Osteuropa - Wirtschaft

Osteuropa - Wirtschaft

978-3-14-100700-8 | Seite 94 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 6.000.000
Osteuropa | Wirtschaft | Osteuropa - Wirtschaft | Karte 94/1

Informationen

Die räumliche Verteilung der Wirtschaft Osteuropas zeigt den Gegensatz zwischen den wenig genutzten Zonen der nördlichen Nadelwälder und Wüsten einerseits und dem breiten stärker bis intensiv genutzten Gürtel der gemäßigten Zone andererseits.

Die Peripherie
Die naturräumlich benachteiligten Gebiete an der Peripherie Osteuropas werden nur entlang einiger größerer Flüsse landwirtschaftlich genutzt (Wolga). Sie sind dünn besiedelt und nur teilweise durch Verkehrswege erschlossen. Hauptgegenstand wirtschaftlicher Nutzung sind Rohstoffvorkommen (Erze im Ural; Erdöl und Erdgas nördlich von Perm und am Kaspischen Meer). Verarbeitende Industrie ist in diesen Räumen selten. Eine Ausnahme bildet nur die Holz-, Papier- und Zellstoffindustrie mit zahlreichen Standorten, die sich an der Küste oder an den Bahnlinien befinden. Dass auch in der Zone der nördlichen Nadelwälder sogar ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen eine leistungsstarke, diversifizierte Volkswirtschaft entstehen kann, zeigt das Beispiel Finnland (vgl. 92.2). Allerdings sind die Rahmenbedingungen Finnlands durch die kontinuierliche Entwicklung der Wirtschaft, die EU-Mitgliedschaft und den unmittelbaren Zugang zur Ostsee wesentlich günstiger als in den nördlichen Peripherräumen Russlands. Von der Nähe zu Finnland hat seit 1990 besonders die estnische Hauptstadt Tallin profitiert.

Das mittlere Osteuropa
Die Zweiteilung des mittleren Osteuropa in eine intensiv landwirtschaftlich genutzte, naturräumlich begünstigte südliche Zone und eine landwirtschaftlich weniger stark genutzte, von Wäldern und großen Niederungen mit Wiesen durchsetzte nördliche Zone zeigt die Karte deutlich.
Das mittlere Osteuropa ist reich an Rohstoffen. Das Donezkbecken ist das wichtigste Kohlerevier; Krywyj Rih, Kursk und der südliche Ural sind die bedeutendsten Eisenerzreviere. Die Förderung in diesen Revieren erfolgt v. a. für den Binnenmarkt. Der Weltmarkt für Kohle und Eisenerz wird gegenwärtig von anderen Staaten beherrscht (Australien, USA, Südafrika, Brasilien; vgl. 243.3, 244.2). Von existenzieller Bedeutung für den russischen und kasachischen Außenhandel sind dagegen die Vorkommen an Erdöl und -gas. Die Reviere an Wolga und Don, am Kaspischen Meer, am Ural und in Sibirien sind über Pipelines mit den Abnehmern in Europa verbunden.
Zu industriellen Zentren haben sich v. a. die großen Städte (Moskau, St. Petersburg, Kiew, Minsk, Riga, Kaunas), das Donezkbecken und das Uralgebiet entwickelt. Ein Vergleich mit der Wirtschaftsstruktur West- und Mitteleuropas (vgl. 104) zeigt Grundprobleme der osteuropäischen Wirtschaft, die trotz des Strukturwandels infolge der Transformationsprozesse fortwirken und aus den Prioritäten der Wirtschaftspolitik der Sowjetunion zu erklären sind: Es dominieren z. B. im Donezkbecken noch immer Branchen der Altindustrien (Bergbau, Stahlerzeugung) und eine rohstofforientierte Grundstoffindustrie. Noch verstärkt durch die Tendenz zur Errichtung von Großkombinaten vor 1990 entstand vielerorts eine industrielle Monostruktur. Der Dienstleistungssektor fehlt vielerorts. Wachstumsindustrien wie z. B. die Elektronik/Elektrotechnik gibt es nur an einzelnen Standorten (Moskau). Diversifizierte Standorte wie Moskau, Samara-Togliatti oder Nishnij Nowgorod an der Wolga sind bislang eher die Ausnahme.
Durch die Region verläuft mit der EU-Außengrenze auch eine Linie, die eine unterschiedliche starke Integration in die europäische Wirtschaft markiert. Zwischen den baltischen Staaten, Polen und Rumänien als EU-Mitgliedern einerseits und Russland andererseits muss die Ukraine ihre Position in einem schwierigen Prozess bestimmen.
M. Felsch

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