Südfrankreich - wirtschaftliche Entwicklung im Sunbelt

Frankreich

978-3-14-100700-8 | Seite 115 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 1.500.000
Südfrankreich | wirtschaftliche Entwicklung im Sunbelt | Frankreich | Karte 115/3

Informationen

Der Rhônegraben bildet das Scharnier zwischen den beiden südfranzösischen Regionen Languedoc-Roussillon und Provence-Alpes-Côte d'Azur. Während der Naturraum westlich der Rhône durch eine zonale Abfolge von Küstentiefland, Plateaus bzw. Hügelland und Gebirge bestimmt ist, gliedern mehr oder weniger west-östlich streichende Faltenzüge und davon eingerahmte Becken — etwa das Becken von Aix — das östlich anschließende Gebiet. Unterschiede zeigen sich auch bei den Küstenabschnitten: Zwischen der Camargue im Delta der Rhône und den Pyrenäen erstreckt sich eine 180 Kilometer lange Ausgleichsküste, östlich von Marseille gibt es hingegen mit der sogenannte Calanquen-Küste eine Steil- oder Ingressionsküste.

Wandel in der Landwirtschaft
Die klassische mediterrane Anbautrilogie aus Getreide, Ölbäumen und Reben ist schon seit längerer Zeit einer Spezialisierung auf Sonderkulturen gewichen. So wuchsen die Ölbaumkulturen in einigen Teilbereichen dank eines veränderten Verbraucherverhaltens, entsprechender EU-Zuschüsse und neuer AOC-Bezeichnungen (Appellation d'Origine Contrôlée, kurz AOC, ist ein Schutzsiegel für landwirtschaftliche Produkte aus Frankreich und der Schweiz). Der Weinbau hat nach wie vor eine weithin landschaftsprägende Bedeutung. Obwohl sich in Languedoc-Roussillon in den letzten 15 Jahren die Fläche um fast 20 Prozent verringert hat, entfällt auf die Region mit ihren 270 000 Hektar Rebfläche immer noch etwa ein Drittel der nationalen Gesamtfläche. Der Anteil hochwertiger Weine aus begrenztem Anbaugebiet ("Vin Délimité de Qualité Supérieure", kurz VDQS) und der AOC-Weine hat sich inzwischen dank der Bemühungen um eine qualitative Verbesserung durch geeignete Sortenwahl auf mehr als 10 Prozent erhöht; Landweine machen rund 70 Prozent der Gesamtproduktion aus. Noch höher ist die Bedeutung von Qualitätsweinen wie Châteauneuf-du-Pape, Côtes-du-Rhône, Bandol und Cassis in der Provence.
Ab Mitte der 1950er-Jahre gab es erste Anstrengungen, durch Bewässerung die damals noch fast monostrukturartige Verbreitung des Weinbaus zugunsten einer diversifizierten Agrarproduktion abzulösen. Wie bei der Bewässerungslandwirtschaft des Comtat (Petite Crau) und am Unterlauf der Durance verlagerte sich der Anbau vor allem auf Obst und Gemüse — wenn auch nicht im geplanten Umfang. Auf der Basis dieser Sonderkulturen haben sich einige Konservenfabriken entwickelt. Ein starkes Wachstum verzeichnen im ganzen Midi die Kulturen in Glashäusern oder unter Plastikfolientunneln, die den Standortnachteil gegenüber anderen Anbaugebieten in Spanien oder Marokko wettmachen sollen. Zur Produktionspalette zählen neben den klassischen Gemüsesorten auch Spargel, Tomaten und Melonen. Mit der Camargue besitzt Frankreich eines der nördlichsten Reisanbaugebiete in Europa, in dem ebenfalls eine Bewässerungswirtschaft betrieben wird.
Die Intensivierung des Anbaus zog mittelbar einen Rückgang der Viehwirtschaft nach sich. In den Tieflandsgebieten spielt nur noch die Crau als Winterweidegebiet eine Rolle. Doch führte hier die Ausweitung des Obst- und Gemüsebaus und die Urbanisierung am Rande der Agglomeration Marseille zu einer Verringerung der "coussous" (Schafweiden). Unter den randlichen Höhengebieten, in denen sich die Viehwirtschaft in Form der stationären Viehhaltung oder auch der Transhumanz bis heute behauptet hat, sind die Grands Causses von besonderer Bedeutung. Auf diesen Karstplateaus konzentriert sich die Milchproduktion für den renommierten Schafskäse von Roquefort. Die Schafhaltung hat hier durch verstärkten Futterbau sogar eine Intensivierung erlebt.

Andere Wirtschaftszweige
Ein traditionsreicher Erwerbszweig, der in den letzten Jahrzehnten schwere Einbußen erlebte, ist die Fischerei. Größter Fischereihafen Südfrankreichs ist Sète, Port-Vendres folgt mit deutlichem Abstand an zweiter Stelle. Im Vergleich zu den Häfen am Atlantik und Ärmelkanal fallen die angelandeten Fänge aber deutlich ab und gehen tendenziell sogar noch stärker zurück. In Aquakulturen werden in Haffs wie dem Etang de Thau, dem Etang de Salses und dem Etang de Sigean Austern und Miesmuscheln gezüchtet.
Nur noch unbedeutend ist auch der Bergbau. Das traditionsreiche Revier von Alès hat die Steinkohleförderung 2001 eingestellt, seit 2003 ruht auch der Braunkohlebergbau in Gardanne. Auch andere bergbauliche Aktivitäten wie der Naturockerabbau im Lubéron oder die Bauxit- und Uranerzgewinnung sind nur noch von lokaler Bedeutung. Die Salinen an den Küstenstandorten von Salin-de-Giraud, Aigues-Mortes und Port-La-Nouvelle produzieren dagegen nicht nur Speisesalz, sondern auch Meersalz für die Weiterverarbeitung in der chemischen Industrie.
Auf Energiegewinnung, Schiffbarmachung, Hochwasserschutz und den Ausbau der Bewässerungslandwirtschaft zielten flussbauliche Maßnahmen in der Rhôneachse nach 1947. Längs des Flusses entstanden die Elektrizitätskraftwerke von Donzère-Mondragon, Caderousse, Châteauneuf-du-Rhône und Vallabrègues. Auch an der Durance wurde von 1955 bis 1977 eine ganze Kette von Wasserkraftwerken errichtet. An der Rhône liegt das Atomkraftwerk Tricastin mitsamt Urananreicherungsanlagen und Forschungseinrichtungen.
Mit 30 Mio. Tonnen pro Jahr entfällt auf die vier Raffinerien am Rande der Bucht Etang de Berre bei Fos nicht weniger als ein Drittel der gesamten nationalen Kapazität. Diese Betriebe liefern unter anderem Vorprodukte für die regionale chemische Industrie. Hier beginnen die Ölpipelines Sud-Européen und Méditerranée-Rhône.
Als Musterbeispiel für das Scheitern eines von den staatlichen Raumordnungsbehörden geplanten Industrie- und Hafenkomplexes gilt der Standort Fos. Die ehrgeizigen Ziele eines auf der Hüttenindustrie aufgebauten Wachstumspols am Mittelmeer konnten nicht erreicht werden. Die Zahl der Beschäftigten in der dortigen Schwerindustrie hat sich aufgrund des technologischen Wandels und der verschärften internationalen Konkurrenz in der Eisen- und Stahlherstellung seit 1980 etwa um die Hälfte reduziert. Nur wenige nachgelagerte Betriebe haben sich auf dem 7000 Hektar großen Industriegelände angesiedelt.
Ein wichtiger Arbeitgeber und größter französischer Hafen am Mittelmeer zugleich ist der Port Autonome von Marseille, der 2006 einen Umschlag von rund 100 Mio. Tonnen verzeichnete. Verglichen jedoch mit anderen dortigen Häfen hat er seit 1990 rund ein Drittel seines Anteils am Gesamtumschlag eingebüßt, beim Containerumschlag, der in den letzten Jahren fast überall starke Zuwächse verzeichnet, sind es sogar 50 Prozent. Im internationalen Vergleich mit den Nachbarstaaten liegt der Hafen von Marseille hinter Barcelona und Genua. Mehr als zwei Drittel des Umschlags entfallen auf Erdöl, Erz und Bauxit.
R. Michna

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Verlauf von Rhônearmen und Küstenlinien im Mittelalter

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