Südosteuropa/Türkei/Kaukasus - Wirtschaft

Südosteuropa/Türkei/Kaukasus - Wirtschaft

978-3-14-100700-8 | Seite 128 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 6.000.000
Südosteuropa/Türkei/Kaukasus | Wirtschaft | Südosteuropa/Türkei/Kaukasus - Wirtschaft | Karte 128/1

Informationen

Die Länder der Region befinden sich gegenwärtig in sehr unterschiedlichen sozioökonomischen Situationen. An das relativ hoch entwickelte EU-Mitglied Griechenland grenzt mit Albanien eines der ärmsten Länder Europas. Seit der Aufnahme Rumäniens in die EU 2007 besteht eine Außengrenze des integrierten europäischen Wirtschaftsraumes zum wenig entwickelten Moldawien. Die Türkei ist durch eine Mittlerstellung zwischen der westlich geprägten EU und der arabischen Welt zu charakterisieren. Die früheren Sowjetrepubliken Georgien, Aserbaidschan und Armenien ringen um eine eigenständige Entwicklung und Perspektive in unmittelbarer Nachbarschaft zur Großmacht Russland. Die Nähe zu den Krisenregionen Westasiens macht gerade die Kaukasusregion zum Spielball geopolitischer Machtinteressen und Auseinandersetzungen. Diese Situation wird verstärkt durch die Energiereserven am Kaspischen Meer, die Begehrlichkeiten und wirtschaftliche Interessen wecken.

Rückstandsfolgen
Die Folgen dieses Rückstandes sind bis heute zu erkennen. Die Landwirtschaft, in vielen Ländern eine wichtige Erwerbsquelle, arbeitet heute z. T. mit agrarindustriellen Methoden, z. T. aber noch immer mit veralteten Produktionsmethoden. Die spät entwickelte Industrie — v. a. die im ehemals sowjetischen Macht- und Einflussbereich — verharrte auf niederer Veredelungsstufe, zumeist nur bis zum Halbfabrikat. Die wenigen Endprodukte (Maschinenbau, Elektroindustrie, Schiffbau) hatten nur auf dem Binnenmarkt Absatzmöglichkeiten. Die Reininvestition ohnedies schmaler Renditen ist gering, zumal die Auslandsverschuldung die Netto-Gewinne weiter schmälert.
Viele Länder des Raumes sind aus den Zusammenbrüchen des Osmanischen Reiches, des Kaiserreiches Österreich-Ungarn bzw. der Sowjetunion hervorgegangen. Dies schuf nationale Kleinwirtschaftsräume mit ungenügender Marktgröße und fehlender Anbindung an größere wirtschaftliche Blockbildungen. Es gibt mehrere Subregionen politischer Zerstückelung und Krisenhaftigkeit. So machen zahllose offene oder schwelende Nationalitätenkonflikte die Gesamtregion zum Krisenherd, und führten im Falle Zyperns sogar zu einer anhaltenden Teilung der Insel.

Naturräumliche Zwänge
Auch bestimmte naturräumliche Gegebenheiten wirken als Entwicklungshemmnisse. Zwar schieben sich die Nebenmeere des Mittelmeeres bis zum Asowschen Meer weit in die Kontinentalmassen vor, doch ist die maritime Abseitslage zu den offenen Weltmeeren (Atlantik) deutlich. Außer der Donau und den nördlichen Schwarzmeerzuflüssen (Don) fehlen schiffbare Großflüsse; letztere vereisen zudem im Winter. Die vielen Beckenlandschaften sind untereinander zumeist nur über Pässe erreichbar oder durch Küstengebirge vom Meer abgeriegelt (z. B. Anatolien). Die vielen Mittel- und Hochgebirge sind erhebliche Verkehrs- und Kommunikationshindernisse.

Regionale Differenzierungen
Gesamtwirtschaftliche Verspätung und Zurückbleiben des Raumes, auch manche Binnendifferenzierungen, beruhen auf dem gegenwärtigen Kumulieren weiterer Ursachen und Spätfolgen. Als deren langfristig wirksamste können die Eingriffe von Wirtschaftsmächten wie der Republik Venedig im Mittelalter, dem Osmanischen Reich, dem Kaiserreich Russland bzw. der Sowjetunion und dem Kaiserreich Österreich-Ungarn gelten. Die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit führte nahezu überall in der Region zu Ab- und Auswanderungswellen, besonders in die USA (Griechen, Albaner, Jugoslawen). Dort stärkten sie nun deren Wirtschafts- und Innovationskraft. So wurde z. B. der Kroate N. Tesla, der Entdecker des Wechselstroms, zum wichtigsten Mitarbeiter des Erfindergenies T. Edison. Zu den vorläufig letzten Massenwanderungswellen entwickelten sich zwischen 1960 und 1980 die Gastarbeiterwanderungen und nach 1990 die Fluchtbewegungen vor dem Bürgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien.
Die Gesamtregion ist heute auch weltwirtschaftlich und innerhalb Europas in einer Peripheriesituation. Nichtsdestotrotz gibt es Regionen mit hohem Entwicklungspotential (z. B. Antalya im Tourismus; Verdichtungsraum Istanbul als Drehscheibe zwischen Europa und der arabischen Welt mit hohem Dienstleistungspotential). In dieser Situation kommt den Beziehungen zur EU und dem europäischen Markt besondere Bedeutung zu, daran knüpfen sich hohe Erwartungen.
E. Thomale

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