Nordstrander Bucht - Küstenschutz und ökologische Folgen

Küstenlandschaften/Küstenformen

978-3-14-100700-8 | Seite 28 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 200.000
Nordstrander Bucht | Küstenschutz und ökologische Folgen | Küstenlandschaften/Küstenformen | Karte 28/2

Überblick


Das Beispiel Nordstrander Bucht verdeutlicht die Konflikte, die in einer so empfindlichen Küstenregion wie dem Wattenmeer bestehen: Auf der einen Seite steht der Küstenschutz bzw. der Schutz der ansässigen Bevölkerung vor Sturmfluten. Auf der anderen Seite steht der Naturschutz bzw. der Schutz des ökologisch einmaligen und lebenswichtigen Wattgebietes. Jeder Eingriff in dieses Ökosystem kann zu dauerhaften Schäden führen. Dennoch sind Maßnahmen zum Küstenschutz notwendig, um das Leben der Bewohner zu schützen.

Küstenschutz an der schleswig-holsteinischen Küste
Im Jahr 1963 beschloss das Land Schleswig-Holstein einen Generalplan zum Deichbau und Küstenschutz. Damit reagierte man auf die schwere Sturmflutkatastrophe im Jahr zuvor, bei der – im Gebiet um Hamburg – mehr als 300 Menschen starben. Unter den geplanten Maßnahmen zur Küstensicherung standen Deichverstärkungen und Vordeichungen im Vordergrund. Deichverstärkung bedeutet die Sicherung bereits vorhandener Deiche durch Erhöhung und Verbreiterung des Deichprofils.
Dagegen werden bei Vordeichungen neue Deiche gebaut, die – in mehr oder weniger großen Abständen – seewärts „vor“ den bestehenden Deichen liegen. Durch die neuen Vordeiche entstehen oft begradigte künstliche Küstenverläufe – man spricht auch von „Deichverkürzung“ oder „Küstenbegradigung“.

Küstenschutz im Bereich der Nordstrander Bucht
Für den Bereich der Nordstrander Bucht sah der Generalplan von 1963 Vordeichungen, Deichverstärkungen und Sicherungsdämme vor. All diese Maßnahmen waren jedoch sehr umstritten: Auf der einen Seite standen die Befürworter, die vor allem den Küstenschutz im Blick hatten und sich für möglichst umfangreiche Eindeichungen aussprachen. Auf der anderen Seite waren die Gegner, denen der Naturschutz besonders wichtig war und die sich – zum Schutz der natürlichen Wattflächen – vor allem für Deichverstärkungen und gegen neue Deichbauten einsetzten.

Die Einzelmaßnahmen
Nach fast 20 Jahren Planungsphase mit zum Teil heftig geführten Diskussionen wurden im Jahr 1982 folgende Maßnahmen festgelegt: 1.) der Bau eines Sicherungsdamms vom Festland zur Insel Pellworm, 2.) die Vordeichung des Ockholmer Koog, 3.) die Deichverstärkung des Sönke-Nissen-Koog und 4.) die Vordeichung der Hattstedter Marsch. Der Plan zum Bau des Sicherungsdamms nach Pellworm ist immer noch in der Diskussion und wurde bis heute nicht umgesetzt (Stand 2011).
Durch die Vordeichung des Ockholmer Koog (oberer Kartenausschnitt) wurde eine zweite Deichlinie geschaffen, die das tief gelegene Marschland des Ockholmer Koog schützt. Die Fläche zwischen dem neuen Vordeich und dem alten Hauptdeich blieb als Feuchtgebiet erhalten und steht unter Naturschutz. Die Deichverstärkung des Sönke-Nissen-Koog wurde in den 1990er-Jahren abgeschlossen.
Die Vordeichung der Hattstedter Marsch zählt zu den umfangreichsten Maßnahmen, die verwirklicht wurden. Der geplante Deich wurde 1987 geschlossen und dadurch das ursprüngliche Wattgebiet von der Nordsee und dem Einfluss der Gezeiten abgeschnitten. Der Polder, der durch die Vordeichung entstand, wurde „Beltringharder Koog“ genannt. Angelegte Speicherbecken dienen der Entwässerung und dem Hochwasserschutz. Da durch die Eindeichung ökologisch wertvolle Wattflächen und Salzwiesen verloren gingen, wurden so genannte „Ausgleichsflächen“ künstlich geschaffen. Hierzu zählen zwei Süßwasserbiotope und eine Salzwasserlagune. Die Süßwasserbiotope bestehen aus Feuchtwiesen und Grünland; sie dienen Küstenvögeln als Brut-, Rast- und Nahrungsplatz.
Im Bereich der Salzwasserlagune ist eine typische Lebensgemeinschaft der Küste entstanden. Alle bekannten Watttiere sind dort anzutreffen, darunter Wattwürmer, Miesmuscheln sowie andere Kleintiere und Fische, selbst Seehunde. Auch eine echte Salzwiese mit typischer Vegetation konnte sich entwickeln. Der gesamte Beltringharder Koog wurde 1991 zum Naturschutzgebiet erklärt.

S. Lemke

Info Plus

Im Bereich des Wattenmeeres ist die Nordstrander Bucht eine besonders sensible Zone. Maßnahmen zum Küstenschutz wie Deichbegradigungen sind einerseits notwendig geworden, bergen anderseits aber auch die Gefahr, dass das in seiner Eigenart einmalige und für die Nordsee lebenswichtige Wattgebiet irreversibel geschädigt wird.

Lebensraum Wattenmeer
Die Nordsee ist ein sehr flaches Meer, wodurch die Gezeiten besonders an der Süd- und Ostküste einen zeitweilig trockenfallenden Raum, das Wattenmeer, bilden. Über der mittleren Hochwassermarke weist das Watt landeinwärts eine typische Vegetationsfolge auf, die als Salzwiesenvegetation bezeichnet wird. Die ökologische Bedeutung des Watts ergibt sich daraus, dass es das natürliche Sedimentationsgebiet der Nordsee ist, in dem es zur Anhäufung organischer Nährstoffe aus dem Meer kommt. Die anthropogene Stoff einleitung in das Wattenmeer ist ebenfalls sehr hoch. Dank der tidenbedingt guten Sauerstoffversorgung und einer starken Wasserbewegung besitzt das Watt eine hohe Selbstreinigungskapazität.
Die Umwandlung der eingetragenen Stoffe in verfügbare Biomasse wird durch die hohe Produktivität von Algen und eben der Salzwiesenvegetation erreicht. Diese Biomasse ist Basis vieler Nahrungsketten und steht beispielsweise Vögeln beim Vogelzug und während des Winters als Nahrungsgrundlage zur Verfügung. Der heimische Standvogelbestand wird dann durch nord europäische Zugvögel ergänzt, deren Zugbahn über das Watt führt. Problematisch ist diese Situation seit dem Auftreten der sogenannten Vogelgrippe, weil die Zugvögel Erreger einschleppen und damit die heimischen Vögel und die Nutzgeflügelzucht infizieren können.
Als Lebensraum von Jungfischen sind die nährstoffreichen, leicht erwärmbaren Flachwasserzonen auch fischereiwirtschaftlich von großer Bedeutung. Sie dienen überdies für die Muschelzucht und den Garnelenfang.

Küstenschutzmaßnahmen
Nach der Sturmflutkatastrophe von 1962 wurden neue Strategien zur Küstensicherung entworfen, darunter eine Erhöhung der Deiche und ein sehr viel lang gestreckteres Deichprofil. Als eine wirtschaftlich besonders effektive Methode galt vor allem die Küstenbegradigung, weil sich dadurch die Länge der zu erbauenden und zu beaufsichtigenden Deichstrecken verringerte. Zugleich glaubte man, durch Vordeichung von Buchten, Einfassung von Inseln und/oder Halligen, neue Landwirtschaftsflächen gewinnen und die Erosion in Prielsystemen unterbinden zu können. Die Vorlandeindeichung entlang der schleswig-holsteinischen Westküste führte zu einem Verlust von etwa 32 Prozent des Vorlandes (5700 Hektar). Eine ähnliche Größenordnung besaßen die Maßnahmen entlang der dänischen Wattenmeerküste.
Eine negative Folge der Vorlandeindeichung mit ihrem Vorschub der Deichlinie war, dass der Salzwiesenbestand und damit der produktivste Bereich dieses Ökosystems vernichtet wurde. Auch für die Vogelwelt haben die Küstenschutzmaßnahmen schwerwiegende Folgen: Der Vogelbestand ging innerhalb von rund zehn Jahren um die Hälfte zurück. Auch die Ausweisung von größeren Schutzzonen im Nationalpark "Schleswig- Holsteinisches Wattenmeer" hat diesen Rückgang nicht verhindern können.
V. Kaminske

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Die Entstehung der Gezeiten

In dieser interaktiven Animation wird die Entstehung der Gezeiten gezeigt. Je nach Stellung von Sonne und Mond kann auf der Karte der entsprechende Wasserstand abgelesen werden.
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Graphiken

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Landverluste an der Nordseeküste in den letzten 10000 Jahren

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Lahnungen im Wattenmeer

Sie dienen dem Küstenschutz und der Neulandgewinnung.
Foto: V. Kaminske, Pfinztal
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Salzwiese mit blühendem Strandflieder

Foto: Nationalparkamt, M. Stock
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Wattwandern am Westerhever Leuchtturm in Schleswig-Holstein

Foto: Nationalparkamt, M. Stock
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Schafe im Koog

Foto: Nationalparkamt, M. Stock
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Ranger bei der Vogelzählung im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

Das Wattenmeer ist ein wichtiges Rast- und Brutgebiet für Wat- und Wasservögel.
Foto: Nationalparkamt, M. Stock
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Sandwatt

Foto: Nationalparkamt, M. Stock
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