Rondônia - Agrarkolonisation

Amazonien

978-3-14-100782-4 | Seite 163 | Abb. 6 | Maßstab 1 : 8.000.000
Rondônia | Agrarkolonisation | Amazonien | Karte 163/6

Informationen

Im Gegensatz zu der Agrarkolonisation entlang der Transamazônica (vgl. 219.4), die weit hinter den Erwartungen zurückblieb, lässt sich in Rondônia seit den 1970er-Jahren eine überaus dynamische landwirtschaftliche Erschließung beobachten. Ein Beleg dafür ist die starke Zuwanderung, durch die die Gesamtbevölkerungszahl bis 1991 auf 1,1 Mio. und bis 2006 auf knapp 1,4 Mio. stieg. Ihren Höhepunkt hatte die Zuwachsrate Mitte der 1980er-Jahre. Dass sie im Vergleich dazu heute bescheidener ausfällt, deutet darauf hin, dass kaum noch neues Land erschlossen werden kann und Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft rar sind. Nur der Abbau von Diamanten und Zinn hat in diesem Bundesstaat im Südwesten des Amazonastieflands eine gewisse Bedeutung.

Anbaufrüchte
Die Agrarkolonisation ist auf den Anbau einjähriger Kulturpflanzen ausgerichtet. Vor allem Grundnahrungsmittel wie Bergreis, Bohnen, Maniok und Mais werden im System der Landwechselwirtschaft angebaut. Hinzu kommen Dauerkulturen; zunächst Kakao, in letzter Zeit auch Kaffee. Während die Grundnahrungsmittel primär der Eigenversorgung dienen, ist der Dauerkulturanbau nahezu ausschließlich auf die Vermarktung ausgerichtet. Auch die Rinderhaltung ist von Bedeutung.
Damit scheint das Agrarkolonisationsprojekt Rondônia im Vergleich mit anderen Vorhaben ähnlicher Art eher erfolgreich zu verlaufen. Die ökologische, soziale und wirtschaftliche Gesamtsituation Brasiliens lässt jedoch kaum mehr als nur einen relativen Erfolg zu: Die landwirtschaftliche Erschließung Rondônias erfolgt nicht nur gelenkt, also durch Landkauf, sondern auch durch wilde Landnahme, die beispielsweise im Grenzgebiet zu Bolivien erhebliche Waldflächen verschlingt.

Ausgelaugte Tropenböden
Problematisch bleibt außerdem das naturräumliche "Handicap der Tropen", denn der tropische Regenwald wächst auf einem Boden, der praktisch keine Nährstoffe enthält. Wenn die gesamte Biomasse trotzdem Spitzenwerte erreicht, so beruht dies neben der Remineralisierung der Phytomasse auch auf den Niederschlägen. So werden der Vegetation und dem Boden in Zentralamazonien alljährlich pro Hektar etwa 0,3 Kilogramm Phosphor, 2,0 Kilogramm Eisen, 10 Kilogramm Stickstoff und 3,6 Kilogramm Kalzium allein durch den Regen zugeführt.
Um diese Nährstoffe bestmöglich zu nutzen, haben die Pflanzen des Regenwaldes ein differenziertes System der Nährstofffilterung entwickelt. An dieser Filterung sind nicht nur die Bäume, Epiphyten, Farne und Moose beteiligt, sie reicht bis in den Boden hinein, der von einem engmaschigen Netz von Wurzelpilzen (Mycorrhizae) durchzogen wird. Damit aber ist der Regenwald ein durch menschliche Eingriffe sehr leicht zerstörbares Ökosystem. Denn durch die Brandrodung verbrennt ein wesentlicher Teil der Biomasse. Die Nährstoffe in der Asche können jedoch vom Boden weder aufgenommen noch festgehalten werden. Zudem sterben die Mycorrhizae ab. Und die Erosion führt zu einer Abtragung der oberen Bodenschicht. Der Boden wird dadurch unbrauchbar. Hinzu kommen als weitere begrenzende Faktoren vor allem der geringe Restmineralgehalt und die geringe Kationenaustauschkapazität der meisten tropischen Böden.

Chancen und Risiken
Trotzdem ist dadurch die Agrarkolonisation in Rondônia keineswegs aussichtslos, sofern angepasste Landnutzungssysteme angewendet werden, geeignete Produkte angebaut werden und die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen — insbesondere hinsichtlich der Landverteilung — stimmen. Die zum Landkauf bereitgestellten Areale weisen eine relativ gute Eignung für die ackerbauliche Nutzung auf.
Am Guapore ist eine Eignung für die Weidenutzung gegeben, allerdings gibt es dort das ökologische Problem der "Vergrasung" durch Kunstweiden. Wie wenig die Weidenutzung kolonisationsfördernd wirkt und neue Erwerbsmöglichkeiten schafft, belegt der Umstand, dass durchschnittlich pro 178 Hektar nur eine Arbeitskraft benötigt wird. Anders liegen die Verhältnisse dagegen im Bereich der ackerbaulichen Erschließung. Bei Betriebsflächen von 100 Hektar umfassen die Anbauflächen hier jeweils etwa 20 Hektar. Dabei ist die Schwankungsbreite jedoch sehr groß. Sie hängt von den unterschiedlichsten Faktoren ab, vor allem von den angebauten Produkten und deren Vermarktungsstruktur.
Der zunehmende Verkauf von Land durch die Kleinbauern und der damit einhergehende Trend zur Besitzkonzentration und Expansion großbetrieblicher Rinderweidewirtschaft sind heute die größten sozio-ökonomischen Probleme in Rondônia. Die Folge dieser Entwicklung ist eine Verdrängung der Kleinbauern, mit anderen Worten eine Reproduktion genau jener Disparitäten, denen die Kolonisten in ihren Herkunftsräumen durch die Auswanderung nach Rondônia entgehen wollten.
K. Kremb

Graphiken

Bild

Wechsel von der shifting cultivation zur Agrarkolonisation

Der heutige tropische Ackerbau ist vielfach gekennzeichnet durch moderne Agrarkolonisation, wie zum Beispiel entlang der Transamazonica in Brasilien oder der Kakao- und Kaffeekolonisation in Westafrika. Damit einher gehen eine zunehmende Marktproduktion und Globalisierungsdruck. Dadurch nehmen die ökologischen und wirtschaftlichen Probleme der Bauern in der Regel zu. Dazu zählen unter anderem die Monokulturen mit einem relativ leichten Krankheitsbefall der jeweiligen Anbaufrucht, mit Bodenerschöpfung und Bodendegradation, was langfristig zur Zerstörung der ackerbaulichen Grundlage führt. Darüber hinaus bedeutet die Marktproduktion häufig Verschuldung bis Missernte und Abhängigkeit vom Markt, zum Beispiel durch wechselnde Preise und sich wandelnde Geschmäcker der Verbraucher.
Download