Rhonegletscher (Schweiz) - Gletscherrückzug 1874/2006 - Karte 2006

Alpen - Tourismus und Umwelt

978-3-14-100700-8 | Seite 102 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 50.000
Rhonegletscher (Schweiz) | Gletscherrückzug 1874/2006 | Alpen - Tourismus und Umwelt | Karte 102/2

Informationen

Der Vergleich der Karten von 1874 und 2006 zeigt das dramatische Ausmaß des globalen Klimawandels, denn der Gletscherrückzug steht in engem Zusammenhang mit der seit etwa 1850 nachweislichen Erwärmung der Erde. Durch Veränderung der Albedo stiegen die Temperaturen seitdem global um 0,7 °C, im Alpenraum sogar um 1,5 °C an. Gletscher gelten als "Fieberthermometer der Erde". Sie reagieren sehr sensibel auf thermische Veränderungen und können daher als gute Indikatoren des globalen Klimawandels angesehen werden.

Rhonegletscher und Rhône
Der im Kanton Wallis in der Südschweiz gelegene Rhonegletscher ist fast vollständig nach Süden exponiert und wird von mehr als 3000 Meter hohen Bergen umgeben; der höchste ist der Dammastock mit 3633 Metern (außerhalb der Karte). Die sommerliche Ablation ist hoch, der winterliche Massenzuwachs entsprechend wichtig. Milde und schneearme Winter wie 2006/2007 sind daher problematisch. Seit etwa 1995 kann der sommerliche Eismassenverlust nicht mehr ausgeglichen werden, die Massenbilanz ist seitdem negativ. Durch die orographische "Abschirmung" entsteht im gesamten Oberwallis ein Lee-Effekt für die niederschlagsbringenden Luftmassen aus Westen und Nordwesten, der die Region zur "Trockeninsel" der Schweiz mit nur 600 bis 750 Millimetern Jahresniederschlag macht; auf das unweit im Westen gelegene "Erlebnishotel Grimsel Hospiz" entfallen fast 2200 Millimetern pro Jahr. Davon profitiert die Aare, der längste Fluss der Schweiz, der am Grimselpass aus einem Gletscher entspringt und in den Rhein mündet.
An der Südseite des Gletschers entspringt als subglazialer Schmelzwasserbach die Rhône, Frankreichs zweitlängster und wasserreichster Strom. Die Rhône hat eine Länge von 810 Kilometern, von denen 260 Kilometer auf die Schweiz und 550 Kilometer auf Frankreich entfallen. Fruchtbare Agrarlandschaften am Ufersaum, hydroelektrische Kraftwerke und Handelshäfen bis hinunter zum Mittelmeer machen sie zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Das Abschmelzen des Gletschereises und die Ausweitung der sonnenexponierten Felsflächen führen zu einer weiteren "Austrocknung" im Oberwallis und zu gravierenden hydrogeographischen und sozioökonomischen Veränderungen im gesamten Rhôneverlauf.
Bereits 1874 begannen die ersten glaziologischen Vermessungen am Gletscher, dessen Rückgang so gut wie bei keinem anderen Alpengletscher untersucht und dokumentiert wurde. Der Gletscher ist leicht von der Straße zum Furkapass zu erreichen — früher grenzte er unmittelbar an den Straßenrand, heute liegt er rund 200 Meter entfernt — und wird daher stark von Touristen besucht. Das neben dem Gletscher gelegene Hotel Belvédère, das 2007 sein 125-jähriges Jubiläum feierte, hat einen Teil der Gletscher-Geschichte mitgeschrieben. Seit fast 120 Jahren wird jedes Frühjahr in vierwöchiger Arbeit ein künstlicher, etwa 100 Meter langer Tunnel mit Eiskammer ins Eis gesägt. Er ist als "Eisgrotte" von Anfang Juni bis Mitte Oktober begehbar und wird alljährlich von vielen Touristen besucht; in der Hochsaison von bis zu 1000 Gästen pro Tag. Durch die Eisbewegung und das Abschmelzen der Gletscherzunge ist der Tunnel im Oktober um rund 30 Meter kürzer. Die Grotte bietet einen einzigartigen Einblick in das "Innenleben" des Gletschers. Die Position des Eingangbereiches verändert sich ebenfalls jedes Jahr.

Dramatischer Rückgang
Der dramatische Rückgang der Gletscherzunge von 1874 bis 2006 betrug etwa zwei Kilometer, die Eismächtigkeit im Zehrgebiet ging im gleichen Zeitraum stellenweise um 50 bis 80 Meter zurück. Im September 2006 befand sich die Mitte der Gletscherzunge genau auf einer Höhe von 2240 Metern an der Kante eines mächtigen Felsriegels. Das Gelände fällt unmittelbar dahinter steil nach Süden ab; zunächst 420 Meter bis zum Gletschboden (1820 m ü. NN) und dann weiter entlang des flachen Hochtals bis Gletsch (1760 m ü. NN). Im Jahre 2007 entfernte sich das Eis weiter von dem Felsriegel in Richtung Nährgebiet, wodurch ein saumförmiger, etwa zehn Meter breiter und 60 Meter langer Gletschersee entstand, der sich sicherlich in den nächsten Jahren weiter vergrößern wird.
Untersuchungen des Geographischen Instituts der Universität Mainz ergaben Anfang September 2006 bei stabiler Hochdruckwetterlage im Bereich der Gletscherzunge eine Fließgeschwindigkeit des Eises von fünf Zentimetern pro Tag, bei einer täglichen Abschmelzrate von neun Zentimetern und eine Verringerung der Eismächtigkeit von täglich zwölf Zentimetern. Schätzungen zufolge wird es in 100 Jahren keine Alpengletscher mehr geben. Nur 2,5 Prozent der globalen Wassermenge besteht aus Süßwasser, von dem derzeit noch 69 Prozent in Gletschereis gebunden sind. Es handelt sich um Trinkwasserreserven, die durch die globalen Klimawandel extrem gefährdet sind.
H.-J. Fuchs

Graphiken

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Wasservorkommen auf der Erde

(schematische Darstellung)
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Blockbild eines Gletschers

Blockbild eines Gletschers. Die Zahlen im Bild bedeuten: 1. Urstromtal 2. Sander 3. Endmoräne 4. Grundmoräne 5. Inlandeis
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Rhônegletscher

Foto: H.-J. Fuchs, Mainz
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Luftblasen im Gletschereis

Foto: H.-J. Fuchs, Mainz
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Rhônegletscher

Das Schild steht am Beginn des alten Stegs zur Grotte von 1976.
Foto: H.-J. Fuchs, Mainz
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Rhônegletscher

Foto: H.-J. Fuchs, Mainz
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Rhônegletscher

Dunkle Eisoberfläche nach raschem Abtauen des Neuschnees, dadurch Veränderung der Reflexion, Reduktion der Albedo, höhere Abschmelzrate.
Foto: H.-J. Fuchs, Mainz
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