Rio de Janeiro - Segregation

Brasilien

978-3-14-100782-4 | Seite 165 | Abb. 7 | Maßstab 1 : 250.000
Rio de Janeiro | Segregation | Brasilien | Karte 165/7

Informationen

Mit über 11,5 Mio. Einwohnern ist die Agglomeration Rio de Janeiro nach São Paulo (19,5 Mio. Einwohner) — aber deutlich vor Belo Horizonte, Recife und Porto Alegre mit jeweils zwischen 4,3 Mio. und 3,6 Mio. Einwohnern — die zweitgrößte der dreißig Großstadtregionen Brasiliens. Die Probleme dieser Ballungsgebiete sind ähnlich und betreffen vor allem die Bereiche Wohnen, Versorgung und Entsorgung, Verkehr und Umwelt. Da die damit zusammenhängen den Schwierigkeiten in Rio de Janeiro besonders augenfällig hervortreten, kann die Stadt als Prototyp für die Grundprobleme Brasilianischer Verdichtungsräume dienen.

Sozialräumliche Gliederung
Nicht zuletzt aus Gründen der Wohnquartiersicherung wurden am Stadtrand einige Naturparks ausgewiesen. Denn seit die städtische Bebauung immer höher an den Bergflanken hinaufwuchs und dadurch die schützende Walddecke zerstörte, änderten sich der Wasserhaushalt und die Abflussverhältnisse. Die Folgen waren Hangrutschungen, die zur Zerstörung ganzer Stadtbereiche führten. Betroffen von diesen Katastrophen waren zumeist die Wohngebiete der Unterschicht und die Elendsviertel.
Die Wohnquartiere des privilegierten Teils der Bevölkerung liegen außerhalb der Einflüsse derartiger Umweltkatastrophen entlang der Küstenabschnitte, insbesondere in der "Zona sul" mit den Wohnvierteln Copacabana, Ipanema, Leblon und Barra da Tijuca in der "Zona oeste". Dabei lässt sich eine deutliche sozialräumliche Verlagerung erkennen. War in den 1950er-Jahren Copacabana das am höchsten bewertete Wohnviertel, so galt dies in den 1960er-Jahren für Ipanema und Leblon, während sich in den 1970er-Jahren Barra de Tijuca zu einem Oberschichten-Viertel entwickelte. Entsprechend verlagerten sich auch die elitären Einkaufs- und Vergnügungszentren. In den letzten Jahren sind in den Wohnvierteln der Oberschicht verstärkt bewachte Wohnkomplexe, sogenannte Condominios, entstanden, in denen sich die Bewohner durch Mauern und andere Absperrungen, privates Sicherheitspersonal und Kameraüberwachung von der übrigen Gesellschaft separieren können. Diese "Gated Communities", von denen es in Rio bereits knapp 20 gibt, haben sich in den letzten Jahren zu einem typischen Merkmal von Schwellenländern mit ausgeprägten sozialen Disparitäten entwickelt.
Rio de Janeiro entspricht damit in seiner sozialräumlichen Gliederung weitgehend dem lateinamerikanischen Stadttyp. Das Gegenstück zu den Vierteln der Oberschicht bilden die — allerdings erheblich zahlreicheren — Marginalviertel, die in die Wohnquartiere der Unterschicht eingestreut sind. Im engeren Bereich der Stadt gibt es rund 80 solcher Favelas. Sie beherbergen etwa 40 Prozent der Bevölkerung. Die grundlegende Infrastruktur ist in all diesen Vierteln vollkommen unzureichend.

Umweltrisiken und Verkehr
Ein großes Umweltproblem in Rio de Janeiro ist das Abwasser. Jahrzehntelang waren alle Abwässer, selbst die aus dem öffentlichen Abwassersystem, vollkommen ungeklärt in die Bucht von Guanabara oder in den Atlantik geleitet worden. Die Bucht, die kaum über nennenswerte Zuflüsse verfügt, hatte sich dadurch im Laufe der Zeit zu einem Sammelbecken für die Abwässer von Millionen von Einwohnern entwickelt. Die Stadtverwaltung kämpft seit Jahren darum, wenigstens die größten Umweltschäden zu beheben. Ungeachtet dieser Bemühungen werden noch immer viele Abwässer aus Haushalten und Industrie ungeklärt in der Bucht oder dem Meer entsorgt.
Hinzu kommt das Thema Luftverschmutzung. Die nicht unerheblichen Emissionen stammen aus der Müllverbrennung, dem Verkehr und den Industrieunternehmen. Ein wenig besser steht es um den Schutz der Wälder im Stadtbereich. So wurden beispielsweise das Tijuca- und das Corcovado-Massiv unter Naturschutz gestellt, wodurch sie einerseits als grüne Lunge wirken und andererseits weitere der oben erwähnten Hangrutschungen vermieden werden können.
Wie alle großen Agglomerationen hat auch Rio mit erheblichen Verkehrsproblemen zu kämpfen, die sich aus den Pendlerbewegungen von mehreren Millionen Einwohnern ergeben. Aufgrund der Stadttopographie ergibt sich dabei eine Bündelung auf wenige strahlenförmig aus der Innenstadt herausführende Straßen und Eisenbahnlinien. Eine Entlastung brachte 1979 die Eröffnung der U-Bahn, die inzwischen mehr als 30 Stationen umfasst; weitere Linien sind in der Planung. Das Problem der Anbindung der östlich der Bucht von Guanabara gelegenen Vorstadt Niterói wurde 1974 mit der Einweihung der Rio-Niterói-Brücke gelöst. Trotz dieser Erleichterungen des Verkehrs gehören Blechlawinen und Staus zum Alltag.
K. Kremb

Graphiken

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Rio de Janeiro

Links: Zuckerhut; Mitte, obere Bildhälfte: Copacabana und Ipanema/Leblon; Rechts: Botafogo und Flamengo.
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Rio de Janeiro

Mitten im Stadtteil Flamengo (Mittelschicht) am Zuckerhut liegt eine Favela.
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Rio de Janeiro Favela im Stadteil Botafogo

Im Stadteil Botafogo liegt am Fuß des Corcovado die im Drogenhandel wichtige Favela Dona Marta.
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Rio de Janeiro

Trotz Infrastruktur (Abfallcontainer) bleibt die Abfallentsorgung in vielen Favelas von Rio de Janeiro prekär.
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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