Niederlande - Neulandgewinnung

Leben mit dem Wasser

978-3-14-100870-8 | Seite 133 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 2.000.000
Niederlande | Neulandgewinnung | Leben mit dem Wasser | Karte 133/3

Überblick

Am Ende der letzten Eiszeit, der Weichsel-Eiszeit (ca. 70 000 - 10 000 v. Chr.) transportierten die Schmelzwässer der Gletscher durch das Urstromtal des Rheins neben Kies, Sand und Schluff auch großen Mengen an Ton in Richtung Nordsee. Weil es keine geschlossene Vegetationsdecke gab, waren die feinkörnigen eiszeitlichen Ablagerungen den Winden ausgesetzt. Weite Teile des Landes wurden mit einer Schicht aus Flugsanden überdeckt, im südlichen Landesteil teilweise auch mit fruchtbarem Löss. Wo die Schmelzwässer nicht in den tonhaltigen Untergrund einsickern konnten, bildeten sich ausgedehnte Hochmoore, deren Restbestände sich heute vor allem im Osten des Landes finden.

Landgewinnung in der Neuzeit

Zu Beginn der Neuzeit wies der westliche Landesteil, der heute die Provinzen Noord- und Süd-Holland umfasst, bereits einen überdurchschnittlich hohen Verstädterungsgrad und eine intensive agrarische Nutzung auf, mit Beginn des Kolonialzeitalters ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert entwickelte er sich zum wirtschaft-lichen Kernraum des Landes - dies ist der Grund, warum "Holland" in vielen Sprachen bis heute als ein Synonym für den Landesnamen Niederlande verwendet wird.

Ab etwa 1600 wurde es durch technische Entwicklungen möglich, immer größere Flächen im Inland und an der Küste trockenzulegen. Allerdings wurden zur selben Zeit viele Niedermoorgebiete systematisch abgetorft, um Salz und Brennmaterial für die Städte im Westen zu gewinnen, was die Gefahr der Überflutung durch die weitflächige Abtragung des Bodens und das Absacken des anmoorigen Untergrundes zusätzlich verstärkte. Sturmfluten rissen tiefe Buchten in das von Binnenseen und Mooren durchsetzte Depressionsgebiet, weshalb die Provinz Noord-Holland um 1630 eher einem Archipel als einer zusammenhängenden Festlandfläche glich. Bis zu diesem Zeitpunkt versuchten sich die Einwohner der Provinz Holland noch durch die Anlage von Deichen und die Aufhöhung der städtischen Siedlungsflächen vor dem Wasser zu schützen.

Doch wenig später, etwa um die Mitte des 17. Jahrhunderts, fassten sie mit Unterstützung kapitalträchtiger Händler den Entschluss, dem Wasser den Kampf anzusagen, um die Gefahr von Sturmfluten zu verringern und um dringend benötigtes Agrarland zu gewinnen Eine wichtige Rolle spielten dabei die neu entwickelten Windmühlen mit drehbarer Haube, mit deren Hilfe es möglich war, Wasser aus großen Flächen abzupumpen. Im Zuge der groß angelegten "Droogmakerijen" im 17. und 18. Jahrhundert wurden flache Binnengewässer zunächst eingedeicht, dann leergepumpt und anschließend einer künstlichen Regulierung des Grundwasserstandes durch die Anlage von Entwässerungsgräben unterworfen.

Im 19. Jahrhundert waren es dann die Dampfschöpfwerke, durch die noch größere und tiefer gelegene Gebiete trockengelegt werden konnten. Zu diesen Flächen gehörte neben anderen das 18 000 Hektar große Haarlemmermeer bei Amsterdam, dessen Wasserlinie sich zuvor bei jedem Südweststurm bedrohlich der Stadt genähert hatte. Im Nordostteil des Harlemmermeers liegt heute der Flughafen Schiphol 4,7 Meter unter dem Meeresspiegel. Der Name Schiphol, "Schiffsgrab", erinnert daran, dass hier früher viele Schiffe in Südweststürmen gekentert sind.

Die mit Diesel oder Strom angetriebenen Pumpen des 20. Jahrhunderts machten es schließlich möglich, mehr als 100 Quadrat-kilometer große Polder in der ehemaligen Zuiderzee, dem heutigen IJsselmeer, zu errichten. Zu Beginn des Zuiderzeeprojektes wurde 1932 im Norden ein 30 Kilometer langer Abschlussdamm gebaut, der die damalige Zuiderzee vom Wattenmeer trennte. Die allmählich ausgesüßte Zuiderzee bekam den Namen IJsselmeer. Die vier auf der Karte eingetragenen Polder, die eine Gesamtfläche von 1650 Quadratkilometern haben, sollten Agrargebiete werden. Fast 90 Prozent der Nordostpolder werden auch heute noch für die Landwirtschaft genutzt, während es im Ost- und Südflevoland nur etwa 60 Prozent sind. Fast ein Viertel der Fläche sind dort Wald- und Naturgebiet. Die verbliebenen Wasserflächen wie das Ijsselmeer und das Markermeer stehen unter Schutz, nicht nur aufgrund ihres Naturwerts, sondern auch, weil man sie als Süßwasserreservoir und Auffangbecken für Flusswasser benötigt. Westlich von Arnheim wurden am Niederrhein Stauwerke gebaut, durch die Rheinwasser in das IJsselmeer umgeleitet werden kann.

Die Landgewinnung ist im 21. Jahrhundert kaum noch von Bedeutung, abgesehen von den jüngsten Erweiterungen im Hafengebiet von Rotterdam, die aber flächenmäßig im Vergleich zur früheren Neulandgewinnung kaum ins Gewicht fallen.

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