Nord- und Mittelengland - Strukturwandel - 1950

Nordirland, England - Räumliche Entwicklungsfaktoren

978-3-14-100803-6 | Seite 125 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 1.500.000
Nord- und Mittelengland | Strukturwandel | Nordirland, England - Räumliche Entwicklungsfaktoren | Karte 125/4

Überblick

Landwirtschaftlich gliedert sich Mittelengland in Anpassung an das regionale Relief und Klima in die Bergländer (traditionell mit Rinderhaltung), in die nördlichen Pennines (mit intensiver Schafhaltung) und in die ackerbaulich genutzten Penninesvorländer. Letztere entwickelten sich ab dem späten 18. Jahrhundert zum Standort einer Reihe industrieller Ballungsräume und ihrer städtischen Zentren. Die beiden Karten (1950 und 2014) lassen die räumlichen Auswirkungen der Deindustrialisierung ab Beginn der 1970er-Jahre und die Folgen des anschließenden wirtschaftlichen Strukturwandels erkennen.

Aufstieg der Industrieregionen Mittelenglands

Zu den traditionellen Schlüsselindustrien Nord- und Mittelenglands zählten neben dem Bergbau vor allem die Textil-, die Eisen- und die Stahlindustrie. Den natürlichen Wasserläufen folgend, war die Textilindustrie weit in die nördlichen Pennines vorgedrungen. In den östlichen Teilen dieser Region stützte sie sich mit ihren Woll- und Kammgarnprodukten vor allem auf die heimische Schafhaltung. In ihren westlichen Gebieten um Manchester, spezialisierte sie sich hingegen auf die Verarbeitung importierter Baumwolle aus Übersee (Einfuhrhafen Liverpool).

Die mittelenglischen Steinkohlevorkommen und importierte Erze waren die Basis für eine starke Konzentration der Eisen- und Stahlindustrie in Manchester. Die Salzvorkommen östlich von Chester wurden zur Grundlage der Chemischen Industrie. Liverpool als wichtigster Hafen wurde Standort des Schiffsbaus und Zentrum der Weiterverarbeitung von Kolonialprodukten wie Tabak, Zucker und Gummi; dieStadt war zugleich Ausgangspunkt eines ausgedehnten, für den Transport von Rohstoffen und Industrieprodukten genutzten Kanalsystems. Ein verzweigtes Eisenbahnnetz verband die Industriegebiete miteinander und mit den übrigen Landesteilen.

In den 1950er und 1960er-Jahren entwickelten sich die industriellen Zentren zu Zielgebieten einer vorwiegend regionalen Bevölkerungswanderung. Im Jahr 2012 zählten die mittelenglischen Metropolitan Counties Greater Manchester 2,70 Mio., West Yorkshire 2,24 Mio., Merseyside 1,39 Mio. und South Yorkshire 1,35 Mio. Einwohner.

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Deindustrialisierung und Strukturwandel

Faktoren wie die Verschärfung der Konkurrenz und veraltete Produktionsmethoden führten ab Beginn der 1970er-Jahre zu einer Absatzkrise in der mittelenglischen Eisen- und Stahlindustrie. Den umfassenden Konzentrations- und Rationalisierungsmaßnahmen der Folgejahre fielen fast alle Verhüttungsstandorte zum Opfer. Auch an den Stahl verarbeitenden Industriestandorten wurden die Kapazitäten reduziert. Veraltete Produktionsanlagen und Produktionsmethoden sowie zu geringe Investitionen ließen die Textilindustrie seit den 1960er-Jahren um nahezu 80 Prozent schrumpfen; erhalten blieben nur einige spezialisierte Standorte.

Durch den Niedergang der Eisen- und Stahlindustrie brach die Nachfrage nach Steinkohle drastisch ein. Viele weniger produktive Bergwerke wurden aufgegeben; die britische Steinkohleförderung sank von 219,5 Mio. Tonnen im Jahre 1950 auf 92,8 Mio. Tonnen 1980 und schließlich auf 16,8 Mio. Tonnen 2012. Damit ist Großbritannien im EU-Vergleich immerhin noch der zweitgrößte Steinkohleproduzent nach Polen (65 Mio. Tonnen), allerdings wird der britische Bedarf inzwischen überwiegend durch Importe gedeckt.

Der Niedergang der alten Schlüsselindustrien (s. o.) hatte in allen Teilen Mittelenglands einen Rückgang der industriellen Produktion und bis Mitte der 1990er-Jahre auch eine rückläufige Gesamtbeschäftigung zur Folge. Seit den späten 1980er-Jahren gelang es jedoch, im Umfeld der alten Ballungsräume Industrien weiterzuentwickeln – wie die chemische Industrie im Raum Liverpool – und neue Unternehmen, insbesondere aus der Metallverarbeitung und des Fahrzeugbaus, aber auch aus den Bereichen Transport, Logistik und Umwelttechnologie anzusiedeln. Wie überall in Großbritannien entstanden im Dienstleistungssektor neue Arbeitsplätze. Nach dem vollzogenen Strukturwandel zählen die alten Industriezentren Manchester und Birmingham heute wieder zu den wirtschaftsstärksten Regionen Englands.

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