Raab (Györ) - Handel und Gewerbe 1980 / 2007

Polen/Ungarn

100750 | Seite 75 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 75.000
Raab (Györ) | Handel und Gewerbe 1980 / 2007 | Polen/Ungarn | Karte 75/2

Informationen

Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft vollzog sich in allen Staaten Osteuropas ein tiefgreifender Strukturwandel im Einzelhandel, der sich im Spannungsfeld zwischen interner Restrukturierung und Internationalisierung bewegte. Auf der Angebotsseite gab es dabei zwei parallele Entwicklungen, die die jeweilige Standortstruktur auf unterschiedle Weise prägten.

Gründungsboom und Internationalisierung
Zum einen kam es im einheimischen Einzelhandel zu einem Gründungsboom, der im Wesentlichen durch lokale Händler getragen wurde, die zum Teil nur über geringe Erfahrungen mit marktwirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen verfügten. Da es diesen Jungunternehmern häufig an Kapital mangelte und Ladenlokale überdies nur in unzureichendem Maße verfügbar waren, kam es mehrheitlich zur Gründung kleinflächiger Betriebe in zentrenorientierten Lagen oder integrierten Streulagen in Wohngebieten.
Ein zweiter wichtiger Faktor war die Internationalisierung des westeuropäischen Einzelhandels durch die Öffnung der osteuropäischen Märkte. Durch die international orientierten Marktbearbeitungsstrategien westeuropäischer Einzelhandelsunternehmen verlagerten sich die Kapitalverwertungsinteressen des westeuropäischen Einzelhandels immer stärker nach Osteuropa, was zu einer Überlagerung der Standortstruktur des dortigen Einzelhandels führte. Die international agierenden Einzelhandelskonzerne konzentrierten ihre Aktivitäten zunächst vornehmlich auf die Innenstädte, wo sie maßgeblich zur "nachholenden Citybildung" beitrugen. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre expandierten vornehmlich Betriebsformen des großflächigen Einzelhandels, was zu einem verstärkten Ausbau nichtintegrierter Standorte in den osteuropäischen Städten führte. Die Karte zeigt am exemplarischen Beispiel der ungarischen Stadt Győr die Standortwahl der internationalen Konzerne. Eine wesentliche Rolle dabei spielte, das dank der Audi-Ansiedlung an dem traditionellen Fahrzeugbaustandort die Kaufkraft der Bevökerung hoch und perspektivisch sicher war.

Neue Strukturen im Einzelhandel
Mit dieser immer noch anhaltenden Internationalisierung, die in den Metropolen begann und sich dann abwärts der Städtehierarchie durchsetzte, verbreiteten sich in Osteuropa Betriebsformen, die im einheimischen Einzelhandel bislang unbekannt waren, darunter insbesondere Discounter, Verbrauchermärkte und SB-Warenhäuser. Der Wettbewerbsdruck auf den kleinflächigen einheimischen Handel steigt durch diese neuen Betriebsformen erheblich. Denn aufgrund der immer noch vergleichsweise niedrigen Realeinkommen ist der Preis das entscheidende Wettbewerbsmerkmal im Lebensmitteleinzelhandel, bei dem die heimischen Händler kaum konkurrenzfähig sind. Zwar führt dies noch nicht zu einem signifikanten Ladensterben, wie es die alte Bundesrepublik in den 1960er-Jahren erlebte, aber vor allem deshalb, weil den einheimischen Ladenbesitzern eine Einkommensalternative fehlt. Die Leerstandsraten steigen allerdings und sie haben erhebliche kleinräumige Effekte, vor allem im Umfeld neuer großflächiger Handelsformen.
Die Standortpolitik der internationalen Unternehmen folgt einem recht einheitlichen Muster. Zahlreiche der neuen SB-Warenhäuser und Verbrauchermärkte liegen in der Nähe der Großwohnsiedlungen. Drei wichtige Standortvorteile dort sind die großen Freiflächenpotenziale, eine hohe Nachfrage infolge der großen Bevölkerungsdichte und ein bis dahin unterausgestattetes Einzelhandelsangebot. Daneben gewinnen, wie die Karte erkennen lässt, nichtintegrierte Lagen "auf der grünen Wiese" oder in ehemaligen Gewerbegebieten zunehmend an Bedeutung.
Die jüngste jener Betriebsformen, die sich international bereits durchgesetzt haben und nun auch nach Osteuropa gelangen, sind Shopping-Center. Diese Center stehen für eine Internationalisierungsphase, die nicht mehr nur von international tätigen Entwicklern oder Betreibern wie ECE (Deutschland), ING (Niederlande) oder Cefic (Frankreich) vorangetrieben wird , sondern ebenso durch ein wachsendes Engagement institutioneller Investoren wie etwa Banken, Versicherungen und Immobilienfonds, die durch international gestreute Kapitalanlagen ihr Anlageportfolio diversifizieren.
Aus einer räumlichen Perspektive vollzieht sich damit in den osteuropäischen Großstädten eine Entwicklung, wie sie auch in Ostdeutschland noch bis Mitte der 1990er-Jahre zu beobachten war, bis sie sich dort mit einer "Trendwende zur Innenstadt" wieder abschwächte. Ihre Kennzeichen sind ein signifikanter Wandel der Einzelhandelsstruktur mit einem massiven Wachstum nichtintegrierter Lagen am Stadtrand, der mit Betriebsschließungen kleiner Geschäfte lokaler Händler einhergeht. Befördert wird diese Entwicklung in Osteuropa gegenwärtig noch durch den Umstand, dass sich das Planungsrecht in zahlreichen Ländern nur langsam an die neuen ökonomischen Rahmenbedingungen anpassen konnte und den praktischen Erfordernissen teilweise immer noch hinterherhinkt.
R. Pütz