Oberschlesisches Industriegebiet

Polen

978-3-14-100700-8 | Seite 97 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 500.000
Oberschlesisches Industriegebiet |  | Polen | Karte 97/2

Informationen

Die Karte zeigt das älteste und im frühen 19. Jahrhundert auch bedeutendste kontinentaleuropäische Montanrevier. Es ist heute der größte, aber auch der problematischste Industrieraum Polens, denn hier konzentrieren sich fast die gesamte polnische Steinkohlenförderung, über 75 Prozent aller polnischen Stahlkapazitäten, und hier liegt auch das größte Stahlwerk Polens, die Huta Katowice.

Neuzeitliche Industrielandschaft
Das oberschlesische Industriegebiet (polnische Abkürzung: GOP) hat etwa 2 Mio. Einwohner und bildet den größten Teil der Wojewodschaft Slask ("Verwaltungsbezirk Schlesien"), die knapp 5 Mio. Einwohner zählt. Die wichtigsten Zentren sind Kattowitz mit 350 000 Einwohnern und Gleiwitz mit 200 000 Einwohnern.
Das engere Montanrevier, in der Karte an der Häufung schwarzer und blauer Signaturen erkennbar, erstreckt sich über rund 50 Kilometer von Gleiwitz im Westen bis Dabrowa Górnicza im Osten, von Beuthen im Norden bis Myslowice im Süden. Das oberschlesische Industriegebiet umfasst jedoch im weiteren Sinne auch die westlich und südöstlich angrenzenden Chemiestandorte, das südlich anschließende Rybniker Steinkohlenrevier und darüber hinaus das montangeologisch verwandte und wirtschaftsgeschichtlich verbundene Nordmährische Industriegebiet (Ostrauer Revier).
Der Begriff "Oberschlesisches Industriegebiet" bezeichnet keine historische Landschaft. Die vereinigende Klammer der Region bilden vielmehr die Bodenschätze und das darauf entstandene Montanrevier. Bis 1918/21 gehörten die nordwestlichen Teile zum Deutschen Reich, die östlichen zum Russischen Reich, die südlichen zur Habsburger Donaumonarchie. Aus dieser Zeit stammen noch die deutschen Ortsnamen, die zwar nicht offiziell, sehr wohl aber im Wirtschaftsleben, im Regionalmarketing usw. verwendet werden.
Die Region liegt in der Börden- und Lösszone am Fuße der Mittelgebirge, die in vorindustrieller Zeit eine leistungsfähige Landwirtschaft ermöglichte. Die zahlreichen Güter, oft mit eigenen Verarbeitungsanlagen ausgestattet, verfügten über ausreichend Kapital, um Kohlengruben anzulegen — oft auf eigenem Grund angelegt. Im Vorland des Gebirgsbogens lagern Blei- und Zinkerze in der Beuthener Mulde, ferner Steinkohle im karbonzeitlichen Schlesisch-Krakauer Intramontanbecken, früher auch Eisenerze, die aber seit längerem schon erschöpft sind. Darüber hinaus gibt es oberflächennah mesozoische Kalke, auf denen die Zementindustrie basiert.

Schwierige Transformation
Doch bereits rund ein Jahrzehnt nachdem beide großen Werke ihre volle Leistung erreicht hatten, setzte um 1990 der Niedergang des Kohle- und Stahlreviers ein. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branchen bzw. des Reviers führten dazu, dass der Staat eine Privatisierung der Hütten und Zechen scheute, zumal es damals keine in- oder ausländischen Interessenten gab.
In der Folge mussten in der Region zahlreiche Kohlengruben, Eisen- und Stahlgießereien, Blei- und Zinkförderungen und -verhüttungsanlagen stillgelegt werden. Die Standorte der kleineren und mittleren Werke wurden fast alle halbiert. Ältere deutsche Bauten aus der Zeit vor 1914 liegen brach, während die neueren Teile — Industriebauten aus sozialistischer Zeit — als spezialisierte Betriebsteile weiter produzieren. Es gibt große Industriebrachflächen, viele Bahngleise führen zu verfallenden Industriebauten. Zu den Brachflächen zählen auch die weitflächigen älteren und oft wild bewachsenen Abraum- und Schlackenhalden, unbebaut gebliebene Bergschadensareale und zahlreiche aufgelassene frühere Ziegeleigruben. Ein Flächen- recycling dieser großen Brachen ist bisher nicht zu beobachten.
Bedeutende neue Industrieanlagen sind das ab 1998 errichtete Opel/General Motors-Werk in Gleiwitz — das mit überholten Maschinen aus Rüsselsheim ausgerüstet wurde — und das Isuzu-Motorenwerk in Tichy. Beide siedelten sich in einer räumlich nicht zusammenhängenden Wirtschaftssonderzone an. Andere Industriestandorte sind entweder an Vorkommen von Rohstoffen wie Kies, Glassande, Zement oder Kalk gebunden oder sie sind, wie die Nahrungsmittel- und Leichtindustrie, ausschließlich arbeitskräfteorientiert und daher relativ gleichmäßig verteilt.
Von den Verkehrswegen war die Wasserstraße vom Hafen Gleiwitz nach Berlin und Stettin nur bis 1945 bedeutsam. Die anschließende Ostorientierung des gesamten Wirtschaftsraumes zur Erz liefernden Sowjetunion brachte den Anschluss an das sowjetische Breitspurnetz bis zur Hütte Kattowitz, doch dies ist nur für Erz-, Koks- und Massengüter bedeutsam.
Für die gegenwärtige Raumentwicklung ist die europäische West-Ost-Autobahn (A4/E40) von Frankfurt/M. über Dresden nach Kattowitz und Krakau entscheidend, die das Revier durchquert. Nicht minder wichtig, bisher allerdings nur teilweise gebaut, ist die Autobahn von Warschau über Kattowitz und Ostrau nach Wien.
Die Region befindet sich seit 1990 durch die neue Wirtschaftsordnung und die nachholende technologische Modernisierung in einer Art "doppelter Transformation". Seit 2003 wird der Kohle- und Stahlsektor unter EU-Vorgaben betriebsorganisatorisch (23 Gruben zu einem Betrieb) und technisch umgestaltet. Die Zahl der Förder- und der Verarbeitungsstandorte und damit auch die der Beschäftigten nehmen ab. Die Kohleförderung stieg hingegen konjunkturbedingt. Inmitten großflächiger Brachen sind zahlreiche Werke als "industrielle Kerne" geblieben, wodurch der Charakter eines Industriereviers erhalten wurde.
Aus geographischer Sicht ist aber der hohe Bedarf an nachholender Instandsetzung für die gesamte Infrastruktur, für die Wohn- und Industriebauten hervorzuheben. Dieser Bedarf hat eine volkswirtschaftlich bedeutsame Größenordnung, er wird durch die vielfachen Bergschadensrisiken in dieser Region verschärft.

Signaturen auf der Karte
Die Signatur der Steinkohlengruben bezeichnet in der Regel das betriebszentrale Gelände, die Zahl der Zechen/Fördertürme ist jedoch größer, und so liegt auch die Zahl der aufgegebenen Förderstandorte höher als die der "stillgelegten Zechen". Die Signatur "nach 1950 neu eröffnete Grube" bezieht sich zum Teil auf ältere Schächte, die nach Kriegsende wieder in Betrieb genommen wurden, wodurch die Reviererweiterung nach 1945 etwas zu umfangreich erscheint.
F. Werner

Graphiken

Bild

Verflechtung der Stahlindustrie

Durch Produktionsverbünde versuchen die einzelnen Teilnehmer Vorteile durch gemeinsame Nutzung von Ressourcen zu erreichen oder Nachteile, wie z.B. mehrfach energieaufwendiges Erhitzen, zu vermeiden.
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