Südostanatolien - Bewässerungsprojekt

Türkei

978-3-14-100700-8 | Seite 127 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 1.500.000
Südostanatolien | Bewässerungsprojekt | Türkei | Karte 127/1

Informationen

Die Karte zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem "Fruchtbaren Halbmond", einer Übergangsregion zwischen Gebirgen und Wüste, die über Jahrtausende durch degradierte Wälder und Weideland, Regenfeldbau und Halbnomadismus geprägt war. Im türkischen Teil hat sich die Agrarwirtschaft in den letzten Jahren vor allem durch die staatlichen Maßnahmen des Südostanatolienprojektes (GAP) verändert. An Euphrat und Tigris wurden große Stauseen angelegt. Ein Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche wurde bereits in Bewässerungsland umgewandelt, das durch ein Netz von Kanälen, zum Teil mit Pumpstationen, versorgt wird. Weitere Bewässerungsflächen sind im Bau.

Entwicklungsregion Südostanatolien
Der Südosten der Türkei ist in sozioökonomischer Hinsicht der am wenigsten entwickelte Teil des Landes. Die noch heute wirksamen traditionellen agrarsozialen Verhältnisse, das kurdische Feudalsystem mit dem Großgrundeigentum der Stammes- und Clanführer, der sogenannten Agas, haben eine große Zahl von Teilpachtbetrieben und landlosen Familien hervorgebracht. In den 1980er-Jahren waren hier etwa 40 Prozent aller ländlichen Familien ohne Land. Durch eine staatliche Bodenreform in der Urfa-Harran-Ebene sollte diese ungerechte agrar-soziale Situation 1973 verändern werden; sie scheiterte aber am politischen Einfluss der Großgrundeigentümer.
Schon seit den 1930er-Jahren gab es Überlegungen, die großen Wassermengen von Euphrat und Tigris zu nutzen. Im Vordergrund stand zunächst die Energiegewinnung, um die große Abhängigkeit von Energieimporten zu vermindern und die Versorgung der rasant wachsenden Bevölkerung zu gewährleisten. Am Euphrat entstanden 1966 der (nördlich außerhalb der Karte gelegene) Keban-Damm und der südlich anschließende Karakaya-Damm, der 1987 fertiggestellt wurde. Beide versorgen keine Bewässerungsflächen und verringern deshalb die Wassermenge nicht. 1976 wurden die Planungen zum "Güneyanadolu Projesi" (GAP) zusammengeschlossen und später einer eigenen Behörde unterstellt (1989).

Das Südostanatolienprojekt
Nach der Ausarbeitung der ersten Masterpläne 1980 und 1989 ging die Planungsidee des Südostanatolienprojekts weit über die Energiegewinnung hinaus. Das Projekt wird heute als ein "multi-sectoral, integrated regional development project" bezeichnet.
Die Grundlagen für eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung der Region sollte die geplante Bewässerung von knapp 1,7 Mio. Hektar Land bieten. 1,08 Mio. Hektar des neuen Bewässerungslandes sollten im Westen am Euphrat und 0,6 Mio. Hektar am Tigris liegen. Nach dieser Planung sollten insgesamt 54 Prozent des landwirtschaftlich zu nutzenden Areals bewässert werden. Zu diesem Maximalausbau gab es bereits in den Masterplänen Alternativentwürfe mit einer deutlich geringeren Bewässerungsfläche. Heute spricht man von einer Ausweitung auf insgesamt höchstens 900 000 Hektar; fertig gestellt ist bislang etwa ein Viertel.
Mit dem Bau des Atatürk-Stausees (Einstau 1990, letzte Turbine 1993) waren 56 Prozent der geplanten Energieproduktion fertiggestellt. Zur Ableitung des Bewässerungswassers wurde 1994 ein 26,4 Kilometer langer Doppelröhrentunnel gebaut. Von ihm aus wird das Wasser in offenen Kanälen in die Urfa-Harran-Ebene geleitet; es soll später auch die entfernten Bewässerungsflächen im Westen versorgen. Angebaut wird heute ganz überwiegend Baumwolle, da mit ihr die höchsten Renditen erzielt werden können.
Entsprechend dem natürlichen Gefälle sind die Entwässerungskanäle nach Süden gerichtet, ihr belastetes Drainagewasser wird über die syrische Grenze geführt. Geplant wird derzeit, es zurückzupumpen, um es anschließend technisch aufbereitet vollständig nutzen zu können. In den Gebieten, die noch im Planungsverfahren sind, ist es zu einer heftigen Immobilienmobilität gekommen. In diesen Regionen haben vielfach Großgrundeigentümer in Motorpumpen investiert. Sie versorgen im Vorgriff diese Flächen aus dem Grundwasser, um auch an dem Baumwoll-Boom teilzuhaben. Der Umfang der tatsächlich bewirtschafteten Bewässerungsflächen — also einschließlich der privaten — ist daher weitaus größer als in der Karte zu erkennen.
E. Struck

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