Tarent - staatliche Industrieentwicklung seit 1960

Italien – Wirtschaft und Bevölkerung

978-3-14-100782-4 | Seite 57 | Abb. 7
Tarent | staatliche Industrieentwicklung seit 1960 | Italien – Wirtschaft und Bevölkerung | Karte 57/7

Informationen


Italiens Wirtschaftsstruktur wird durch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle geprägt. Während es in den nördlichen Regionen des Landes zahlreiche Industriezentren gibt, in denen ein großer Teil des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet wird, sind Städte mit großer wirtschaftlicher Bedeutung im Süden (Mezzogiorno) selten. Ein solches Beispiel ist die Hafenstadt Tarent in der Region Apulien.

Aufstieg durch staatliche Förderung
Tarents Keimzelle für den Aufbau einer industriellen Infrastruktur war sein Tiefwasserhafen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dort ein Marinestützpunkt etabliert, 1889 das Marinearsenal eröffnet. Bis 1967 wurden dort u. a. Kriegsschiffe produziert, heute werden vor allem Reparaturen durchgeführt. Aus der Karte ist die Bedeutung des Standortes herauszulesen, da an ihm 5000 Menschen beschäftigt sind.
Für die Stadt und ihre Provinz bedeutender ist jedoch das ILVA Stahlwerk, das in der Karte mit 11 500 Beschäftigten verzeichnet ist. Nicht verzeichnet sind die 8000 Mitarbeiter von Subunternehmen, die unmittelbar an das Stahlwerk gekoppelt sind. Das Werk ist das Ergebnis wirtschaftspolitischer Überlegungen, die Diskrepanz zwischen Nord- und Süditalien auszugleichen. In den 1950er-Jahren wurden Strukturprogramme ins Leben gerufen, die neben der Unterstützung der Landwirtschaft im Mezzogiorno auch die dortige Ansiedlung von Industriebetrieben vorsahen. So wurde 1965 das Stahlwerk eröffnet, das seine Rohstoffe optimal über den Hafen empfangen konnte und bald zu einer der größten und produktivsten Anlagen Europas wuchs.
Schnell wurde das staatlich subventionierte Stahlwerk der größte Arbeitgeber der Region. Das Säulendiagramm innerhalb der Karte zeigt, dass sich die Zahl der Industriebeschäftigten zwischen 1961 und 1981 mehr als verdoppelte. Die internationale Stahlkrise machte jedoch auch vor Tarent nicht Halt, sodass in den folgenden drei Jahrzehnten Tausende Arbeitsplätze wieder verloren gingen.
Neben den positiven Effekten auf dem Arbeitsmarkt, sorgte das Stahlwerk für negative Schlagzeilen: Es verschandele die Landschaft und sei mit seinen Emissionen verantwortlich für eine geringere Lebensqualität und eine steigende Krankheitsrate. Die Produktion hielt unvermindert an, seit 1995 in privater Hand. 2013 sah sich die italienische Regierung dazu gezwungen, erneut die Kontrolle zu übernehmen und das Stahlwerk unter staatliche Zwangsverwaltung zu stellen. Korruption und Misswirtschaft hatten den Standort an den Rand des Ruins gebracht. Das Risiko war zu hoch, schließlich stammen zwei Drittel des in Italien benötigten Stahls aus Tarent.

Wirtschaftsstruktur der Region Über den Hafen von Tarent werden in erster Linie die für ein Stahlwerk benötigten Rohstoffe eingeführt: Erze, Mineralien und Kohle. Hinzu kommen Rohöl und Erdölprodukte für die Raffinerie und die Chemische Industrie der Stadt. Im Umland haben sich Betriebe der Metallindustrie angesiedelt, von denen vor allem die Städte Massafra im Westen und Grottaglie im Osten von Tarent profitieren. Im nördlich gelegenen Martina Franca hat sich dagegen ein Schwerpunkt der Textil- und Bekleidungsindustrie entwickelt. Alle drei Städte können seit 1990 einen Bevölkerungszuwachs vermelden, während Tarent im selben Zeitraum Bevölkerung verloren hat.
Die meisten der Produkte, die über den Hafen ausgeführt werden, stehen im Zusammenhang mit der Stahlerzeugung, der Metallverarbeitung und der Erdöl- bzw. Chemischen Industrie. Nur der geringste Teil der Erzeugnisse verlässt Tarent über den Landweg.

Dietmar Falk