Neu-Anspach - Siedlungsschwerpunkt im Planungsverband Frankfurt/Rhein-Main

Deutschland – Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen

100750 | Seite 54 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 60.000
Neu-Anspach | Siedlungsschwerpunkt im Planungsverband Frankfurt/Rhein-Main | Deutschland – Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen | Karte 54/1

Informationen

Aus dem Vergleich der Karten von 1910 und 2007 geht hervor, dass sich in Anspach, dem größten der vier Ortsteile von Neu-Anspach, in den letzten 100 Jahren ein grundlegender Wandel in der Sozial- und Wirtschaftsstruktur vollzogen hat. Im 19. Jahrhundert war Anspach ein klein- und zwergbäuerlicher Ort mit starken heimgewerblichen Existenzanteilen, der um 1900 begann, sich zur Arbeiterwohngemeinde zu wandeln und sich zugleich räumlich auszudehnen.
Nach 1950 hat sich die Dorffläche um das Fünffache erweitert. Allerdings sind die Gebäude heute nicht mehr so dicht verschachtelt wie in dem alten Haufendorf. Es handelt sich weitgehend um frei stehende Einzelhausbebauung ohne jegliche Scheunen- und Wirtschaftsgebäude, wohl aber mit Gärten und Freizeitflächen. Die größeren öffentlichen Gebäude und Industriebetriebe bezeugen, dass sich die Entwicklung zur gewerbestarken Wohngemeinde vollzogen hat. Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialstruktur In der stark agrarisch geprägten Gemeinde Anspach bestand vor dem Ersten Weltkrieg noch mehr als 90 Prozent der Bausubstanz aus kleinen Bauernhöfen, also Wohngebäuden mit Scheunen und Stallungen. Das Zusammenspiel zwischen einer vergleichsweise großen Bevölkerung einerseits und dem System der Realteilung andererseits hatte schon im 19. Jahrhundert eine klein- und zwergbäuerliche Struktur hervorgebracht. Bereits um 1780 reichte für über die Hälfte der Bevölkerung die vor Ort erzeugte Nahrung nicht mehr aus. Eine ausreichende Versorgung konnte nur durch Nebeneinkommen gesichert werden, die insbesondere im Heimgewerbe der Nagelschmiederei und der Weberei gefunden wurden.
Diese Heimgewerbe erfuhren jedoch im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen der Industrie und dem damit einhergehenden Preisverfall einen Niedergang. Anspach wurde zeitweise Notstandsgebiet, was auch für die Feldbergdörfer, allerdings nicht so sehr für die kleinen Nachbargemeinden Rod am Berg, Hausen und Westerfeld galt. Viele Menschen mussten sich als Tagelöhner bei den großen Bauern verdingen, andere wanderten in die Städte des Rhein-Main-Gebietes oder nach Amerika aus.
Dieser Prozess der Landflucht erreichte vor der Wende zum 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Andererseits kamen kleine dörfliche Gewerbe in der Holzverarbeitung auf, darunter Schreinereien und Sägewerke, später auch das Metall- und Reparaturgewerbe. In den Gründerjahren (1875—1890) wurde die Not der einkommensschwachen Schichten durch die Gründung von drei Knopffabriken gemindert; noch in den 1920er-Jahren beschäftigten diese lokalen Fabriken etwa 500 Frauen und Mädchen.
1895 wurde Anspach durch die Eisenbahn an das Rhein-Main-Gebiet angeschlossen. Daher wundert es nicht, dass sich um 1900 — also noch vor dem Ersten Weltkrieg — die kleinbäuerliche Agrargemeinde aus einigen Handwerkern und Arbeiterbauern allmählich in eine Arbeiterwohngemeinde umwandelte. Statt neuer Bauernhöfe wurden fast nur noch reine Wohnhäuser gebaut, nach dem Ersten Weltkrieg auch erste kreis- oder gemeindeeigene Mietshäuser (Wohnvorortbildung), gleichzeitig eröffneten die ersten Ladengeschäfte. Die Ausdehnung der Siedlung verlief in erster Linie in Richtung des Bahnhofs und der steileren Berghänge, wo das Bauland außerordentlich preiswert war.

Entwicklung zum Siedlungsschwerpunkt
Die größten Siedlungsveränderungen ereigneten sich jedoch nach 1950. Zur Ausdehnung der Siedlungsfläche führte in erster Linie nicht nur der Zustrom von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus dem Osten, sondern mehr noch das Phänomen der Stadtflucht, der Trend zum "Wohnen im Grünen". Hinzu kam das Verbleiben der ortsansässigen Bevölkerung, die, animiert durch den Aufschwung durch das "Wirtschaftswunder" und eine entsprechende Baupolitik, ihren Wohnsitz in Anspach errichteten.
Am Südwestrand von Hausen wurde zu Beginn der 1960er-Jahre ein neues Baugebiet erschlossen, gleiches geschah nur wenige Jahre später im Nordwesten von Westerfeld, sodass auch hier ein Zustrom der Bevölkerung in neue Wohnbereiche zu verzeichnen war. Am stärksten jedoch profitierte Anspach von dem Zuwachs, der aus dem Kernraum Rhein-Main über den Taunus "schwappte". Die Siedlungsfläche wurde um das Vier- bis Fünffache des bisherigen Umfangs erweitert, obwohl sich die Bevölkerung im gleichen Zeitraum lediglich verdoppelte. Diese Entwicklung trug Züge einer Zersiedlung. Die flächenintensive Bauweise wurde erst mit der Ausweisung als Siedlungsschwerpunkt mit verdichteter Flachbauweise, also einer höheren Ausnutzungsziffer der Bauplätze, gestoppt. Der ursprüngliche Stadtentwicklungsplan hatte eine Zahl von 35 000 Neuansiedlungen in der Gemeinde vorgesehen, dieser Eckwert wurde jedoch nach dem Rückgang des Bevölkerungsdrucks ab etwa 1973 ungefähr um die Hälfte reduziert.
Die städtebaulichen Ziele wurden dabei jedoch nicht aus den Augen verloren. Die wirtschaftlich sinnvolle Fernerschließung mit Erdgas, Wasser, Telefon, Fernsehen, Abwasserentsorgung usw. ist inzwischen abgeschlossen, ebenso die Neuerschließung von Wohngebieten. Zwischen Hauen, Westerfeld und Bahnhof liegen heute zwei gut ausgelastete Gewerbegebiete, durch die es zur Neuansiedlung von Arbeitsplätzen kam. Das 1974 entstandene Gewerbegebiet "Feldchen" beheimatet gegenwärtig rund 60 Betriebe, das erst nach 1990 erschlossene Gewerbegebiet "Am Burgweg" verfügt schon jetzt nur noch über geringe Flächenreserven.
Zugleich wird der Ausbau der Infrastruktur fortgeführt; allein zwischen 1999 und 2001 entstanden drei neue Kindertagesstätten, ein Jugendzentrum, ein Schulsportplatz, eine Sporthalle, ein Feuerwehr-Gerätehaus und ein Bauhof.
E. Ernst