Südasien - Entwicklungsunterschiede

Indien

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Südasien | Entwicklungsunterschiede | Indien | Karte 130/1

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Kaum irgendwo auf der Welt zeigen sich die sozialen und wirtschaftlichen Disparitäten im Zeitalter der Globalisierung so ausgeprägt wie im Süden Asiens, wo extremer Reichtum und äußerste Armut in unmittelbarer Nachbarschaft existieren. Indien, das hinsichtlich seiner Bevölkerung zweitgrößte Land der Erde, hat seit Beginn der 1990er-Jahre einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und in Wachstumsbranchen wie der Informationstechnologie ein internationales Spitzenniveau erreicht, ist aber immer noch ein Entwicklungsland.

Soziale und wirtschaftliche Disparitäten in Indien
Obwohl Indien in den letzten Jahren bei den Importen und Exporten enorme Zuwachsraten verzeichnen konnte und das BIP allein zwischen 2002 und 2004 von weniger als 510 Mrd. US-Dollar auf annähernd 700 Mrd. US-Dollar stieg, leben Millionen Inder in drückender Armut. Weit mehr als einem Drittel der indischen Bevölkerung steht zur Befriedigung aller Lebensbedürfnisse weniger als ein US-Dollar täglich zur Verfügung. Diese Menschen gelten als absolut arm und sind in aller Regel chronisch unterernährt. Mit dem aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzten Human Developement Index (HDI) lässt sich ermitteln, in welchen indischen Bundesländern der Lebensstandard, die Lebenserwartung und das Bildungsniveau deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegen.
Die ärmsten Einwohner des Landes leben entweder in den ausufernden Slums der zahlreichen Millionenstädte oder in besonders ländlich geprägten Regionen wie dem Bundesstaat Bihar, in dem sich niemals eine nennenswerte Industrie etabliert hat, in dem aber auch die Landwirtschaft kaum noch eine Familie ernähren kann.
Auf der anderen Seite gibt es, vor allem auf der Westhälfte des Subkontinents, eine Reihe von Bundesstaaten, in denen das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich überdurchschnittlich gestiegen ist. Ursächlich für diese Entwicklung waren vor allem die Ansiedlung neuer Industriezweige und internationaler Großunternehmen, der Ausbau des gesamten Dienstleistungssektors, naturräumliche Vorzüge, aber auch gezielte Agrarreformen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. In Kerala beispielsweise hat der Dienstleistungssektor in den letzten Jahrzehnten durch die Intensivierung des touristischen Angebots enorme Wachstumsraten erzielt; daneben gibt es eine sehr leistungsfähige, vor allem exportorientierte Landwirtschaft. Im stark industrialisierten Tamil Nadu haben sich mehrere internationale Automobilkonzerne und zahlreiche Betriebe aus der Informations- und Biotechnologie angesiedelt. Überdies lagern immer mehr Firmen ganze Unternehmensbereiche wie die Buchhaltung nach Südindien aus.

Andere Staaten Südasiens
Auch im Nachbarland Pakistan leben noch immer Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Das Land hat reiche Erdgas- und kleinere Erdölvorkommen, ist aber — verglichen mit Indien — arm an Industrie und damit auch an Erwerbsmöglichkeiten für die Bevölkerung. Die Infrastruktur ist vielerorts unzureichend, und über die äußeren Landesteile hat die Zentralregierung nur begrenzte Macht. Dass sie von islamistischen Terroristen als Rückzugsgebiete genutzt werden, verstärkt die politische Unsicherheit des Landes. Der hinsichtlich der Beschäftigungs- und Erwerbsmöglichkeiten wichtigste Wirtschaftszweig ist die auf einem weit verzweigten Bewässerungssystem beruhende Landwirtschaft, insbesondere der Anbau von Weizen, Baumwolle, Reis und Zuckerrohr. Die beiden wichtigsten Innovationszentren der Hightechindustrie sind Lahore mit seinen mehr als 5 Mio. Einwohnern und die Küstenstadt Karachi, die mit 9,3 Mio. Einwohnern die größte Stadt des Landes ist.
Bangladesch, Myanmar und vor allem Nepal gehören zu den ärmsten Entwicklungsländern der Erde. Ähnlich wie in den ärmsten Regionen Indiens fehlt es in allen drei Ländern nicht nur an Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft, sondern in den unwegsamen Hochgebirgstälern an verkehrstechnischen Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Diese Mängel in der Infrastruktur werden durch Nachteile wie die periphere Lage verstärkt. Bangladesch wird überdurchschnittlich häufig von schweren Überflutungen heimgesucht. Weitere Hindernisse für einen wirtschaftlichen Aufschwung sind anhaltende innenpolitische Auseinandersetzungen und die grassierende Korruption, etwa in Myanmar (Birma).
Sri Lanka, das ehemalige Ceylon, hat trotz der anhaltenden bürgerkriegsähnlichen Kämpfe zwischen der Armee und den separatistischen tamilischen Rebellen seit den 1990er-Jahren einen starken wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der sich auch in dem vergleichsweise hohen Entwicklungsstand äußert.
K. Lückemeier