Regionale Entwicklungsunterschiede

Brasilien

978-3-14-100782-4 | Seite 165 | Abb. 5 | Maßstab 1 : 36.000.000
Regionale Entwicklungsunterschiede |  | Brasilien | Karte 165/5

Informationen

Mit rund 186 Mio. Einwohnern (2005) ist Brasilien hinsichtlich seiner Bevölkerung das fünftgrößte Land der Erde nach China, Indien, den USA und Indonesien. Dennoch liegt die Bevölkerungsdichte nur bei 19,7 Einwohnern pro Quadratkilometer, weshalb Brasilien noch immer über weite Strecken den Eindruck eines dünn besiedelten Landes erweckt. Tatsächlich bestehen innerhalb Brasiliens erhebliche Dichteunterschiede: Die Daten schwanken zwischen 1,4 Einwohnern pro Quadratkilometer im Bundesstaat Roraima und 327,3 bzw. 352,3 Einwohnern in Rio de Janeiro und Brasília.

Bevölkerungsräume und Bevölkerungsbewegungen
In Brasilien lassen sich drei Haupttypen von Bevölkerungsräumen unterscheiden. Dominierend vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war der Nordosten um das 1549 gegründete Salvador de Bahia, der Hauptstadt des portugiesischen Brasiliens bis 1752. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts verschob sich der Schwerpunkt in den Südosten des Landes, in die Region um Rio de Janeiro, das die Funktion der Hauptstadt bis 1960 übernahm. Südlich davon liegt São Paulo. Die inzwischen größte Stadt des Landes zählt heute zu den am schnellsten wachsenden Metropolen Lateinamerikas. Als eine neue Zukunftsregion gilt in den letzten Jahrzehnten der kontinentale Binnenraum um die neue Hauptstadt Brasília.
In den Jahren zwischen 1995 bis 2000 gab es bei den Bevölkerungsbewegungen signifikante Hauptströmungen. Auffällig waren vor allem die starken Bevölkerungsverluste im gesamten Nordosten, aus denen sich zum einen die Zuwanderungsgewinne in der Amazonasregion und im Zentralwesten, vor allem aber die starken Zuwachsraten in der Südostregion zwischen Brasília, Goiás und São Paulo speisten. Während weit mehr als 1 Mio. Menschen den wirtschaftlich schwachen Bundesstaaten im Norden und Nordosten den Rücken kehrten, waren die Zuwanderungen dort um mehr als die Hälfte geringer. Der einzige Bundesstaat in dieser Region mit einer positiven Wanderungsbilanz war Rio Grande do Norte; Anziehungspunkt dort war vor allem der vergleichsweise stark industrialisierte Ballungsraum um die Hauptstadt Natal. Weitere Verlierer waren die Bundesländer an den südlichen Staatsgrenzen.
Diese Bevölkerungsbewegungen werden durch vielfältige Faktoren ausgelöst. Augenfällig sind zunächst die Unterschiede in den Lebensbedingungen, hier erfasst durch eine räumlich differenzierte Darstellung des HDI. (Zur Ermittlung des HDI: siehe Seite 454 des Handbuches.) Hinzu kommen wirtschaftliche Gegensätze. Im Nordosten beispielsweise dominierte über Jahrhunderte der Handel mit Agrar- und Plantagenprodukten (Export von Zucker, Baumwolle und Kaffee). Als dieser zu stagnieren begann, konnten die Verluste nicht überall durch andere Produkte oder Industrien ausgeglichen werden. Hinzu kommt die starke Anziehungskraft der expandierenden Großstädte São Paulo, Rio de Janeiro oder Brasília.
Verstärkt werden die Bevölkerungswanderungen durch infrastrukturelle Probleme, etwa die bipolaren Landbesitzstrukturen, ein unzureichendes Arbeitsplatzangebot — einschließlich der damit einhergehenden offenen und versteckten Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung —, oder die starken Disparitäten hinsichtlich der allgemeinen Lebensbedingungen, die im Westen und Nordosten überwiegend als schlecht, im Zentralwesten, Südosten und Süden jedoch als überdurchschnittlich bis gut eingestuft werden. Das größte Problem des Landes ist die große Armut. In den gigantischen Elendsvierteln der ausufernden Städte und in den wirtschaftlich benachteiligten Landesteilen leben rund 40 Mio. Menschen, die nach den Kriterien der WTO als absolut arm eingestuft werden müssen, was bedeutet, dass sie chronisch Hunger leiden.

Strukturmaßnahmen und Wirtschaftsmotoren
Seit den späten 1950er-Jahren wurden immer wieder Versuche unternommen, der Marginalisierung und Peripherisierung einzelner Landesteile gezielt entgegenzuwirken. Eine Landreform wäre dringend nötig gewesen, scheiterte aber an den feudalistischen Denkgewohnheiten der Großgrundbesitzer. Deshalb musste der Staat auf andere Mittel setzen. Dazu zählte beispielsweise die Sanierung der Infrastruktur durch den Bau neuer Kraftwerke und die Erschließung von Bodenschätzen, auch auf Kosten des Regenwaldes (vgl. 219.4). Um die Industrialisierung zu fördern, wurde mit Aratu eine Industriezone am Rande von Salvador angelegt; in der Meeresbucht des Ortes wird heute unter anderem die "Große Mühle" betrieben, ein hochmoderner Food-Komplex mit eigenem Hafen-Terminal, einer Weizenmühle und angeschlossenen Lebensmittelfabriken. Die Versuche zur Umstrukturierung der Landwirtschaft beschränkten sich bislang auf die Gründung von landwirtschaftlichen Kooperativen und die Realisierung von Bewässerungsprojekten.
Im Südosten wurde die Herausbildung eines städtisch-industriellen Wirtschaftsraumes durch mehrere Faktoren begünstigt. Hervorzuheben sind die leistungsfähige Infrastruktur in den Bereichen Transportwesen, Banken und Handel, die Bündelung von Kapital- und Einwanderungsströmen aus Europa und der Export von Bergbau- und Agrarprodukten. Tatsächlich konzentriert sich die Bevölkerung des Südostens auch vor allem in den Produktionsräumen und den Verarbeitungs- und Verteilungszentren der genannten Wirtschaftsgüter. Allerdings leben auch hier Millionen Menschen in den beständig wachsenden Favelas. Große Anziehungskraft im kontinentalen Binnenraum hatten vor allem — ungeachtet der auftretenden strukturellen Probleme — die Agrarkolonisation (vgl. 219.5) und die Rohstofferschließung. Dass sich in beiden Fällen die Frage nach der Raumverträglichkeit stellt, spielt im Hinblick auf die Anziehungskraft für Migranten keine bedeutende Rolle.
K. Kremb

Graphiken

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Gini-Koeffizient und Flächennutzung

Lorenz-Kurve beschreibt die kumulative Häufigkeitsverteilung, die das Bild der Konzentration einer betrachteten Verteilung wiedergibt. Eine Konzentrationsmaß zur Messung der Abweichung ist der Gini-Koeffizient.
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Räumliche Disparitäten

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