Mittleres Etschtal - Wandel der Landnutzung

Südtirol – Räume im Wandel

978-3-14-100782-4 | Seite 23 | Abb. 3
Mittleres Etschtal | Wandel der Landnutzung | Südtirol – Räume im Wandel | Karte 23/3

Informationen


Die drei Karten „vor 1880“, „um 1925“ und „heute“ sind nicht genordet und zeigen einen Ausschnitt des mittleren Etschtals zwischen Meran im Nordwesten und Bozen im Südosten. Die Illustration und das Foto bilden die Situation bei Marling ab, das rund 6 km flussaufwärts des Kartenausschnitts liegt.

Das mittlere Etschtal im 19. Jahrhundert
Bei der Interpretation des Bildes von 1840 fällt die weite Flusslandschaft mit ihren ausgedehnten Auenwäldern und Sümpfen auf. Die Siedlungen sind klein und liegen bevorzugt an den hochwassersicheren Hangfüßen oder auf Schwemmfächern der Bäche, die in die Etsch münden. Im Vordergrund sind Weinreben zu erkennen.
Die Karte bestätigt diese Beobachtungen: In der Nordwesthälfte dominiert Auwald, der die Talsohle an manchen Stellen über ihre gesamte Breite einnimmt. Im Südostabschnitt liegen ausgedehnte Sümpfe oder Moore, die auf 11 km Länge vom Etschgraben durchzogen werden, der zur Entwässerung angelegt wurde.
Auf den Hängen ist Wald die vorherrschende Vegetationsform. Dort, wo er gerodet wurde, wird Landwirtschaft betrieben. Die am weitesten verbreitete Bodennutzung ist der Weinbau. Die Reben stehen in isolierten Lagen beiderseits des Flusses, die größte Konzentration findet sich rund um die Ortschaften Missian und Sankt Pauls. Der Talabschnitt wird auf seiner ganzen Länge von einer Landstraße erschlossen. Die Siedlungen sind durch kleinere Straßen miteinander verbunden.

Das mittlere Etschtal im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
Um das Jahr 1925 haben sich Land- und Bodennutzung deutlich gewandelt. Im flussaufwärts anschließenden Vinschgau hatte man die Arbeiten an der Etschregulierung bereits 1850 abgeschlossen. Für die in der Karte verzeichnete Gemeinde Gargazon etwa wurde ein entsprechendes Gesetz erst 1876 unterzeichnet. Die Kultivierung der dortigen Flächen dauerte schließlich von 1908 bis 1940. Auf der Karte fällt die Begradigung der Etsch auf: Die Auenwälder sind verschwunden, die Sümpfe und Moore dehnen sich nicht mehr so weit aus. Die Rodungsinseln auf den Hängen und Höhen wurden nur unwesentlich vergrößert, denn die ertragreiche Landwirtschaft konnte nun auf dem Talboden betrieben werden.
In den lukrativsten Lagen wurde der Weinbau ausgedehnt. In anderen wurde er durch eine neue Kultur verdrängt, die optimal zum milden Klima passt: den Obstanbau. Wo noch ein halbes Jahrhundert zuvor Naturlandschaft herrschte, gedeihen nun Apfel- und Birnbäume. Die Grafik unterhalb der Karten zeigt, dass die Ernte von Äpfeln und Birnen bereits 1936/39 ertragreicher war als die von Weintrauben. Zeitgleich zur Flussregulierung begann der Bau der Eisenbahntrasse. 1881 wurde die 32 km lange Strecke zwischen Meran und Bozen eingeweiht. Bei Terlan und Siebeneich sind noch die Kurven zu erkennen, die dem ursprünglichen Verlauf der Etsch folgten.

Das mittlere Etschtal heute
Heute wird der Boden im mittleren Etschtal fast flächendeckend von Obstbaumkulturen eingenommen, was das Foto von 2013 illustriert. Bei den Jahresernten wurden bereits 1970 mit Äpfeln die größten Erträge erzielt. 2011 war die Dominanz der Äpfel eindeutig, während Birnen fast keine Rolle mehr spielten und Weintrauben ihren Rang auf geringerem Niveau halten konnten. Selbst auf einigen zuvor anders genutzten Rodungsinseln werden heute Obstbäume kultiviert.
Insgesamt hat sich die Wirtschafts- und Infrastruktur des mittleren Etschtals sehr verändert: Der Anteil der bebauten Flächen hat zugenommen. Auffällig ist der Anstieg bei den Industrie- und Gewerbeflächen, bei denen weiterverarbeitende Betriebe der Obstwirtschaft eine Rolle spielen. Die Randbezirke von Bozen haben sich so sehr ausgeweitet, dass die Stadt nun auf dem Kartenausschnitt verzeichnet ist.
Parallel zur Etsch verläuft seit 1999 eine MeBo genannte Schnellstraße. Damit wurde die Landstraße entlastet, auf der bis dahin der stetig zunehmende Verkehrsstrom durch die Orte geführt worden war. Mit der MeBo hat sich auch der Stellenwert des Tourismus als Wirtschaftsfaktor erhöht. Als Indikator des Tourismus finden sich zwei Seilbahnen im Kartenbild. Die von Burgstall nach Vöran wurde bereits 1957 eröffnet.

Dietmar Falk