Nord- und Mittelengland - Strukturwandel in Bergbau und Industrie 1950 / 2006

Britische Inseln - physisch

978-3-14-100700-8 | Seite 111 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 1.500.000
Nord- und Mittelengland | Strukturwandel in Bergbau und Industrie 1950 / 2006 | Britische Inseln - physisch | Karte 111/4

Informationen

Landwirtschaftlich gliedert sich Mittelengland in Anpassung an Relief und Klima in die Bergländer mit Rinderhaltung, in die nördlichen Penninen mit intensiver Schafhaltung und in die ackerbaulich genutzten Penninenvorländer. Diese wurden auch zum Standort der verschiedenen Industriegebiete und der sich daraus entwickelnden Ballungsräume. Der Vergleich der beiden Karten von 1950 und 2006 zeigt die räumlichen Auswirkungen des Aufschwungs der 1950er- und 1960er-Jahre (Ausweitung der Ballungsräume und des Autobahnnetzes), die Folgen der Deindustrialisierung, die etwa ab 1970 die Schlüsselindustrien (Textil-, Eisen- und Stahlindustrie sowie Bergbau) erfasste und schließlich den Trend zur Neuindustrialisierung seit etwa 1987.

Von Industrialisierung bis zu den 1950er-Jahren
Den Wasserläufen folgend, drang die Textilindustrie weit in die nördlichen Penninen vor. Der östliche Bereich stützte sich mit seinen Woll- und Kammgarnprodukten vor allem auf die heimische Schafhaltung. Der westliche Bereich mit dem Handelszentrum Manchester, der über Liverpool an die Rohstoffe aus den Kolonien angebunden war, spezialisierte sich hingegen auf Baumwollprodukte.
Erzimporte und die Kohle des Lancashirefeldes waren die materielle Basis für die starke Ausdifferenzierung der Eisen- und Stahlindustrie in Manchester. Die Salzvorkommen östlich von Chester wurden zur Grundlage der Chemischen Industrie. Liverpool als wichtigster industrieller Importhafen wurde zum Standort des Schiffsbaus und der Weiterverarbeitung von Kolonialprodukten wie Tabak, Zucker und Gummi.
Die Stadt war zugleich Ausgangspunkt eines ausgedehnten, industriell genutzten Kanalsystems, an das sowohl der Verhüttungsstandort Stoke inmitten des Pottery Districts als auch der differenzierte Eisen- und Stahlstandort Birmingham und das ihn umgebende Black Country angebunden waren. Die ergiebigen Felder von York-, Nottingham- und Derbyshire (YND) machten den Kohlebergbau zum wichtigsten Industriezweig des östlichen Penninenvorlandes. Unter den eingelagerten Eisen- und Stahlstandorten nahm Sheffield eine besondere Stellung für die Verhüttung ein. Ein verzweigtes Eisenbahnnetz verband die Industriegebiete miteinander und mit den übrigen Landesteilen; Crewe und Doncaster waren ausschließlich von der Eisenbahn abhängig.
In den 1950er und 1960er-Jahren wurden die industriellen Zentren zu Zielgebieten einer vorwiegend regionalen Bevölkerungswanderung und 1975 zu Kernstädten von sogenannten metropolitan counties, die neu abgegrenzt wurden, um einheitliche Planungen für die industriellen Ballungsräume zu ermöglichen. Im Jahre 2001 zählte Greater Manchester 2,48 Mio., West Yorkshire 2,08 Mio., Merseyside 1,36 Mio. und South Yorkshire 1,27 Mio. Einwohner. Bereits 1951 war als regionales Erholungsgebiet der Peak District National Park eingerichtet worden.

Deindustrialisierung und neuer Aufschwung
Verschiedene Faktoren wie die Verschärfung der Konkurrenz, die allgemeine Überproduktion auf dem Weltmarkt und veraltete Produktionsmethoden führten seit etwa 1970 zu Absatzschwierigkeiten in der Eisen- und Stahlindustrie. Den umfassenden Konzentrations- und Rationalisierungsmaßnahmen der folgenden Jahre fielen fast alle Verhüttungsstandorte zum Opfer; in den weiterverarbeitenden Industrien wurden die Kapazitäten reduziert. Der Schiffsbau von Liverpool kam fast völlig zum Erliegen, die Automobilproduktion wurde wegen steigender Importe gedrosselt. Veraltete Produktionsanlagen, zu arbeitsintensive Produktionsmethoden und eine geringe Investitionsneigung ließen die Textilindustrie seit 1960 um nahezu 80 Prozent schrumpfen; erhalten blieben nur noch spezialisierte Standorte wie beispielsweise die Strumpf- und Strickwarenindustrie in den East Midlands.
Durch den Niedergang der beiden Schlüsselindustrien, aufgrund der Elektrifizierung der Eisenbahn und infolge steigender Nordseeölförderung sank die Nachfrage nach Kohle drastisch. Unter Aufgabe unproduktiver Standorte im Penninenvorland sank die heimische Steinkohlenproduktion von 219,5 Mio. Tonnen im Jahre 1950 auf 92,8 Mio. Tonnen 1980 und schließlich auf 18,5 Mio. Tonnen 2006. Dabei wurde der Abbau zunächst in den YND-Feldern konzentriert und die Bergbaufront nach Osten vorangetrieben, bis auch hier der Ausleseprozess einsetzte. Mehr als 80 Prozent der gegenwärtigen Förderung dienen ausschließlich der Verstromung in nahe gelegenen Kraftwerken. Die in den letzten Jahren gestiegenen Kosten für importierte Kohle und andere Energieträger haben die Überlebensaussichten der heimischen Steinkohle verbessert; die neue, von Privatfirmen betriebene Steinkohleförderung im Tagebau ist ein Indiz für die Rentabilität der Kohle.
Der Niedergang der alten Schlüsselindustrien hatte in allen Teilen Mittelenglands einen Rückgang der industriellen Fertigung und bis Mitte der 1990er-Jahre auch der Gesamtbeschäftigung zur Folge. Seit den späten 1980er-Jahren gelang es jedoch, vor allem außerhalb der alten Ballungsräume Industrien weiterzuentwickeln — wie die Chemische Industrie im Raum um Liverpool — und neue Unternehmen, insbesondere aus den Bereichen der Konsumgüter- und der Automobilindustrie, anzusiedeln. Wie überall in Großbritannien entstanden in den Dienstleistungsbranchen neue Arbeitsplätze, häufig allerdings nur Teilzeitarbeit. Dennoch blieben die Regionen Mittelenglands bislang tendenziell hinter den südlichen Regionen zurück; ihre Arbeitslosenquoten liegen deshalb über dem nationalen Durchschnitt.
Letztlich belegen sowohl die Rezession der Altindustrien als auch die Neuindustrialisierung der letzten Jahre, vor allem in den East Midlands, die Abkehr der britischen Industrie von einem über die westlichen Häfen zugänglichen Weltreich zugunsten einer Neuorientierung auf Europa.
H.-W. Wehling

Graphiken

Bild

Großbritannien

Download

Google Maps

Zur Orientierung

Die Lage und Ausdehnung dieser Diercke Karte kannst Du Dir zur Orientierung als Kartenrahmen in Google Maps anzeigen lassen.

Jetzt orientieren