St. Ulrich (Italien) - Tourismus und Umweltbelastung

Alpen – Tourismus und Umwelt

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St. Ulrich (Italien) | Tourismus und Umweltbelastung | Alpen – Tourismus und Umwelt | Karte 79/4

Überblick


Im Grödnertal mit dem Hauptort St. Ulrich hat der Fremdenverkehr eine mehr als hundertjährige Geschichte. Im nördlich angrenzenden Villnößtal hat sich hingegen nur ein schwacher Tourismus entwickelt.
Eine der Ursachen für die gegensätzlichen Entwicklungen der benachbarten Dolomitentalschaften war die frühzeitige Anbindung des Grödnertals an das Straßen- und Eisenbahnnetz. Es folgten erste Investitionen in die touristische Infrastruktur. Demgegenüber ist das Villnößtal bis heute eher land- und forstwirtschaftlich geprägt.

Übernachtungszahlen
Während es zu Beginn des Sommerfremdenverkehrs in St. Ulrich um 1870 jährlich etwa 7 000 Übernachtungen gab, waren es 2006 schon fast 580 000. In der Wintersaison waren es etwa 300 000 Übernachtungen. Auch der benachbarte Ort Wolkenstein ist touristisch sehr gut besucht. Dort waren es im Jahr 2005 über 1,06 Millionen Übernachtungen.

Umweltbelastungen
Der schnelle Ausbau der touristischen Infrastruktur hat eine Reihe von Umweltbelastungen zur Folge. Der Wandel von der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft hin zum Tourismus hat vor allem in den letzten 30 Jahren deutliche ökologische und soziokulturelle Probleme aufgeworfen.
Zersiedelungen an den Ortsrändern von St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein haben das Ortsbild verändert.
Analysen zur Verkehrsbelastung erbrachten im Grödnertal ein etwa zehnmal größeres Verkehrsaufkommen mit entsprechend höheren Emissionswerten als im Nachbartal. Die schlechteren Luftverhältnisse lassen sich an dem zurückgehenden Flechtenwuchs im Grödnertal ablesen.
Während die Wasserqualität der Gebirgsbäche durch den Tourismus in der Vergangenheit stark beeinträchtigt war, hat sich die Wasserqualität der Fließgewässer dank der fast flächendeckenden Klärung der Abwässer wieder verbessert. Dadurch können zwei Drittel der Flüsse und Bäche in die beiden besten Güteklassen eingeordnet werden.
Ein weiteres Problem ist die Erzeugung von künstlichem Schnee zur Beschneiung der Skianlagen. Allein im Grödnertal werden etwa 160 Kilometer Piste künstlich beschneit. Der dadurch hohe Wasserverbrauch führt zu einem Rückgang der Wasserführung von Grödner- und Jenderbach und damit zu einer Störung des Wasserhaushalts.

Seilbahnen Die landschaftszerschneidende Auswirkung der zahlreichen Seilbahnen auf Standorte in Hochlagen zeigt sich besonders deutlich in Südtirol. In den 1960er Jahren wurden zahlreiche neue Seilbahnanlagen errichtet, zum Teil mit gravierenden ökologischen Folgen, z. B. durch Waldabholzung.
Inzwischen werden die Seilbahnen sogar ganzjährig genutzt: in der kalten Jahreszeit durch Wintersportler, im Sommer durch Wanderer, Kletterer und Gleitsegler. Seit Ende der 1980er Jahre wird auf technologische Neuerungen gesetzt.

M. Meurer, J. Seibel

Info Plus

Im weltbekannten Grödnertal mit dem Hauptort St. Ulrich hat der Fremdenverkehr eine mehr als hundertjährige Geschichte, während sich im nördlich angrenzenden Villnößtal nur ein sommerlicher Individualtourismus entwickelt hat. Ursachen der gegensätzlichen Entwicklungen der eng benachbarten Dolomitentalschaften waren die frühzeitige Straßenanbindung des Grödnertals an das Eisacktal und an das Eisenbahnnetz durch den Bau der Grödner Schmalspurbahn 1915/16. Die gestärkte Kapitalkraft von Talbewohnern ermöglichte erste kostenintensive Investitionen in die touristische Infrastruktur. Demgegenüber ist Villnößtal bis heute stärker ackerbaulich, bergbäuerlich und forstwirtschaftlich geprägt.

Übernachtungskapazitäten und -zahlen
Während es zu Beginn des einsaisonalen Sommerfremdenverkehrs in St. Ulrich um 1870 jährlich etwa 7000 Übernachtungen gab, waren es 2006 fast 580 000, bei einem leichten Übergewicht der Wintersaison mit rund 300 000 Übernachtungen. Eine hohe Steigerungsquote zeigt sich auch in Wolkenstein auf mit über 1,06 Mio. Übernachtungen 2005. Hier kommen 3,14 Gästebetten auf jeden Einwohner, in der Hochsaison wird eine Bettenauslastung von 90 bis 100 Prozent erreicht. Damit übertrifft allein Wolkenstein das Übernachtungsvolumen des Villnößtals fast um das Zehnfache.

Umweltbelastungen
Der exzessive Ausbau des Beherbergungssektors und der touristisch bedingten Infrastruktur geht mit einer Vielzahl von Umweltbelastungen einher. Der Wandel von der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft zu einer "urbanen Erholungslandschaft" hat vor allem in den letzten 30 Jahren deutliche ökologische und soziokulturelle Probleme aufgeworfen. Zersiedelungsphänomene an der Peripherie von St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein bei einer gleichzeitigen innerörtlichen Verdichtung haben das gewachsene Ortsbild verändert. Zur Bodenversiegelung und der Erschließung zahlloser Pisten kommt in jüngster Zeit die Errichtung flächenintensiver touristischer Anlagen wie privater Hallenbäder, Eislaufhallen und besonders Golfplätze — unter anderem im ökologisch labilen Höhenbereich der aktuellen Baumgrenze oberhalb von Plan de Gralba.
Vergleichende Analysen zur Verkehrsbelastung erbrachten im Grödnertal ein etwa zehnmal größeres Verkehrsaufkommen mit entsprechend höheren Emissionswerten als im Nachbartal. Die Bleiakkumulationen im Oberboden des inneren Grödnertals erreichten 275 Milligramm pro 1000 Gramm Boden (= ppm), an der Einmündung in das Tal betrugen die Werte sogar bis zu 1000 ppm. Im Nachbartal wurden hingegen Maximalwerte von 67 ppm gemessen. Die lufthygienisch ungünstigeren Bedingungen des Grödnertales, die durch häufig problematische winterliche Wetterlagen hervorgerufen und potenziert werden, spiegeln sich auch in der gegenüber dem Villnößtal deutlich verringerten Flechtenvitalität. Ferner bewirkt die erhöhte verkehrsbedingte Schallimmission die doppelte bis vierfache Lautstärke. Sie schränkt damit die Erholungseignung für Einwohner und Gäste erheblich ein.
Schließlich ergeben sich aus der starken Massierung von Touristen gravierende Entsorgungsprobleme, die sich in der Vergangenheit stark an der Wasserqualität der Gebirgsbäche zeigten. Selbst im Landschaftsschutzgebiet der Seiser Alm ließen sich vor nicht langer Zeit noch deutliche Belastungen des Jenderbaches nachweisen, der den zentralen Teil der Alm entwässert, während die Messungen im Villnößtal zumeist eine geringe bis mäßige Belastung belegten, wie sie für ländliche Regionen typisch ist. Inzwischen hat sich die Wasserqualität der Fließgewässer dank der fast flächendeckenden Klärung der Abwässer erheblich verbessert. Dadurch können zwei Drittel der Flüsse und Bäche in die beiden besten Güteklassen eingeordnet werden, während die beiden bedenklichen Klassen in Südtirol nicht mehr vorhanden sind.
Ein anderes gravierendes Problem im Grödnertal ist die sprunghafte Zunahme des Müllaufkommens. Ein Vergleich der Abfallmengen mit den Übernachtungszahlen belegt deutlich die touristisch bedingte Saisonalität des Müllaufkommens.

Seilbahnen
Die landschaftszerschneidende Wirkung der zahlreichen Seilbahnen — seien es Zwei- und Einseilumlaufbahnen oder Skilift- und Standseilbahnen — auf Standorte in Hochlagen zeigt sich besonders deutlich in Südtirol. Entsprechende Strukturdaten belegen den Wandel vom anfänglichen Bergtourismus hin zum ungebremsten Massentourismus mit deutlicher Dominanz des Wintersports. Dies belegt auch die Tatsache, dass sich die Skiregionen inzwischen im Gegensatz zum Sommertourismus vervierfacht haben. Das bedeutet auch, dass inzwischen eine ganzjährige Seilbahnnutzung vorliegt: in der kalten Jahrszeit durch Wintersportler, im Sommer durch Wanderer, Kletterer und Gleitsegler.
In den 1960er-Jahren wurden, nicht zuletzt aufgrund der Skiweltmeisterschaften 1970 in Gröden, zahlreiche neue Seilbahnanlagen errichtet — mit gravierenden ökologischen Folgen. Betroffen sind hier besonders die labilen Hochwaldlagen und sensible Standorte oberhalb der Waldgrenze. Seit 1987 hat der Bestand an Seilbahnen und Aufstiegsanlagen abgenommen. Man setzt seither auf technologische Neuerungen zur Steigerung der Förderleistung. Mittlerweile ist die Region Gröden / Seiser Alm dank seiner Förderkapazität von maximal 56 957 Personen pro Stunde das Skigebiet mit der höchsten Förderleistung in Südtirol. In ganz Südtirol liegt sie inzwischen bei rund 470 000 Personen, was bedeutet, dass die vorhandenen Seilbahnen inzwischen in einer Stunde fast die gesamte Südtiroler Bevölkerung transportieren könnten.

Beschneiungsanlagen
Ökologisch problematisch sind auch die Beschneiungsanlagen: Eine Schneekanone benötigt bis zu 2,8 kW/h Strom pro Quadratmeter beschneiter Fläche und verursacht Schallimissionen bis zu 90 Dezibel. Insgesamt gibt es in Europa derzeit rund 3100 Schneekanonen, die für jeden künstlich beschneiten Hektar Fläche etwa 1 Mio. Liter Wasser rund 260 000 kWh Strom pro Jahr verbrauchen — so viel, wie eine Stadt mit 150 000 Einwohnern.
Überdies kommen zunehmend auch chemische Hilfsmittel, sogenannte Snow Inducer, zum Einsatz. Es handelt sich dabei um biochemische Zusätze. Dazu zählen etwa Proteine, Substanzen wie Snow Max oder auch Bakterien, die dem Beschneiungswasser beigemengt werden, um die Schmelze zu verzögern, deren mögliche Folgewirkungen auf den Ökohaushalt aber umstritten sind. Während der Bakterieneinsatz in Südtirol genehmigt worden ist, gilt diese Regelung nicht für die USA. Hinzuweisen ist auch darauf, dass es allein schon durch die Installation der Beschneiungsanlagen bzw. durch das Aufreißen der Gräben für die Leitungen der Ver- und Entsorgung zu weiteren dramatischen Zerstörungen der vormals geschlossenen alpinen Grasheide gekommen ist.
Allein im Grödnertal werden derzeit etwa 160 Kilometer Piste künstlich beschneit. Der hohe Wasserverbrauch führt zu einer massiven Reduzierung der Wasserführung von Grödner- und Jenderbach und damit eben zu einer signifikanten Störung ihres Wasserhaushalts.
M. Meurer