Niederschläge im Jahr

Europa – Klima

978-3-14-100782-4 | Seite 91 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 36.000.000
Niederschläge im Jahr |  | Europa – Klima | Karte 91/3

Überblick


Die Niederschlagsverteilung Europas wird entscheidend von den Windströmungen und dem Relief, also der Gestalt der Erdoberfläche, beeinflusst. Dabei spielen neben der Höhe des Geländes auch Luv- und Lee-Effekte eine wichtige Rolle.
Zu den wichtigsten Windströmungen in Europa zählen feuchte Westwinde (mit kühler Luft im Sommer und milder Luft im Winter), kühle bis kalte Nordwinde, feuchtwarme Süd- und Südwestwinde sowie trockene Ostwinde (mit warmer Luft im Sommer und kalter Luft im Winter).

Westwindjet
In Europa herrscht ein beständiger Westwind vor, der so genannte Westwind- oder Polarfrontjet. Dieser Luftstrom befindet sich in relativ großer Höhe und wird daher als Höhenwind bezeichnet. Bei großen Temperaturunterschieden der Luft zwischen dem Äquator und dem Nordpol fängt der Westwindjet an zu „schlingern“. Durch die wellenförmige Strömung gelangt kalte Luft sehr weit nach Süden und warme Luft sehr weit nach Norden. Diese Ausbuchtungen im Luftstrom nennt man Kaltlufttröge bzw. Warmluftrücken.
Unter einem Kaltlufttrog entstehen in Bodennähe Tiefdruckgebiete, die sich wie ein Wirbel bewegen. Diese Tiefdruckwirbel, auch Zyklone genannt, „wandern“ mit der Westwindströmung vom Atlantik über den europäischen Kontinent hinweg. Entgegen dem Uhrzeigersinn wird in diesen Windwirbeln warme tropische Luft nach Norden transportiert und kalte Polarluft nach Süden. Dadurch entstehen Warmluft- und Kaltluftfronten. Zieht nun eine Warmfront von West nach Ost, holt diese irgendwann die langsamere Kaltfront ein. Die warme, leichte Luft schiebt sich über die kalte, schwere Luft und kühlt beim Aufsteigen ab. Da kalte Luft weniger Wasser in gasförmigem Zustand speichern kann als warme Luft, kommt es schließlich zur Kondensation des in der Luft enthaltenen Wasserdampfes und es beginnt zu regnen.

Niederschlagsverteilung in Europa
Aus den wandernden Tiefdruckwirbeln („wandernde Zyklonen“) stammt ein Großteil des Niederschlags in Europa. Da sich diese Zyklonen in der Regel nach wenigen Tagen auflösen, nehmen auch die mit ihnen verbundenen Niederschläge über Europa von West nach Ost allmählich ab. Dadurch gibt es im Osten Europas tendenziell weniger Niederschläge als im Westen.
Neben dem West-Ost-Gefälle der Niederschlagsmengen lassen sich in Europa auch Unterschiede in der Höhe feststellen. In der Regel steigen die Niederschläge mit zunehmender Höhe an. Ursache hierfür sind einerseits Regenwolken, die sich an den Luvseiten der Berghänge stauen. Andererseits sorgen auch die höheren Windgeschwindigkeiten in den Bergregionen dafür, dass feuchte Luftmassen vom Meer schneller zugeführt werden. Verstärkt wird der Höheneffekt, wenn Gebirge in Nord-Süd-Richtung verlaufen.
Aufgrund der vorherrschenden Westwinde sind die Luv- und Lee-Effekte dann besonders ausgeprägt. Ein gutes Beispiel ist das Skandinavische Gebirge: Während auf der nach Westen geneigten Seite hohe Niederschläge fallen (Luv-Lage), gehen die Niederschläge auf der Ostseite (Lee-Lage) deutlich zurück.

P. Frankenberg, A. Siegmund, D. Volz, M. Schneider, S. Lemke

Info Plus

Die Niederschlagsverteilung Europas wird entscheidend von der Topographie beeinflusst. Dabei spielen neben der Höhenlage auch Luv- und Lee-Effekte eine wichtige Rolle.
Ein Großteil des Niederschlags in Europa fällt aus wandernden Tiefdruckwirbeln. Diese Tiefdruckgebiete entstehen auf dynamischem Wege unter dem schnellen Höhenwindband des Westwindjets (Polarfrontjet), der ab einem gewissen Temperaturgefälle zwischen Äquator und Pol zu mäandrieren beginnt. Dadurch schieben sich Kaltlufttröge nach Süden und Warmluftrücken nach Norden vor. Unter der Vorderseite eines Troges entsteht unter dem Westwindjet durch Ansaugprozesse nach oben ein bodennahes Tiefdruckgebiet. Es lenkt im Gegenuhrzeigersinn auf seiner Ostseite warme Tropikluft nach Norden und auf seiner Rückseite im Westen kalte Polarluft nach Süden. Dabei entstehen die typischen Warm- und Kaltfronten.
Im Bereich der voranschreitenden Warmfront gleiten die Luftmassen auf die in Bodennähe lagernde kühlere und damit schwerere Luft auf. Durch die einsetzende Kondensation bildet sich an der geneigten und sich zum Teil über mehrere hundert Kilometer erstreckenden Frontfläche Schichtbewölkung (Stratus) aus. Aus ihr können anhaltende Niederschläge fallen, die auch als Landregen bezeichnet werden. An der Kaltfront stoßen polare Luftmassen gegen die warme und damit leichtere Tropikluft vor. Dadurch wird diese angehoben, und es entsteht eine konvektive Bewölkung (Cumulus), aus der Schauerniederschläge fallen. Diese Tiefdruckwirbel sind an die überlagernde Westströmung gekoppelt und wandern daher vom Atlantik in den Kontinent hinein.
Da die Lebensdauer dieser "wandernden Zyklonen" in der Regel nur einige Tage beträgt, nehmen die mit ihnen verbundenen Niederschläge über Europa von West nach Ost allmählich ab. Dadurch ergibt sich ein entsprechendes Gefälle der Niederschlagsverteilung ins Innere des Kontinents. Darüber hinaus stellt sich nach Osten ein zunehmender Jahresgang der Niederschläge mit sommerlichem Regenmaximum ein, der auch als hygrische Kontinentalität bezeichnet wird. Die verstärkte Niederschlagstätigkeit im Sommer resultiert aus der starken Erwärmung der Festlandmassen im Innern des Kontinents. Diese führt zu vertikalen Luftbewegungen und konvektiver Bewölkung mit entsprechenden Niederschlägen.
Neben dem tendenziellen West-Ost-Gefälle der Niederschlagsverteilung in Europa lässt sich deutlich ein Höhenwandel der Niederschlagsmengen erkennen. Mit zunehmender Höhe steigen die Niederschläge in der Regel an. Ursache hierfür sind sowohl Staueffekte als auch die höheren Windgeschwindigkeiten in den Bergregionen, die die Zufuhr feuchter Luftmassen beschleunigen. Eine Nord-Süd-Ausrichtung der Gebirgsketten verstärkt diesen Effekt durch die in der Höhe vorherrschenden Westwinde zusätzlich. Dies wird insbesondere an der Westabdachung des Skandinavischen Gebirges deutlich (vgl. Klimadiagramm Bergen). Im Lee solcher Gebirge gehen die Niederschläge durch Föhneffekte erheblich zurück, wie etwa im Hochland von Spanien.
Die westliche Höhenströmung, unter der die Tiefdruckwirbel entstehen und in deren West-Ost-Zirkulation sie eingebunden sind, verlagert sich im Jahresablauf. Entsprechend verändern sich die Bahnen, auf denen die "wandernden Zyklonen" nach Europa transportiert werden. Im Sommer lenkt ein Keil des Subtropenhochs über den Azoren die Tiefdruckgebiete über Europa nach Norden ab und hält sie dadurch vom Mittelmeerraum fern. Im Winter ist der Westwindjet hingegen nach Süden verlagert und lenkt nun atlantische Tiefs auch ins Mittelmeergebiet. Darüber hinaus entstehen über dem relativ warmen Mittelmeerraum selbst eigenständige Tiefdruckwirbel, wie etwa über dem Golf du Lion oder dem Golf von Genua. Aus diesem Grund fallen die Niederschläge rund um das Mittelmeer vor allem im Winterhalbjahr.
Die Tief- und Hochdruckgebiete steuern durch ihre Eigenzirkulation die Zufuhr unterschiedlicher Luftmassen und der mit ihnen verbundenen Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse nach Europa. So führen Westwinde feuchte Luftmassen vom Atlantik heran. Niederschläge sind dann häufig. Von Norden her strömen kühle bis kalte Luftmassen ein, während eine südliche bis südwestliche Strömung für eine Zufuhr feuchtwarmer Luftmassen sorgt. Ostwinde haben in Europa zumeist trockenes Wetter zur Folge, das im Sommer mit Wärme aus dem Innern des Kontinents, im Winter hingegen mit sibirischer Kaltluft verbunden ist.
P. Frankenberg, A. Siegmund, D. Volz