Niederschläge im Sommerhalbjahr

Europa - Klima

978-3-14-100770-1 | Seite 99 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 36.000.000
Niederschläge im Sommerhalbjahr |  | Europa - Klima | Karte 99/4

Informationen

Die Niederschlagsverteilung Europas wird entscheidend von der Topographie beeinflusst. Dabei spielen neben der Höhenlage auch Luv- und Lee-Effekte eine wichtige Rolle.
Ein Großteil des Niederschlags in Europa fällt aus wandernden Tiefdruckwirbeln. Diese Tiefdruckgebiete entstehen auf dynamischem Wege unter dem schnellen Höhenwindband des Westwindjets (Polarfrontjet), der ab einem gewissen Temperaturgefälle zwischen Äquator und Pol zu mäandrieren beginnt. Dadurch schieben sich Kaltlufttröge nach Süden und Warmluftrücken nach Norden vor. Unter der Vorderseite eines Troges entsteht unter dem Westwindjet durch Ansaugprozesse nach oben ein bodennahes Tiefdruckgebiet. Es lenkt im Gegenuhrzeigersinn auf seiner Ostseite warme Tropikluft nach Norden und auf seiner Rückseite im Westen kalte Polarluft nach Süden. Dabei entstehen die typischen Warm- und Kaltfronten.
Im Bereich der voranschreitenden Warmfront gleiten die Luftmassen auf die in Bodennähe lagernde kühlere und damit schwerere Luft auf. Durch die einsetzende Kondensation bildet sich an der geneigten und sich zum Teil über mehrere hundert Kilometer erstreckenden Frontfläche Schichtbewölkung (Stratus) aus. Aus ihr können anhaltende Niederschläge fallen, die auch als Landregen bezeichnet werden. An der Kaltfront stoßen polare Luftmassen gegen die warme und damit leichtere Tropikluft vor. Dadurch wird diese angehoben, und es entsteht eine konvektive Bewölkung (Cumulus), aus der Schauerniederschläge fallen. Diese Tiefdruckwirbel sind an die überlagernde Westströmung gekoppelt und wandern daher vom Atlantik in den Kontinent hinein.
Da die Lebensdauer dieser "wandernden Zyklonen" in der Regel nur einige Tage beträgt, nehmen die mit ihnen verbundenen Niederschläge über Europa von West nach Ost allmählich ab. Dadurch ergibt sich ein entsprechendes Gefälle der Niederschlagsverteilung ins Innere des Kontinents. Darüber hinaus stellt sich nach Osten ein zunehmender Jahresgang der Niederschläge mit sommerlichem Regenmaximum ein, der auch als hygrische Kontinentalität bezeichnet wird. Die verstärkte Niederschlagstätigkeit im Sommer resultiert aus der starken Erwärmung der Festlandmassen im Innern des Kontinents. Diese führt zu vertikalen Luftbewegungen und konvektiver Bewölkung mit entsprechenden Niederschlägen.
Neben dem tendenziellen West-Ost-Gefälle der Niederschlagsverteilung in Europa lässt sich deutlich ein Höhenwandel der Niederschlagsmengen erkennen. Mit zunehmender Höhe steigen die Niederschläge in der Regel an. Ursache hierfür sind sowohl Staueffekte als auch die höheren Windgeschwindigkeiten in den Bergregionen, die die Zufuhr feuchter Luftmassen beschleunigen. Eine Nord-Süd-Ausrichtung der Gebirgsketten verstärkt diesen Effekt durch die in der Höhe vorherrschenden Westwinde zusätzlich. Dies wird insbesondere an der Westabdachung des Skandinavischen Gebirges deutlich (vgl. Klimadiagramm Bergen). Im Lee solcher Gebirge gehen die Niederschläge durch Föhneffekte erheblich zurück, wie etwa im Hochland von Spanien.
Die westliche Höhenströmung, unter der die Tiefdruckwirbel entstehen und in deren West-Ost-Zirkulation sie eingebunden sind, verlagert sich im Jahresablauf. Entsprechend verändern sich die Bahnen, auf denen die "wandernden Zyklonen" nach Europa transportiert werden. Im Sommer lenkt ein Keil des Subtropenhochs über den Azoren die Tiefdruckgebiete über Europa nach Norden ab und hält sie dadurch vom Mittelmeerraum fern. Im Winter ist der Westwindjet hingegen nach Süden verlagert und lenkt nun atlantische Tiefs auch ins Mittelmeergebiet. Darüber hinaus entstehen über dem relativ warmen Mittelmeerraum selbst eigenständige Tiefdruckwirbel, wie etwa über dem Golf du Lion oder dem Golf von Genua. Aus diesem Grund fallen die Niederschläge rund um das Mittelmeer vor allem im Winterhalbjahr.
Die Tief- und Hochdruckgebiete steuern durch ihre Eigenzirkulation die Zufuhr unterschiedlicher Luftmassen und der mit ihnen verbundenen Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse nach Europa. So führen Westwinde feuchte Luftmassen vom Atlantik heran. Niederschläge sind dann häufig. Von Norden her strömen kühle bis kalte Luftmassen ein, während eine südliche bis südwestliche Strömung für eine Zufuhr feuchtwarmer Luftmassen sorgt. Ostwinde haben in Europa zumeist trockenes Wetter zur Folge, das im Sommer mit Wärme aus dem Innern des Kontinents, im Winter hingegen mit sibirischer Kaltluft verbunden ist.
P. Frankenberg, A. Siegmund, D. Volz

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