Saarland/Lothringen/Luxemburg - Wirtschaft 1957 / 2007

Saarland/Lothringen/Luxemburg

978-3-14-100700-8 | Seite 42 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 500.000
Saarland/Lothringen/Luxemburg | Wirtschaft 1957 / 2007 | Saarland/Lothringen/Luxemburg | Karte 42/1

Informationen

Der Kartenausschnitt zeigt den Kernbereich des sogenannten Saar-Lor-Lux-Raumes, der sich zusammensetzt aus vier lothringischen Departements, der belgischen Provinz Luxemburg, dem Großherzogtum Luxemburg, dem Saarland und dem Westen von Rheinland-Pfalz. Nach der Wiederangliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik Ende der 1950er-Jahre wurden der im Saar-Lor-Lux-Raum einstmals dominierende Bergbau und alle Bereiche der Eisenindustrie durch die einsetzende Stahlkrise schwer erschüttert. Der gemeinsame Niedergang der beiden wichtigsten Wirtschaftszweige führte zu einem Strukturwandel in der ganzen Region.

Niedergang des saarländisch-lothringischen Kohlereviers
Das saarländisch-lothringische Kohlerevier ist geologisch eine Einheit, allerdings sind die Abbaubedingungen auf französischer Seite aufgrund der geologisch-tektonischen Verhältnisse ungleich schwieriger als im Saarland. Das lothringische Revier der Houillières du Bassin de Lorraine (HBL) trug 1957 etwa ein Viertel zur gesamten französischen Steinkohlenproduktion von insgesamt 58 Mio. Tonnen bei. Der Höchststand der Eisenerzförderung in Luxemburg und Lothringen wurde Ende der 1950er-Jahre erreicht. Aufgrund sinkender Transportkosten, geringerer Preise sowie höherer Qualität (mitunter mehr als 70 Prozent Eisengehalt) verdrängten jedoch Überseeerze immer stärker die lothringisch-luxemburgischen Minette-Erze (mit maximal 32 Prozent Eisengehalt).
Die auf drei Kerngebiete (in Lothringen, Luxemburg und dem Saarland) konzentrierte Eisen- und Stahlindustrie geriet vor allem ab 1974 in eine existenzielle Krise, die durch externe Einflüsse, aber auch durch mangelnde Rationalisierung verursacht wurde; beispielsweise wurden 1974 im Saarland nur noch vier Hochöfen benötigt, dennoch waren 17 in Betrieb. Als gravierender Nachteil erwies sich die einseitige Spezialisierung der meisten Hütten auf Profil- und Massenstähle. Zwischen 1960 und 1983 wurden im Saarland 23 000 Arbeitskräfte freigesetzt, in Lothringen gingen innerhalb von nur 15 Jahren mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze in den Bereichen Steinkohle und Stahl verloren. Um diesen Trend zu bremsen, wurden Restrukturierungsmaßnahmen durchgeführt: Seit 1986 wird Roheisen im Saarland nur noch in Dillingen, Stahl ausschließlich in Dillingen und Völklingen produziert.
Im lothringischen Kohlerevier wurde der schrittweise "Rückzug aus der Kohle" ab den 1990er-Jahren vollzogen. Als 2005 die letzte lothringische Schachtanlage geschlossen wurde, war durch die frühzeitige Ausgründung bergbaunaher Betriebe wenigstens für einen Teil der Belegschaft eine Weiterbeschäftigung gesichert worden.
Im Saarland wurden 2006 in Ensdorf von rund 4000 Mitarbeitern noch 3,7 Mio. Tonnen Kohle gefördert. Wegen der gesunkenen Nachfrage der Eisen- und Stahlindustrie und wegen des weltweit stark gesunkenen Anteil des Einsatzes von Steinkohle als Primärenergieträger, aber auch wegen des hohen Subventionsbedarfes, um deutsche Steinkohle wettbewerbsfähig zu machen, hat der Bundestag den Ausstieg aus der Steinkohleförderung zum Jahr 2018 beschlossen. Damit ist ein Ende des Bergbaus auch im Saarland abzusehen. Bergschäden, die ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf der Richterskala auslösten, waren Anfang 2008 Anlass für Diskussionen um eine noch frühere Einstellung des Bergbaus in Ensdorf.

Versuche zur Ansiedlung neuer Industrien
Die 1957 als Nachfolgegesellschaft der "alten" Saarbergwerke gegründeten Saarbergwerke Aktiengesellschaft (Saarberg) hatte sich schon frühzeitig um eine möglichst enge Kooperation mit dem französischen Konkurrenten HBL bemüht. Mit der "Saarlor" gründeten beide Unternehmen eine gemeinsame Verkaufsgesellschaft, die Saarberg noch bis zu Beginn der 1980er-Jahre alljährlich einen Export von 5 bis 7 Mio. Tonnen Steinkohle nach Frankreich ermöglichte; in den 1990er-Jahren liefen diese Exporte aus.
Neben der "Saarlor" wurden in den 1960er-Jahren auch andere Gemeinschaftsunternehmen ins Leben gerufen, vornehmlich im Bereich der Kohle- und Petrochemie und teilweise unter Mitwirkung der deutschen Großchemie. In Klarenthal (Völklingen) und Metz wurden Raffinerien gebaut, die über einen Anschluss an die SEPL, die "Südeuropäische Pipeline" von Marseille bis Karlsruhe, mit Rohöl versorgt wurden. Doch diese Versuche, neben der Kohle ein zweites wirtschaftliches Standbein aufzubauen, scheiterten; 1985 war auch für die Saarland-Raffinerie Schluss. Die Kohleaktivitäten des Saarberg-Konzerns, der sich zu 74 Prozent in Bundes- und zu 26 Prozent in Landeseigentum befand, wurden 1998 in die Deutsche Steinkohle AG eingebracht.
Unter den Nachfolgeindustrien tritt besonders der Kraftfahrzeugbau hervor (mehrere große Standorte in Saarlouis, Homburg, Neunkirchen, Metz und Umgebung).

Strukturwandel in der Region
Die gesamte Region hat in den letzten Jahrzehnten einen Strukturwandel erlebt, dessen große Verlierer der Steinkohlenbergbau und die Stahlindustrie sind, wie im Vergleich beider Karten am massiven Rückgang sowohl der Bergwerke als auch der Eisenhütten, Stahlwerke, Gießereien und Walzwerke deutlich zu sehen ist. Diese Entwicklung spiegelt sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider: Wurden beispielsweise 1960 im Saarland noch 42 100 Beschäftigte in der Eisen- und Stahlindustrie gezählt, waren es 1992 nur noch 15 400 und im Jahre 2000 lediglich noch 11 100. Von den einstmals mehr als 20 Steinkohlengruben im Raum Saarbrücken ist inzwischen, nachdem der Steinkohlenabbau in Merlebach 2003 aufgegeben worden war, nur noch das Bergwerk "Saar" in Ensdorf geblieben.
Hinsichtlich der Aufteilung nach Wirtschaftsbereichen ist die Zahl der Industriebeschäftigten in der Saar-Lor-Lux-Region zwar noch immer vergleichsweise hoch — insbesondere im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Lothringen —, dennoch nimmt die Bedeutung dieses Bereiches tendenziell ab, auch wenn in den letzten Jahren neue Stellen vor allem im Bereich der Automobil- und der Zuliefererindustrie entstanden sind. Hier bestehen Parallelen zum Standort Bochum im Ruhrgebiet (37.1). Den Trend belegen die statistischen Daten: Waren Ende der 1990er-Jahre noch rund 25 Prozent der Arbeitnehmern in der Großregion in der Industrie beschäftigt, fiel ihr Anteil binnen weniger Jahre auf 20 Prozent.
Der Stellenrückgang in den traditionellen Industriebereichen wurde begleitet von einem beständigen Wachstum des tertiären Sektors. Gegenwärtig sind bereits mehr als 70 Prozent aller Beschäftigten in der Saar-Lor-Lux-Region im Dienstleistungsbereich tätig, wobei Luxemburg mit rund 80 Prozent den Spitzenplatz belegte. Die Stadt konnte sich als internationales Finanzzentrum und als Verwaltungsstandort für Einrichtungen der EU profilieren. Hauptgrund für das Wachstum des tertiären Sektors, das sich neben Luxemburg auch in den anderen Teilregionen beobachten lässt, ist die Entstehung neuer Dienstleistungsbereiche, etwa auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien und im Bereich der Dienstleistungen für Unternehmen.
R. Löttgers, H. Riedel

Graphiken

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Der Zulieferpark des Fordwerks Saarlouis

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Verflechtung der Stahlindustrie

Durch Produktionsverbünde versuchen die einzelnen Teilnehmer Vorteile durch gemeinsame Nutzung von Ressourcen zu erreichen oder Nachteile, wie z.B. mehrfach energieaufwendiges Erhitzen, zu vermeiden.
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Wandel bei den Standortfaktoren der Eisen- und Stahlindustrie

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