Südostasien - Wirtschaft

Südostasien - Wirtschaft

978-3-14-100803-6 | Seite 196 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 16.000.000
Südostasien | Wirtschaft | Südostasien - Wirtschaft | Karte 196/1

Überblick

Über Jahrhunderte wurde die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Länder Südostasiens von europäischen, später auch US-amerikanischen Kolonialinteressen dominiert. Eine eigenständige nationale Entwicklung begann für die Staaten der Region erst nach ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit nach 1945. Zur Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts und der politischen Stabilität gründeten Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Singapur 1967 die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN), der später auch Vietnam, Kambodscha, Laos, Myanmar und Brunei beitraten. Osttimor (Demokratische Republik Timor-Leste) ist als einziges Land Südostasiens nicht Mitglied der ASEAN, hat aber 2011 die Aufnahme beantragt. Die ASEAN, die ihr Tätigkeitfeld im Laufe der Zeit auch auf die Bereiche Sicherheits-, Kultur- und Umweltpolitik ausdehnte und 2009 die Gründung eines Wirtschaftsraums nach europäischem Vorbild beschloss, gilt heute als eines der erfolgreichsten Staatenbündnisse der Welt.

Allerdings ist die Transformation der früheren Entwicklungsländer in moderne Industrienationen nicht überall in gleichem Maße geglückt. Ungeachtet vieler Fortschritte und Erfolge ist Südostasien ein sehr heterogener Wirtschaftsraum, wie der jährlich erscheinende Human Development Index (HDI) belegt. Demnach zählten Singapur (Rang 18) und Brunei (Rang 30) 2013 zu den Ländern mit „sehr hoher“ menschlicher Entwicklung – Singapur liegt noch vor Frankreich –, während Myanmar (Rang 149) zu den am wenigsten entwickelten Staaten der Erde gerechnet wird; die anderen ASEAN-Länder decken im HDI-Ranking die gesamte Bandbreite im Mittelfeld ab.

Wirtschaftliche Schwerpunkte nach Ländern

Singapur verfügt über eine hochindustrialisierte Wirtschaft, die durch internationale Vernetzung und steuerliche Anreize stark auf den Weltmarkt ausgerichtet ist. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen zählen die Erdölverarbeitende Industrie, die Elektronikbranche und der Maschinenbau, zunehmend auch die Biotechnologie. In einigen Dienstleistungsbereichen, insbesondere bei Transport, Logistik und Finanzen, gilt Singapur über Südostasien hinaus als Drehscheibe von internationalem Rang. Perspektivisch erstrebt der flächenmäßig kleinste Staat Südostasiens eine Führungsposition in ausgewählten Spitzentechnologien wie der IT-, Bio- und Gentechnologie.

Die Wirtschaft Bruneis, gelegen im Nordwesten Borneos, ist fast vollständig auf die Produktion von Erdöl und Erdgas ausgerichtet. Die Einnahmen in diesem Sektor machen 95 Prozent der Exporteinkünfte aus und tragen zu rund zwei Dritteln zum BIP bei. Auf Basis der Erdgasvorkommen strebt das Sultanat die Ansiedlung weiterer petrochemischer Industrien an. Mehr als die Hälfte der einheimischen Erwerbsbevölkerung ist im öffentlichen Dienst tätig, handwerkliche Tätigkeiten werden überwiegend von Arbeitsimmigranten aus den Philippinen, Thailand, Indonesien usw. übernommen. Arbeitsintensive Industrien sind in Brunei nach dem Niedergang der Textilindustrie nicht mehr vorhanden.

Das durch den langjährigen Krieg schwer zerstörte Vietnam hat ab Ende der 1980er-Jahre einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung mit starken Wachstumsraten erlebt. 2013 konnte das Land zum wiederholten Male einen Außenhandelsüberschuss erzielen. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Nahrungsmittel (Kaffee, Tee, Reis, Bananen usw.), Textilien, Erdöl und elektronische Geräte. Das wachsende Volkseinkommen ist allerdings zwischen Stadt und Land sehr ungleich verteilt. So konzentriert sich im Großraum Ho-Chi-Minh-Stadt rund ein Viertel der Wirtschaftskraft des gesamten Landes, während in den ländlichen Regionen, in denen rund 60 Prozent der Einwohner leben, nur 20 Prozent des Volkseinkommens erwirtschaftet werden. Ein zweites wirtschaftliches Zentrum bildet die Hauptstadt Hanoi.

Malaysia hat sich dank eines anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs vom Rohstofflieferanten zu einem Industriestandort mit mittleren Durchschnittseinkommen entwickelt. Im Human Development Index belegt es Rang 65 und ist damit das drittplatzierte ASEAN-Land nach Singapur und Brunei. Die Wirtschaft ist stark exportorientiert: Malaysia liefert zum Beispiel Mikrochips und Solarzellen in die ganze Welt. Einen zweiten Schwerpunkt bilden Rohstoffe wie Öl und Palmöl. 2012 kamen 39 Prozent des weltweit produzierten Palmöls aus Malaysia. Zugleich gehört das Land zu den weltgrößten Kautschuk-Produzenten. So wird der globale Bedarf an Latex-Handschuhen zu 65 Prozent von Malaysia abgedeckt. Die Exporte des staateigenen Erdölkonzerns tragen zu den Staatseinnahmen bei.

Myanmar wurde noch bis 2010 von einer Militärregierung geführt, durch die das Land lange Zeit international isoliert war. Obwohl Myanmar dank ausgedehnter landwirtschaftlicher Nutzflächen und beachtlicher Vorräte an Erdgas, Hölzern, Edelsteinen, Kupfer und anderen Rohstoffen über ein enormes Potenzial verfügt, zählt es zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Nach dem Inkrafttreten der Verfassung 2011 und der Aufhebung der EU-Sanktionen (mit Ausnahme des Waffenembargos) gibt es derzeit realistische Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung, allerdings ist die Infrastruktur noch desolat.

Indonesien hat in den letzten Jahren einen starken ökonomischen Aufschwung erlebt. Das Land ist reich an Rohstoffen wie Erdgas, Öl, Zinn, Nickel, Kupfer, Bauxit und Gold, überdies ist es weltgrößter Exporteur von Kraftwerkskohle. Ein dominierender Faktor in der indonesischen Wirtschaft ist die Landwirtschaft. Das Land besitzt reiche Holzvorkommen und exportiert Agrarprodukte wie Palmöl, Kautschuk, Kakao, Tee, Kaffee und Tabak. Weitere wichtige Industriezweige sind die Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie sowie die Möbelherstellung. Die Metropolregion Jakarta ist ein Dienstleistungszentrum von internationalem Rang.

Wichtigster Wirtschaftssektor in Thailand sind die Dienstleistungen mit einem Anteil von 44,2 Prozent am BIP, dicht gefolgt vom industriellen Sektor mit 43,6 Prozent; auf die Landwirtschaft entfallen 12,3 Prozent (Stand 2013). Wichtigste Exportgüter des Landes sind elektrische und elektronische Geräte, Automobile und Automobilteile sowie chemische und landwirtschaftliche Produkte, insbesondere Kautschuk, Reis, Bananen, Ananas und Meeresfrüchte. Der Tourismus hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. Nach Angaben der Weltbank haben sich die Einnahmen aus diesem Bereich zwischen 2000 (9,51 Mio. Touristenankünfte) und 2013 (26,74 Mio. Touristenankünfte) annähernd vervierfacht. 2013 hatte der Tourismus einen Anteil von 10,3 Prozent am BIP.

Wie in anderen ASEAN-Staaten weist auch die Wirtschaft der Philippinen eine für Schwellen- und Entwicklungsländer typische Zweiteilung auf: auf der einen Seite gibt es eine moderne Elektronik-Industrie (z.B. Halbleiter und elektronische Bauteile) und einen boomenden Dienstleistungssektor (die Philippinen gelten inzwischen als weltweit zweitgrößte Outsourcing-Destination für Callcenter usw. nach Indien), auf der anderen Seite lebt ein großer Teil der Landbevölkerung noch immer von der Subsistenzlandwirtschaft. Aktuell setzt das Land, das mit seinen tausenden Inseln zahlreiche artenreiche Ökosysteme beherbergt, verstärkt auf den Tourismus. Die Tourismusbranche ist nicht so bedeutend wie in Thailand, aber sie expandiert seit Jahren und beständig. Die Zahl der ankommenden Reisenden lag 2012 bei 4,3 Mio. Ob bis 2016 das ehrgeizige Ziel von 10 Mio. ausländischen Gästen erreicht werden kann, ist fraglich, aber zweifellos zählt der Tourismus zu den Wachstumsbranchen des Landes.

Obgleich Kambodscha seine Armutsquote in den letzten zehn Jahren deutlich senken konnte – von 53 Prozent 2004 auf 20,5 Prozent 2014 – gehört es noch immer zu den am wenigsten entwickelten Ländern (HDI-Rang 138) der Welt. Mängel der Infrastruktur, hohe Energiekosten, die Korruption und ein niedriges Ausbildungsniveau hemmen die wirtschaftliche Entwicklung. Die wichtigsten Exportprodukte sind Textilien, Agrarerzeugnisse und Rohstoffe.

Laos teilt mit Kambodscha sowohl den niedrigen HDI-Rang 138 als auch die Probleme mit Infrastruktur und Korruption, treibt die Modernisierung seiner Wirtschaft aber entschlossener voran und konnte zuletzt ermutigende Wachstumsraten zwischen sieben und neun Prozent pro Jahr erzielen. Wichtigste Motoren der ökonomischen Entwicklung waren der Bergbau (Gold, Kupfer, Eisenerz), die Elektrizitätsgewinnung aus Wasserkraft, die Landwirtschaft und der zunehmende Tourismus, der dem Land 2012 Einnahmen in Höhe von 461 Mio. US-Dollar bescherte, was im Vergleich zum Jahr 2000 (114 Mio. US-Dollar) einer Steigerung um mehr als das Vierfache entspricht.

Osttimor bzw. Timor-Leste ist als einziges Land Südostasiens nicht Mitglied der ASEAN, hat aber 2011 die Aufnahme beantragt. Etwa 75 Prozent der Beschäftigten in Osttimor leben noch immer von der landwirtschaftlichen Subsistenzwirtschaft, wichtigstes Exportgut neben dem Öl ist der Kaffee, gefolgt von Vanille, Kakao und Erdnüssen. Der Tourismus bietet aufgrund der landschaftlichen Schönheit Osttimors ein bislang noch kaum ausgeschöpftes Potenzial.

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Verlust von Regenwäldern

Relativ große Teile Südostasiens werden noch immer von Regenwald bedeckt, dessen Fläche geht aber in den letzten Jahrzehnten stark zurück. Die Hauptursachen des drastischen Waldrückgangs sind Holzeinschlag für die Industrie, Brandrodungen für die Plantagenwirtschaft bzw. andere landwirtschaftliche Nutzung.

Im Kartenbild ist der Waldrückgang zum Beispiel durch einen Vergleich Borneos bzw. Sulawesis heute und 1980 zu erschließen (siehe Karte 197.2). Obwohl es dort bis heute noch vergleichsweise dichte und geschlossene Waldgebiete gibt, zeigen sich doch insbesondere an den Küsten und entlang von Entwicklungsachsen starke Veränderungen. Die Kartendarstellung wirkt diesbezüglich zudem stark generalisierend.

Die großzügige Vergabe von Einschlagskonzessionen für die Holzwirtschaft begann in den 1960er- und 1970er-Jahren zunächst auf den Philippinen und in Thailand, dann in Malaysia und Indonesien. Für die südostasiatischen Länder bot die Nachfrage nach billigem Tropenholz auf dem Weltmarkt die Möglichkeit zur Beschaffung dringend benötigter Devisen. Ab den 1990er-Jahren war der Boom der Palmölproduktion ein Hauptgrund für die raumgreifenden Rodungen.

Reste zusammenhängender Primärwälder bestehen heute nur noch in unzugänglichen Räumen. Thailand und die Philippinen müssen heute sogar Holz importieren.

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