Regionale Entwicklungsunterschiede in der Europäischen Union (EU) - Clusteranalyse

Europa – Wirtschaft

978-3-14-100782-4 | Seite 95 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 36.000.000
Regionale Entwicklungsunterschiede in der Europäischen Union (EU) | Clusteranalyse | Europa – Wirtschaft | Karte 95/2

Informationen

Die Karte verdeutlicht regionale Entwicklungsunterschiede der Erwerbsstruktur, der Einkommen, des Arbeitsmarktes und der demographischen Veränderungen in der Europäischen Union. Zur Typenbildung der Regionen wurden folgende Indikatoren benutzt:
• Erwerbstätige in der Industrie in Prozent aller Erwerbstätigen (2004)
• Erwerbstätige in den Dienstleistungen in Prozent aller Erwerbstätigen (2004)
• Bruttoinlandsprodukt in KKS (Kaufkraftstandard) je Einwohner (2003)
• Arbeitslosenquote in Prozent (2004)
• Natürlicher Bevölkerungssaldo (Geburten minus Sterbefälle) je 1000 Einwohner (2004).
Mit dieser Indikatorenauswahl werden automatisch auch die Erwerbstätigen in der Landwirtschaft erfasst, weil sich ihre Anzahl aus der Differenz zwischen der Summe der Beschäftigten und den jeweiligen Beschäftigten im sekundären und tertiären Sektor ergibt.

Die Clustertypen
Durch das multivariate Verfahren der Clusteranalyse werden neun Regionstypen gebildet, die hinsichtlich aller analysierten Indikatoren relativ homogen sind. Zur weiteren Kennzeichnung der Typen dienen Merkmale wie die Bevölkerungsdichte, die Altersstruktur der Bevölkerung und die haushaltsbezogene Infrastruktur (PKW je 1000 Einwohner 2005). Inhaltlich reichen die Typen von den Metropolregionen Nordwesteuropas über einen hochindustrialisierten Kernbereich und postindustrielle Regionen im Norden und Westen zu peripheren Regionen in Südeuropa und im östlichen Europa.
Als Ergebnis der Clusteranalyse werden die 120 NUTS-1 bzw. NUTS-2 Regionen der EU in neun regionale Clustertypen geordnet. Aufgrund der Inhomogenität der Regionsgröße (Bevölkerungszahl), der Datenqualität und der individuellen Entwicklungen in einzelnen Teilregionen sollten bei der Interpretation vor allem die übergreifenden Tendenzen erfasst werden. Dies vorausgesetzt, können die Clustertypen, bezogen auf den Durchschnitt der EU- 27, folgendermaßen charakterisiert werden:
Typ 1: Urbane Dienstleistungsregionen mit sehr hoher Kaufkraft, verhältnismäßig geringer Arbeitslosigkeit und einem hohen natürlichen Bevölkerungssaldo. Dazu zählen die Metropolregionen London, Paris, Brüssel, Luxemburg, Randstad (mit Amsterdam/Den Haag/Rotterdam/Utrecht), Hamburg und Stockholm. Ein Sonderfall bei der Zuordnung zu diesem Typ sind die finnischen Aland-Inseln, die mit 25 000 Einwohnern die mit Abstand kleinste Analyseregion sind.
Typ 2: Industriell geprägte Regionen mit hoher Kaufkraft, geringer Arbeitslosigkeit und einem durchschnittlichen natürlichen Bevölkerungssaldo. Zu diesem Typ gehören Süddeutschland, Norditalien ("Alpenklammer") und der spanische Nordosten mit dem Baskenland, Aragonien und Navarra.
Typ 3: Tertiär geprägte Regionen mit wenig überdurchschnittlicher Kaufkraft, geringer Arbeitslosigkeit und durchschnittlichem natürlichen Bevölkerungswachstum. Zu diesem Typ gehören die europäischen Sekundärmetropolen Prag, Wien, Bratislava, Budapest, Lissabon und Helsinki, Schweden, Dänemark, England (außer London), Wales und Schottland, Flandern, Brabant und Limburg, die gleichermaßen urban und ländlich geprägten Großregionen Südwestfrankreich (Bordeaux und Toulouse), Mittelitalien (mit Rom und Florenz) und Hessen (mit der Metropole Frankfurt), die eher ländlich geprägten und mit tertiären Großstädten besetzten Regionen Österreichs außerhalb Wiens sowie Friesland, Jütland und Schleswig-Holstein. Auffallend ist, dass vier Mitgliedstaaten entweder ganz (Österreich, Dänemark) oder bis auf ihre Metropolregion (Schweden, Großbritannien) zu diesem Clustertyp zählen.
Typ 4: Tertiär geprägte Regionen mit durchschnittlicher Kaufkraft und Arbeitslosigkeit, aber einem hohen natürlichen Bevölkerungssaldo. Dieser Clustertyp umfasst Frankreich (außer Paris und den Südwesten), das benachbarte Wallonien, die Hauptstadtregionen von Spanien und Griechenland, die spanische Mittelmeerküste, die südliche spanisch-portugiesische Atlantikküste, alle Mittelmeerinseln, Süditalien, Irland und Nordirland, die Ostniederlande und weite Teile Finnlands. Die Clustertypen 3 und 4 können auf der Grundlage einer abgeschlossenen Deindustrialisierung oder einer ehemals beschäftigungsintensiven Landwirtschaft als postindustriell charakterisiert werden.
Typ 5: Regionen mit durchschnittlicher Beschäftigungsstruktur und durchschnittlicher Kaufkraft, aber überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit und Geburtendefiziten. Zu diesem Typ zählen große Teile Spaniens und Griechenlands, die Zentralregion Polens, der Osten Finnlands und große Teile Deutschlands, darunter fünf alte Bundesländer im Norden und Westen, Sachsen und Berlin.
Typ 6: Regionen mit geringer Kaufkraft, hoher Arbeitslosigkeit und starken Geburtendefiziten. In diese Gruppe gehören neben dem portugiesischen Alentejo Litauen und Lettland, der östliche Teil von Polen, die rumänische Hauptstadtregion Bukarest, das nördliche Bulgarien (südliches Donautiefland), der Norden Griechenlands und vier neue Bundesländer.
Typ 7: Meist Transformationsregionen, die stark industriebetont sind, bei durchschnittlicher Arbeitslosigkeit aber eine unterdurchschnittliche Kaufkraft und ein geringes natürliches Bevölkerungswachstum aufweisen. Neben dem Norden Portugals gehören zu diesem Clustertyp Estland und Bulgarien zwischen Balkan und Rhodopen, die Tschechische Republik (bis auf Prag), Ungarn (bis auf Budapest), Slowenien, die untere Slowakei und Nordwestrumänien mit Siebenbürgen.
Typ 8: Agrarisch-industriell geprägte Transformationsregionen mit geringer Kaufkraft, sehr hoher Arbeitslosigkeit und durchschnittlichem natürlichem Bevölkerungswachstum; hierzu zählt ein Korridor von Peripherieregionen in Süd-, West- und Nordpolen und der östlichen Slowakei.
Typ 9: Agrarische Transformationsregionen mit sehr geringer Kaufkraft, durchschnittlicher Arbeitslosigkeit und einem niedrigen natürlichen Bevölkerungssaldo. Typ 9 findet sich ausschließlich in den rumänischen Regionen Walachei, Moldau und Schwarzmeerküste.
F.-J. Kernper

Graphiken

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Disparitäten (BIP) innnerhalb europäischer Staaten (2005)

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Förderregionen der EU

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