Russlands Aufstieg zur Großmacht 1462 — 1914

Russland / Zentralasien

978-3-14-100770-1 | Seite 132 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 48.000.000
Russlands Aufstieg zur Großmacht 1462 — 1914 |  | Russland / Zentralasien | Karte 132/1

Informationen

Das Kerngebiet des Russischen Reiches, das osteuropäische Tafelland, wurde im Laufe der Jahrhunderte von zahlreichen Volksgruppen besiedelt. Die Unterwerfung verschiedener Hirten- und Nomadenvölker, die Übergriffe arabischer Stämme zu Beginn des 8. Jahrhunderts, der Durchzug finno-ugrischer Ungarn und die Ankunft der aus dem Nordosten kommenden Waräger, schwedischer Wikinger, die das Kiewer Rus begründeten, und schließlich die 200-jährige Herrschaft der Mongolen, all dies trug zur ungewöhnlichen ethnischen Vielfalt des späteren Russland bei. Sie wurde ab 1462 durch die kontinuierliche Expansion von der europäischen Ostsee bis zum Pazifischen Ozean und vom Nördlichen Polarmeer bis zur innerasiatischen Steppe noch verstärkt.

Expansionspolitik
Ein wichtiger Schritt zur Entstehung des Russischen Reiches war der Aufstieg Moskaus Anfang des 14. Jahrhunderts. Hundert Jahre nachdem die Mongolen alle russischen Fürstentümer unterworfen hatten, erhielt Fürst Iwan Kalita vom Mongolenkhan 1328 die Würde eines Großfürsten und begann mit der Zusammenführung der Gebiete des ehemaligen Kiewer Reiches. Unter Iwan III., dem Großen, seit 1462 Großfürst von Moskau, wurde diese Einigung, die "Sammlung russischer Erde", weiter vorangetrieben. Nach der Einverleibung zahlreicher Fürstentümer verkündete er den Anspruch Moskaus, das byzantinisch-christliche Erbe anzutreten. Seine Nachfolger Wassilij III. (1479—1533) und Iwan IV. (1530—84), der Schreckliche, setzten die Expansion des Russischen Reiches fort. Letzterer nahm den Titel eines russischen Zaren an, eroberte zunächst die mongolischen Khanate Kasan und Astrachan und leitete 1582 mithilfe der Kosaken die Eroberung Sibiriens ein. Das Ende der Rurikiden-Dynastie führte 1598 in die "Zeit der Wirren", die 1613 mit der Thronbesteigung des Hauses Romanow endete. Die folgenden Jahrzehnte waren durch soziale Spannungen und innere Unruhen geprägt, doch konnte in der Mitte des 17. Jahrhunderts u. a. die Ukraine gewonnen werden.
Peter I. (1682—1725), der Große, machte Russland zur europäischen Großmacht mit einer neuen Hauptstadt: St. Petersburg. Unter seiner Herrschaft wurden vor allem in der europäischen Reichshälfte bedeutende Gebiete erobert, im Ostseeraum erlangte Russland eine unangefochtene Vormachtstellung. Zunächst durch die Eroberung der Krim, der Küsten des Schwarzen Meeres und durch die Teilung Polens unter Kaiserin Katharina II. (1762−96), schließlich durch die Eingliederung Finnlands (1809) und die führende Rolle beim Sieg über Napoleon (1813—15) wurde das Reich zu einer europäischen Hegemonialmacht. Nachdem Russland auch noch Bessarabien (1812) und das Donaudelta (1829) erlangt hatte, wurde seine weitere Ausdehnung nach Westen im Krimkrieg (1853−56) durch Großbritannien und Frankreich gestoppt. Die russische Expansion im Osten endete mit dem russisch-japanischen Krieg von 1904/05.

Modernisierung und Leibeigenschaft
Peter I. wollte mit einem umfassenden Reformkonzept das Russische Reich europäisieren. Aber der Preis war hoch und wurde zu einem großen Teil von den Bauern getragen, die Ende des 17. Jahrhunderts einer verschärften Form der Leibeigenschaft unterworfen waren. Sowohl die russische Expansionspolitik als auch die grundlegende Modernisierung verursachten Kosten. Die Subventionierung von Manufakturen nach westlichem Vorbild, die Unterhaltung einer teuren Flotte, der Bau einer auf dem Reißbrett entworfenen, prachtvollen Hauptstadt und die Armee verursachten ungeheure Kosten. Um sein Regierungsprogramm zu finanzieren, ließ Peter der Große ein neues Aushebungsverfahren für Rekruten und eine Reihe Sondersteuern einführen. Beides belastete Dörfer und Bauern zusätzlich. Der Status der Bauern wurde demjenigen der Hörigen, der untersten sozialen Schicht, zu der im 16. und 17. Jahrhundert etwa ein Zehntel der russischen Bevölkerung zählte, immer ähnlicher. Katharina II. verschärfte die Leibeigenschaft, die trotz zahlreicher Aufstände ihre volle Ausprägung im 19. Jahrhundert fand.
K. Lückemeier, E. Astor

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