten Amazonas und Delta Amacuro mit Werten von 0,4 bzw. 2,4 Einwohnern pro Quadratkilometer au. Sie fallen zusammen mit Barinas auch hinsichtlich des Entwicklungsstandes ab.

In allen Landesteilen sind hohe Anteile informeller Beschäftigung zu verzeichnen. Häufig sind diese Tätigkeiten zeitlich befristet, schlecht bezahlt und erfordern keine besondere Qualifikation. Da die Arbeit auf unregulierten Märkten angeboten werden muss, ist sie mit hohen Risiken verbunden, eine soziale Absicherung fehlt in der Regel. Hohe Anteile informeller Beschäftigung sind ein Indikator einer schwachen Institutionalisierung der nationalen Wirtschaft.

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