Mittelamerika - Wirtschaft

Mittelamerika – Wirtschaft

978-3-14-100782-4 | Seite 156 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 16.000.000
Mittelamerika | Wirtschaft | Mittelamerika – Wirtschaft | Karte 156/1

Informationen

Der mittelamerikanische Wirtschaftsraum wird heute noch stark durch die Landwirtschaft bestimmt. In den meisten Staaten dominieren ein bis zwei agrare Exportprodukte, wodurch sich eine starke Abhängigkeit von den Weltmarkterlösen dieser Devisenbringer ergibt. In vielen Fällen hat die staatlich geförderte Exportproduktion wachsender Großbetriebe die bäuerliche Anbauwirtschaft für die Selbstversorgung und den Inlandsmarkt verdrängt. Hieraus ergeben sich soziale Probleme und Engpässe bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Ein raumprägendes Strukturmerkmal ist die Plantagenwirtschaft. Man versteht hierunter nicht nur einen agraren Produktionskomplex, sondern zugleich ein soziales und politisches System, dessen Wurzeln bis in die Kolonialzeit zurückreichen und das seinen Höhepunkt um 1900 erreichte. Die wichtigsten Produkte sind Zuckerrohr, Bananen und Palmöl, daneben werden auch Baumwolle, Kakao, Zitrusfrüchte und Ananas sowie in geringerem Maße Kaffee und Tabak von ausländischen Kapitalgesellschaften in agroindustriellen Großbetrieben angebaut.
Im sekundären Wirtschaftssektor treten die Schwerpunkträume im Süden der USA, im östlichen und zentralen Mexiko und im nördlichen Südamerika deutlich hervor. Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie petrochemische Industrie und Großraffinerien ballen sich an wenigen Standorten, während die übrigen Bodenschätze und Verarbeitungsanlagen eher gestreut auftreten. Moderne Wachstumsindustrien finden sich nur in den USA. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Ciudad Guayana in Venezuela; Monterrey in Mexiko) überwiegen in den übrigen Staaten Leichtindustrien (Textil-, Nahrungs- und Genussmittelbranche sowie Holzverarbeitung). Die bescheidenen Erfolge einer importsubstituierenden Industrialisierung in den Kleinstaaten stehen im Zusammenhang mit der Einrichtung gemeinsamer Märkte in Zentralamerika und der Karibik. Da hierzu Kapital, Maschinen, Knowhow und Vorprodukte aus dem Ausland importiert werden mussten, ergaben sich viele Nachteile, sodass heute wieder stärker exportorientierte Industrialisierungsstrategien verfolgt werden, z. B. im Rahmen einer Lohnveredelung von Vorprodukten, die zollfrei ein- und ausgeführt werden können. Diese Strategie zielt v. a. auf die USA, hier wurden seit Ende der 1980er-Jahre die meisten Arbeitsplätze im Produzierenden Sektor geschaffen.
Der Ferntourismus hat für die kleineren Karibik-Inseln und Standorte im Pazifischen Küstenbereich vitale Bedeutung erlangt. Spezielle Dienstleistungen im internationalen Finanzgeschäft ließen u. a. auf den Bahamas, den Cayman-Inseln und in Panama punktuell größere Bankzentren entstehen, die als Steueroasen einzustufen sind und eine bedeutende, oft kritisch bewertete Rolle in der globalisierten Wirtschaft spielen.
Die natürlichen Gunsträume Mittelamerikas werden zugleich in hohem Maße durch Naturkatastrophen bedroht. Neben den tropischen Wirbelstürmen, die insbesondere in der Karibik auftreten, treten Vulkanausbrüche und Erdbeben auf und vernichten in unregelmäßigen Abständen Menschenleben und Sachwerte. Besonders betroffen ist der pazifische Teil der Landbrücke.
H. Nuhn