Venedig

Apenninenhalbinsel - physisch

978-3-14-100700-8 | Seite 121 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 50.000
Venedig |  | Apenninenhalbinsel - physisch | Karte 121/2

Informationen

Die heutige Lage Venedigs mitten in einer Lagune der nördlichen Adria ist ein Relikt der späten Völkerwanderungszeit. Die romanische Bevölkerung der Region suchte im 6. Jahrhundert vor den einwandernden Langobarden auf den Inseln in der Lagune Schutz und gründete hier eine Stadt. Die Lage erwies sich in der Folgezeit für das vom Fernhandel mit der Levante lebende Venedig als außerordentlich vorteilhaft. In der Mittlerrolle zwischen Orient und Okzident erwarb die Stadt eine große Macht und ebenso großartige Reichtümer. Architektonische Zeugnisse ihrer einstigen Bedeutung sind eine Fülle kunst- und kulturgeschichtlich herausragender Bauwerke.

Strukturprobleme der Lagunenstadt
Die geschichtsträchtige Stadt ist heute in ihrer Lebensfähigkeit bedroht, denn die Lage in der Lagune ist, auch wenn sie aus touristischer Sicht einzigartig ist, für die meisten Bewohner nicht nur von Vorteil. Die modernen Verkehrsmittel können nur mit großem Aufwand von außen herangeführt werden; innerhalb der Stadt selbst existieren nur Fußwege oder Kanäle. Die Wohnverhältnisse verschlechtern sich durch den teilweisen Verfall der Gebäude, die sanitärhygienische und die heizungstechnische Ausstattung vieler Wohnungen ist mangelhaft. Viele Häuser werden verbarrikadiert, weil die Eigentümer aufs Festland gezogen oder auch verstorben sind und die Erben unter den gegebenen Bedingungen nicht in deren Häusern leben wollen. Freie Mietwohnungen sind rar, weil die komplizierten Gesetze die Mieter begünstigen und die Eigentümer deshalb auf die Vermietung verzichten. Kaufabsichten stehen zum Teil hohe Preise entgegen, der Unterhalt und die Nutzung sind teuer.
Die Inselsituation Venedigs lässt heute in wirtschaftlicher Hinsicht nur eine tertiäre, insbesondere touristische Nutzung zu, die, gemeinsam mit Resten des traditionellen Handwerks, nicht genügend Arbeitsplätze bereitstellen kann. Die aktive junge Bevölkerung wandert deshalb auf das Festland ab; die Folgen sind schrumpfende Einwohnerzahlen bei einer ungünstigen Altersstruktur. Das "historische Zentrum" hatte 1871 noch 128 800 und 1951 sogar 174 800 Einwohner; doch seitdem ist die Anzahl der Bevölkerung kontinuierlich gesunken: im Jahre 2001 waren nur noch 65 700 Einwohner registriert.

Kampf gegen die Hochwassergefahr
Denn überdies droht die Stadt zu versinken. Hochwasser ist eine der periodischen Plagen Venedigs. Es entsteht, wenn afrikanischer Schirokko und balkanische Bora in den Wintermonaten das Adriawasser nordwestwärts in die Lagune drücken. Da das natürliche Regulierungssystem der Lagune gestört ist, wird die Situation immer bedrohlicher. In den 1950er-Jahren gab es etwa sieben Hochwassertage pro Jahr, mittlerweile sind es bereits bis zu 50 Tage. Denn das Absinken des Landes hat sich seit den 1930er-Jahren rapide verstärkt. Früher sank Venedig um zwei Millimeter pro Jahr, heute sind es effektiv vier bis sechs Millimeter; in diesem Wert enthalten ist der weltweite Meeresspiegelanstieg von ein bis zwei Millimetern pro Jahr.
Zum Teil ist das Absinken des Untergrundes tektonisch bedingt. Die Poebene verzeichnet als Geosynklinale zwischen Alpen und Apennin seit dem Eiszeitalter Senkungsbewegungen. Zusätzlich treten Sackungen in den jungen Sedimenten auf. Menschliche Eingriffe haben das natürliche Absinken der Stadt erheblich beschleunigt. Beispielsweise hat die Förderung von fossilem Grundwasser aus tieferen Sedimentschichten für die Großindustrie von Porto Marghera seit 1930 die Senkungen verstärkt. Die Brunnen wurden deshalb in den 1970er-Jahren geschlossen. Überdies lässt die Ausbaggerung der Lidopforten und der Schifffahrtsrinnen das Salzwasser in größeren Mengen und schneller in die Lagune eindringen. Damit wirken sich die Wasserhochstände bei den winterlichen Sturmfluten direkter aus. Gleichzeitig wurden die nicht regelmäßig überfluteten Teile der Lagune (Laguna morta) zu großen Teilen trockengelegt, aufgeschüttet oder eingedeicht, um Flächen für Industrieansiedlungen, Wohnsiedlungen, Verkehrseinrichtungen und für die land- und fischereiwirtschaftliche Nutzung zu gewinnen. Der Lagune wurden damit Areale entzogen, die früher bei Sturmfluten beträchtliche Wassermengen aufnahmen. Um die Hochwassergefahr in Zukunft einzudämmen, wurde 2003 an der Einfahrt zum Porto di Lido mit dem Bau eines Unterwasser-Stauwehrs begonnen (vgl. 121.3).
W. Döpp

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