Oberrheinregulierung bei Breisach 1844 / 2007

Region Oberrhein

978-3-14-100700-8 | Seite 43 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 125.000
Oberrheinregulierung bei Breisach 1844 / 2007 |  | Region Oberrhein | Karte 43/3

Überblick


Das Einzugsgebiet des Rheins wird in verschiedene Abschnitte unterteilt. Ab Basel beginnt unter anderem der südliche Oberrhein, der bei Karlsruhe in den nördlichen Oberrhein übergeht. Der Rhein hat in den letzten Jahrtausenden sein Bett immer wieder verlagert. Dutzende Orte verschwanden dabei vollständig im Fluss.

Der Oberrhein zurzeit der Romantik
Die Oberrheinische Tiefebene, eine etwa 300 Kilometer lange und rund 30 bis 40 Kilometer breite Grabensenke zwischen Basel und Wiesbaden, wird zu beiden Seiten von Mittelgebirgen eingefasst. In dieser Senke schiebt sich der Rhein mit geringem Gefälle über einen Talboden aus Sand und Kies.
Der Ort Breisach liegt im Bereich des südlichen Oberrheins nahe der Stadt Freiburg im Breisgau. Zur Zeit der Romantik Anfang bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts hatte dieser Abschnitt des Rheins nahezu keine Ähnlichkeit mit dem heutigen Rhein.
Der eigentliche Verlauf des Flusses war in diesem Bereich kaum noch zu erkennen. Unzählige Hochwasser hatten den Strom zwischen Basel und Straßburg im Laufe von Jahrtausenden in ein Labyrinth von Wasserstraßen mit vielen kleinen Inseln verwandelt.

Die Geburt des heutigen Rheins
Der 1770 geborene Georg Friedrich Tulla, ein Ingenieur aus Baden, wollte den Rhein zähmen. 1809 legte er seinen revolutionären Plan erstmals schriftlich nieder. Er wollte die Hochwassergefahr durch eine Reduzierung der Fließgeschwindigkeit des Rheins beseitigen.
Ein künstliches Bett sollte die Länge des Stroms zwischen Basel und Worms um fast ein Viertel verkürzen und die Kultivierung des bisherigen Sumpflandes ermöglichen.
Das zu diesem Zeitpunkt größte Bauprojekt in der Geschichte Deutschlands setzte langjährige Vorarbeiten voraus. Erst 1817 konnte das Projekt in Angriff genommen werden. Mit der Begradigung des südlichen Abschnitts wurde 1840 begonnen.

Umsetzung eines Mammutprojekts
Die Bauarbeiten dauerten bis zum Jahr 1870. Besonders aufwendig waren die Begradigungsmaßnahmen in dem Bereich, wo der Strom ein größeres Gefälle hat. Dort gab es durch die zahlreichen Verästelungen viele kleine Inseln, die alle abgetragen wurden. Des Weiteren legte man „Durchstiche“ zwischen den vielen Flussschlingen an. Der Verlauf des Rheins wurde so nicht nur begradigt, sondern die Flussstrecke zwischen Basel und Bingen auf nahezu 81 Kilometer verkürzt.
Die Begradigung des Rheins hat gute und schlechte Seiten. Auf der einen Seite sind die Wege für die Binnenschifffahrt verkürzt. Zudem ist die Hochwassergefahr im südlichen Streckenabschnitt erheblich eingedämmt. Bei Breisach wird mit einem Hochwasser während eines Zeitraums von 100 Jahren gerechnet.
Durch die Begradigung des Flussbettes und den Bau des Rheinseitenkanals auf französischer Seite erhöhte sich die Fließgeschwindigkeit. Das dient der Energieerzeugung durch Wasserkraft. Die für die Landwirtschaft wichtigen Auenlandschaften trockneten jedoch aus. Mit der Trockenlegung der Auenlandschaft verschwanden auch Tier- und Pflanzenarten und die Fischerei erlitt Einbußen.

Eine neue Auenlandschaft
Im Bereich des Rückhalteraumes nördlich von Breisach soll wieder eine Auenlandschaft entstehen. Durch die Absenkung einer etwa 450 Hektar großen Fläche soll ein natürliches Überschwemmungsgebiet entstehen. Der Rückhalteraum Breisach/Burkheim ist Teil des zwischen Frankreich und Deutschland vereinbarten „Integrierten Rheinprogramms“.

K. Lückemeier, J. Seibel

Info Plus

Das Einzugsgebiet des Rheins wird in sechs große Abschnitte unterteilt. Das Mündungsgebiet ist der Alpenrhein, der bei Stein am Rhein in den Hochrhein übergeht. Ab Basel, wo sich der Fluss scharf nach Norden wendet, beginnt der südliche Oberrhein, an den sich bei Karlsruhe der nördliche Oberrhein anschließt; flussabwärts folgen ab Bingen der Mittelrhein und ab Bonn der Niederrhein. In jedem dieser Streckenabschnitte hat der Rhein in den letzten Jahrtausenden sein Bett immer wieder verlagert, wobei Dutzende einstiger Fischerorte vollständig im Fluss verschwanden.

Der Oberrhein zur Zeit der Romantik
Die Oberrheinische Tiefebene, eine etwa 300 Kilometer lange und rund 30 bis 40 Kilometer breite Grabensenke zwischen Basel und Wiesbaden, wird beiderseits von Mittelgebirgen flankiert. In dieser Senke schiebt sich der Rhein mit geringem Gefälle über einen Talboden aus Sand und Kies. Allerdings hatte der südliche Oberrhein, wie ihn etwa die deutschen Romantiker noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebten, kaum noch Ähnlichkeit mit dem heutigen Fluss. Denn ursprünglich befand sich hier seine Furkationszone, in der sich der mächtige Strom in ein Geflecht aus zahllosen Seiten- und Nebenarmen gabelte, wodurch sein Hauptbett kaum noch auszumachen war. Durch ungezählte Hochwasser und den Wechsel der Jahreszeiten hatte der Strom zwischen Basel und Straßburg im Laufe von Jahrtausenden ein regelrechtes Labyrinth von Wasserstraßen erschaffen, in dem es über 1500 kleinere und größere Inseln gab.
Unterhalb von Straßburg ging dieser Abschnitt in die Mäanderzone über, in welcher sich der Rhein zunehmend als ein einziger Strom, aber in zahllosen Schlingen und Schleifen durch die Rheinaue wand, wobei er durch seine Dynamik beständig neue Nebenarme schuf oder aber ehemalige Altwasser als Hauptbett zurückeroberte.

Tulla, der "Vater" des heutigen Rheins
Zum "Bändiger des wilden Rheins" wurde der 1770 geborene Georg Friedrich Tulla, ein Ingenieur aus Baden, der Mathematik und Geometrie studiert und mit der Unterstützung seines Markgrafen einige Jahre lang praktische Erfahrungen bei Wasserbauprojekten im In- und Ausland gesammelt hatte. 1809 legte er seine revolutionären Vorstellungen von einer durchgehenden "Retifikation des ungebärdigen Rheins" erstmals schriftlich nieder, wobei er dem Leitgedanken folgte, die Hochwassergefahr durch Erhöhung der Fließgeschwindigkeit zwecks Absenkung des Wasserspiegels zu verringern. Ein künstliches Bett sollte die Länge des Stroms zwischen Basel und Worms um fast ein Viertel verkürzen und die Kultivierung des bisherigen Sumpflandes ermöglichen. Tullas Maxime lautete: "Kein Fluss hat mehr als ein Bett nötig."
Das zu diesem Zeitpunkt größte Bauprojekt in der Geschichte Deutschland setzte langjährige planerische und diplomatische Vorarbeiten voraus. Erste Vereinbarungen mit einer von Napoleon eingesetzten Kommission, dem "Magistrat du Rhin", über sechs Rheindurchstiche wurden kurz nach ihrem verbindlichen Beschluss im Jahre 1812 durch den Zusammenbruch des französischen Kaiserreiches obsolet. Erst mit der Vereinbarung von fünf Durchstichen zwischen Baden und Bayern 1817, dem in den folgenden Jahren weitere Abkommen zwischen deutschen Ländern und mit Frankreich folgten, konnte das Projekt in Angriff genommen werden.

Umsetzung eines Mammutprojekts
In den folgenden Jahren bis zum Abschluss der Bauarbeiten 1870 waren zu jedem Zeitpunkt mindestens 3000 Arbeiter im Einsatz, um, verstärkt durch Soldaten, allein entlang der Strecke zwischen Basel und Straßburg weit mehr als 1000 km² Inseln und Halbinseln abzutragen und parallel neue Hauptdeiche mit einer Gesamtlänge von fast 250 Kilometern anzulegen. Auf dem geplanten neuen Streckenabschnitt wurde zunächst ein Leitgraben mit einer Breite von 18 bis 24 Metern ausgehoben. Wenn dann die Anschlussstellen geöffnet wurden, konnte der Fluss, der Linie des geringsten Widerstands folgend, den künstlichen Graben durch die Kraft seiner Strömung erweitern und vertiefen. Besonders aufwendig waren die Begradigungsmaßnahmen in der stark gegliederten Furkationszone, in der zahlreiche große Inseln abgetragen werden mussten. Ein zusätzliches Handicap waren ungünstigen geologischen Bedingungen, etwa Lehmschichten, die mitunter eine deutlich tiefere Ausschachtung nötig machten.
Die Wissenschaft vom Wasserbau hatte seit dem 18. Jahrhundert gewaltige Fortschritte gemacht, die technischen Mittel nicht. Die meisten Arbeiten mussten durch die Muskelkraft von Menschen und Pferden verrichtet werden, mit einfachen Werkzeugen wie Schaufeln, Hacken und Eimern. Erst lange nach Tullas Tod 1828, als ein Großteil der Arbeiten längst abgeschlossen war, setzte auch in Deutschland eine zunehmende Mechanisierung ein.
K. Lückemeier

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