Stadtstaat Singapur - Global City

Singapur, Indonesien - Global orientiertes Wachstum

978-3-14-100803-6 | Seite 193 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 250.000
Stadtstaat Singapur | Global City | Singapur, Indonesien - Global orientiertes Wachstum | Karte 193/3

Überblick

In dem kleinen Fischerdorf Wa Hakim lebten um das Jahr 1800 nur etwa 150 Malayen und einige Chinesen. Heute befindet sich an der gleichen Stelle die rund fünf Millionen Einwohner (2012) zählende südostasiatische Wirtschaftsmetropole Singapur mit dem zweitgrößten Containerhafen der Erde (2013: Umschlag 32,6 Mio. TEU), übertroffen nur von Shanghai (33,6 Mio. TEU). Zum Vergleich: Der größte deutsche Hafen Hamburg erreichte 2013 beim Containerumschlag rund 9,3 Mio TEU.

Vom Fischerdorf zum Stadtstaat

Seit 1965 ist Singapur ein souveräner Staat. In den ersten Jahren der Eigenständigkeit hatte das Land mit inneren Unruhen, Massenarbeitslosigkeit sowie Mangel an Land und Rohstoffen zu kämpfen. Wirtschafts-, Stadt- und Raumentwicklungspläne mit der Zielsetzung einer westlich orientierten Industriegesellschaft auf Kosten von traditionellen Strukturen wurden ab 1961 mit dem Ausbau des „Juran Industrial Estate“ im südwestlichen Sumpfgebiet der Hauptinsel eingeleitet. Dort entstanden auf 6000 Hektar rund 1700 Firmen mit insgesamt 115 000 Beschäftigten. Im Hafenbereich konnten die Versorgungsbasen für die Offshore-Technik im südostasiatischen Raum angesiedelt werden. Die Grundlagen für eine günstige Wirtschaftsentwicklung waren damit gelegt.

Entwicklung auf engem Raum

Die gewaltige Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung auf einer Fläche von nur 641 km² (zum Vergleich: Hamburg 755 km²) spiegelt sich in der dynamischen Raumentwicklung Singapurs wider. Die zunächst zu hohe Bevölkerungsdichte und die damit einhergehende Slumbildung im Stadtzentrum führten ab den 1960er- Jahren zur Dezentralisierung und einem radikalen Stadtumbau.

Als wesentliche Elemente der Initialphase der modernen Stadtentwicklung nach 1965 lassen sich ausmachen:

• der radikale Stadtumbau im historischen Citybereich zugunsten von Verwaltungssitzen, Dienstleistungs-, Bank- und Einkaufszentren sowie Hotelkomplexen,

• die Ausdehnung der Siedlungsgebiete durch die Gründung neuer Städte (New Towns) mit modernen Wohnblocks und vielen Kleinwohnungen für einkommensschwache Familien, deren Entwicklung von reinen Wohn- bis hin zu eigenständigen Satellitenstädten mit Dienstleistungs-, Versorgungs- und Sozialzentren und Industrieparks verlief,

• die Anlage neuer Industrie- und Gewerbegebiete und die Gewinnung von Neuland zwecks weiterer Industrieansiedlungen mit Schwerpunkt im westlichen Hafengebiet (Jurong), aber auch punktuell entlang der Johorstraße,

• der Ausbau der Infrastruktur durch Stadtautobahnen, Flughäfen (insbesondere Changi am Ostrand der Stadt), Schnellbahnsystem und dichtes Busnetz,

• die Erhaltung eines grünen Inselkerns mit tropischem Regenwald, der Mangroven entlang der Arme der Johorstraße und des naturnahen Zustandes einiger kleiner Inseln im Süden,

• die Ausweisung von speziellen Gebieten für die Erholung (Zoo, Botanischer Garten, Insel Sentosa, Marina Bay-Golfplatz) sowie

• die Gewinnung von Neuland vor allem im Westen des Stadtgebiets und auf Jurong Island (Erweiterungsflächen des Hafens), im Osten (am Flughafen Changi), im Bereich des Ostarmes der Johorstraße und in geringerem Maße auch an den im Süden vorgelagerten Inseln.

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Vom Provinzort zur Metropole

Die Industrialisierung Singapurs folgte wie auch in Japan und den südostasiatischen Tigerstaaten folgenden Phasen:

• Entwicklung der Leichtindustrie und Substitution von bis dahin notwendigen Importen, dadurch Verringerung der Binnennachfrage nach Importen (Selbstversorgung),

• Steigerung der Exporte in arbeitsintensiven Produktionszweigen,

• Reaktion auf entwicklungshemmende Faktoren (Importrestriktionen der Abnehmerländer, steigende Löhne und Konkurrenz durch andere Niedriglohnländer) durch Kopplung von Importsubstitution und Exportförderung in kapital- und humankapitalintensiven Produktionszweigen,

• Reaktion auf entwicklungshemmende Faktoren (steigende Löhne und Konkurrenz durch andere Schwellenländer, Konkurrenzsituation in Bezug auf Innovationen): Intensivierung von Forschung und Entwicklung; Verlagerung auf Hochtechnologiegüter und Stärkung des modernen Dienstleistungssektors; Produktionsverlagerung ins Ausland.

Die rasante Entwicklung zum globalen Wirtschaftszentrum wurde durch eine Reihe von Standortvorteilen begünstigt. Dazu zählt die günstige Lage an einem Knotenpunkt des Seeverkehrs zwischen dem Indischen Ozean, dem Südchinesischen Meer und der Javasee, dem bevorzugten Seeweg zwischen Europa und Ostasien (s. 196.1, 268.1). Als ein weiterer Vorteil erwies sich die politische Stabilität, die eine langfristige Wirtschaftsentwicklung ermöglichte und ausländische Investoren sowie Arbeitskräfte anzog (s. Diagramm zur Entwicklung der Beschäftigtenzahlen in der Karte). Ein weiterer Faktor war der hohe Anteil der chinesischen Bevölkerung (s. Kreisdiagramm in der Karte), die mit Fleiß, Arbeitsdisziplin und zunächst niedrigen Löhnen vielen Betrieben gute Startbedingungen boten.

Der Industrieboom löste eine Kettenreaktion im Dienstleistungssektor aus, die sich in der Entwicklung der Stadt zu einem Bankenzentrum und zu einem bevorzugten Sitz von Versicherungs- und Logistikunternehmen manifestierte. Gleichzeitig erlebt die Touristikbranche seit Jahren einen Boom: 1999 zählte Singapur 7 Mio. Besucher, 2013 wurden bereits 15,6 Mio. Ankünfte registriert.

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Singapur heute

Trotz der zeitweiligen Rezessionstendenzen im regionalen Umfeld, insbesondere der Asienkrise gegen Ende der 1990er-Jahre, bzw.im globalen Umfeld (Weltwirtschafts- und Finanzkrise ab 2008) konnte Singapur seine Standortvorteile weiter ausbauen.

Die wichtigsten Industriebranchen des Landes sind die Elektronik- und Halbleiterindustrie, die Erdöl verarbeitende Industrie bzw. Chemie sowie Metallverarbeitung und Schiffsbau (s. 196.1). Eine zunehmende Bedeutung haben Biotechnologie und Pharmazie. In wissensintensiven Hightechbranchen strebt Singapur eine Vorreiterrolle an und investiert in Ausbildung, Forschung und Technologieentwicklung. Dadurch soll die Wettbewerbsfähigkeit des Stadtstaats gesichert werden.

Dank mehrerer Universitäten und einem Wissenschaftspark hat der Stadtstaat ein sehr hohes Forschungs- und Bildungsniveau, er verfügt über das modernste und bestausgebaute Kommunikationssystem der gesamten Region, ist mit dem Changi-Flughafen und dem Überseehafen der wohl bedeutendste Verkehrsknotenpunkt zwischen Europa, Ost-, Südostasien und Australien, lockt mit den vielen modernen Einkaufszentren wohlhabende Konsumenten aus der ganzen Welt an und liegt nicht zuletzt im Zentrum der ASEAN (Vereinigung Südostasiatischer Nationen). Mit den umliegenden Regionen Indonesiens und Malaysias ist Singapur sehr eng verflochten, dort liegen zahlreiche Produktionsstandorte der Industrie. Der Handel wird durch niedrige Zölle stark gefördert, rund 96 % aller Importe sind sogar zollfrei. Singapur ist an Verhandlungen zur Schaffung eines Freihandelsabkommens im asiatisch-pazifischen Raum beteiligt (APEC).

In Singapur zeigt sich die weltweit zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors. Die starke Zunahme von Arbeitsplätzen im tertiären Sektor (vgl. Diagramm in der Karte), die das Wachstum im produzierenden Gewerbe deutlich überflügelt, bestätigt dies.

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