Minderheiten

USA – Bevölkerung

978-3-14-100782-4 | Seite 152 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 36.000.000
Minderheiten |  | USA – Bevölkerung | Karte 152/2

Informationen

Die amerikanische Nation begreift sich als "nation of immigrants", und in der Tat ist seit den ersten Siedlern der Strom der Einwanderer nie abgerissen. Erst seit 1820 liegen zuverlässige Angaben über die Zahl und Herkunft der Immigranten vor. Seit diesem Zeitpunkt sind bis zum Jahre 2005 etwas mehr als 70 Mio. Menschen in die USA eingewandert; von diesen sind allerdings etwa 20 Prozent wieder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt.

Einwanderung und ethnische Minderheiten
Bis zum ersten Weltkrieg stellten die Europäer mit Abstand das Hauptkontingent der Einwanderer. Unter ihnen dominierten bis etwa 1880 die West-, Nord- und Mitteleuropäer, einschließlich der Deutschen, während nachfolgend die Immigranten aus Süd- und Osteuropa — darunter zahlreiche Juden, die vor den Pogromen im zaristischen Russland flohen — die Mehrheit bildeten.
Nach einer vier Jahrzehnte dauernden Phase mit niedrigen Einwandererzahlen kam es mit der Reform der Immigrationsgesetze 1965 zu einem neuen und bis in die Gegenwart anhaltenden Einwanderungsstrom. Dabei änderte sich allerdings die Zusammensetzung der Immigranten grundlegend: Neben der — stark nach Herkunftsländern differenzierten — Gruppe der Asiaten dominieren seither die Zuwanderer aus Lateinamerika, vor allem aus dem benachbarten Mexiko. Neben den offiziell zugelassenen Migranten gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und einer Verbesserung ihrer Lebensumstände "illegal" ins Land gekommen sind. Ihre Zahl wurde im Jahre 2005 auf 10,5 Mio. geschätzt, darunter waren allein 6 Mio. Menschen aus Mexiko.
Die starke Einwanderung nach 1960 im Umfang von knapp 30 Mio. hat nicht nur zu einer tief greifenden Umgestaltung der ethnischen Landkarte der Vereinigten Staaten geführt, sondern auch neue Minderheiten und Integrationsprobleme geschaffen. Stellten die "Weißen" vornehmlich europäischer Herkunft 1970 noch 83,2 Prozent der Einwohner, so sank ihr Anteil bis 2004 auf 67,3 Prozent (vgl. Kreisdiagramm im Atlas). Nach den vorliegenden Prognosen wird ihr Anteil bis Mitte des 21. Jahrhunderts auf 50 Prozent fallen. Starke Zuwachszahlen verzeichnen hingegen die Asiaten und Hispanics. Letztere haben bereits zahlenmäßig die Afroamerikaner übertroffen. Unter "Hispanics" oder auch "Latinos" wird die spanisch sprechende Bevölkerung unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit verstanden.

Die afroamerikanische Bevölkerung der USA
Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert konzentrierte sich die Mehrheit der afroamerikanischen Bevölkerung auf die sogenannten Südstaaten im Südosten des Landes. Die Bevölkerung der übrigen Bundesstaaten wurde — von den Indianern, den Nachfahren spanisch-mexikanischer Kolonisten im Südwesten sowie kleineren Gruppen von Chinesen abgesehen — eindeutig von den Nachkommen der "weißen" europäischen Einwanderer dominiert. Die Schwarzen waren ab dem frühen 17. Jahrhundert als Sklaven in die britischen Kolonien verschleppt worden, um dort als billige und rechtlose Arbeitskräfte auf den Baumwoll-, Tabak- und Reisplantagen zu arbeiten und den Wohlstand der Kolonien zu sichern. Obwohl bereits 1808 die weitere "Einfuhr" von Sklaven gesetzlich unterbunden wurde, kamen bis 1860 mindestens weitere 250 000 Sklaven illegal ins Land. Auch die am 1. Januar 1863 durch Abraham Lincoln verkündete Sklavenbefreiung verhinderte nicht, dass die Afroamerikaner noch ein weiteres Jahrhundert lang der sozialen und politischen Diskriminierung und der wirtschaftlichen Benachteiligung ausgesetzt waren.
Erst nach der Wende zum 20. Jahrhundert kam es im Zuge der "great migration" zu einer verstärkten Wanderung der Schwarzen aus dem agrarischen Süden in die Industriestädte des Nordens und Westens und in der Folge zur Herausbildung großer Ghettos wie beispielsweise Harlem in New York. Seit etwa zwei Jahrzehnten hat sich jedoch das traditionelle Wanderungsmuster der Afroamerikaner grundlegend gewandelt, da diese verstärkt aus den Städten des Nordostens, des Mittleren Westens und des Westens in den wirtschaftlich aufstrebenden Süden wandern und damit in die Herkunftsgebiete ihrer Vorfahren zurückkehren.

Räumliche Verteilungsmuster
Die "ethnische Landkarte" ist im Laufe der Jahrzehnte zunehmend bunter geworden: Während die Afroamerikaner ihren Schwerpunkt nach wie vor im Süden haben, aber auch beachtliche Anteile im traditionellen "manufacturing belt" im Nordosten und Mittleren Westen stellen, haben sich die Hispanics über weite Teile des Westens und Südens ausgebreitet, aber auch beispielsweise Illinois (Chicago) oder die Staaten an der Ostküste stärker besiedelt. Demgegenüber sind die Asiaten, die von allen ethnischen Gruppen am stärksten verstädtert sind, vor allem in den großen Metropolen des Landes zu finden, abgesehen von ihrem flächenhaften Auftreten in Kalifornien. Die indianische Bevölkerung stellt in den allermeisten Staaten nur eine kleine Minderheit, auch wenn ihre Gesamtzahl mit knapp 3 Mio. Menschen (2006) inzwischen wieder den Stand vor Ankunft der Europäer erreicht — und vermutlich sogar überschritten — hat. Mittlerweile gibt es neben der Hauptstadt Washington die vier Bundesstaaten Kalifornien, Hawaii, New Mexiko und Texas, die sich durch eine "majority of minorities" auszeichnen. Unter diesen Staaten kommt Kalifornien dem Bild einer "multikulturellen" Bevölkerung wohl am nächsten.
Die USA als "melting pot of nations", in dem durch einen Prozess des kulturellen Austauschs und der wechselseitigen Angleichung der Einwanderer ein neuer, amerikanischer Menschentypus geboren wird, dieses Modell des Zusammenlebens der Menschen unterschiedlichster Herkunft in einer gemeinsamen Nation hat sich zweifellos als Mythos erwiesen. Die soziale Realität der Vereinigten Staaten wurde in der Vergangenheit eher durch "Anglokonformität", also durch die Dominanz einer angelsächsisch geprägten Kultur und Lebensweise bestimmt. Angesichts der wachsenden ethnischen Diversifizierung spricht allerdings vieles dafür, dass sich die USA in Zukunft stärker in Richtung auf eine multikulturell geprägte Gesellschaft hin entwickeln werden und damit einem Modell folgen, das populär als "salad bowl" bezeichnet wird.
H. D. Laux, G. Thieme

Graphiken

Bild

Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Washington D.C.

Download

Bild

Ethnische Differenzierung von Metropolitan Areas in den USA (2000)

Quelle: H.-D. Laux, Bonn; G. Thieme, Köln
Geographische Rundschau 2005 (10), S. 45
Download

Bild

Schwarze Musiker in einem Park in Harlem

Foto: H.-D. Laux, Bonn; G. Thieme, Köln
Download

Bild

Graffito an einer Wand in East Los Angeles

Foto: H.-D. Laux, Bonn; G. Thieme, Köln
Download